Jüngster Tag mit Church Of Misery im Channel Zero (2009)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Channel Zero / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 05.05.2009
Besucherzahl: 40
Kartenpreis: 7,00
Channel Zero, die alternative Hochburg des slowenischen Rock-Undergrounds, erwachte am 05.05.2009 in der eigenartigen Vibration zweier äußerst interessanter Bands zum Leben, die ihre Kräfte für eine gemeinsame Europatournee gebündelt hatten. Die Rede ist von der Kombination der Bands Atlantis und Church Of Misery. Erstere sind Niederländer und pflegen eine Art Indie Heavy Rock, den sie mit elektronischen Klangteppichen ausstatten – Vocals sucht man in ihren Songs vergebens. Post-Rock-Elemente sind dabei keineswegs ausgeschlossen. Church Of Mysery sind japanische Doom-Metaller, die auf der Bühne organische Siebziger-Sounds kreieren und diese direkt in jene Welt schießen, wie sie Black Sabbath zu Zeiten mit Ozzy Osbourne in den Reihen kannten. Letztere präsentierten auf dieser Tournee ihr frisch erschienenes Album, ihr drittes insgesamt, mit dem Titel House of the Unholy. Interessant dabei: Das Album erschien 14 Tage, bevor Church Of Misery zum Konzert nach Ljubljana kamen, und innerhalb dieser Tourneezeit war es komplett ausverkauft. Sowohl auf Vinyl als auch auf CD.
Die massiven Riff-Figuren von Atlantis, begleitet von oft mellotronartig klingenden Keyboards, wiederholen sich in ihren schlichten Grundphrasen und wirken dadurch hypnotisch. Gesang ist verboten – weshalb man sich als Hörer noch leichter mit der eigenartigen Atmosphäre identifiziert, die das Instrumental-Quintett Atlantis erschafft. Es handelt sich um ein Quintett fünf echter Hengste, das auf der Bühne häufig gar keinen Bass einsetzt, sondern eine massive Klangwand aus drei verzerrten Gitarren entfesselt – abgestützt von den Drums, während das Schweben elektronischer Hintergrund-Synthesizer die dritte Dimension liefert. Die vierte Dimension schafft sich natürlich der Hörer selbst – vorausgesetzt, ihm gelingt es, den Kopf abzuschalten, sobald er mit ihnen in Kontakt tritt. Ein Moment des Esoterischen steckt in dieser Musik – das ist eine Tatsache, die sich nicht umgehen lässt. Das Quintett wirkte äußerst engagiert. Angesichts der bizarr schlichten Form der Grundmotive, die natürlich klanglich vielschichtig verpackt und lautstark invasiv ist, würde man kaum glauben, dass ein Musiker dabei komplett abschalten und spontan agieren kann. Die klangliche Vielschichtigkeit aber erzeugt eine hochfliegende Stimmung. Vielleicht war der schönste Beweis für diese Spontaneität des Quintetts der Moment, als einem der drei Gitarristen auf der Bühne vor lauter hitzigem Plektrum-Reißen eine Saite platzte – und er sie während des Spielens mit dem bloßen Handgelenk vom Hals des Instruments abstreifte. Bei so einem Manöver kann man sich leicht ordentlich schneiden – dem Typen ist das zum Glück erspart geblieben. Atlantis sind eine verdammt interessante Band. Was sie dahin führt, ist das Erschaffen einer außergewöhnlichen Atmosphäre, die schwingend-vibrant wirkt – vielleicht sogar transzendental(?). Das ist natürlich eine subjektive Bemerkung und das Urteil eines unter vielen. Es hängt von der Empfänglichkeit der einzelnen Ohren ab.
An den Keyboards wurde so manche ausgesuchte Klangschlaufe kreiert, in einen Delay-Effekt eingespeichert und begleitete so das Feuern der drei Gitarren – während der Keyboarder seine Finger auskühlte. Atlantis können ungemein finster sein, was besonders die Nummer This Is Our Time Of Death bestätigte; zeitweise können Post-Rock-Elemente den Hörer tief in einen traumähnlichen Zustand wiegen, wie The Last Dance zeigte – mit der Vibration eines schwerfällig stampfenden Beats und dem üppigen Fluss kosmischer Keyboards und Gitarren-Massiven.
Der Kern von Atlantis ist die Erschaffung einer hochvibrierten, kataklystisch düsteren Atmosphäre. Spieltechnik ist Nebensache. Die Fantasie übernimmt hier den Primat. This Is Heavy ist ihre jüngst veröffentlichte Single, und live kriecht sie mit ihrer eingängigen Melodiosität, der schlichten Gitarrenfigur und der satten, berauschenden Klangwand besonders angenehm unter die Haut. Eine ausgezeichnete Einstimmung auf Church Of Misery.
So schön Atlantis sind, so hässlich sind Church Of Misery. Das japanische Quartett ist eine perfekte Replik des Klangbilds des Siebziger-Jahre-Rocks. Sie halten sich an die Axiome, die ihre großen Vorbilder gesetzt haben – und das Herzstück der Inspiration sind Black Sabbath. Natürlich jene mit Ozzy in den Reihen. Church Of Misery spielen Gibson-Gitarren (Modell SG, genau wie Tony Iommi sie hatte), der Bass ist eine Rickenbecker. Schon das sagt viel über das Auftreten der Band. Wenn man dann noch hinzufügt, dass alle im Quartett enge Jeans tragen, die sich unten „glockenförmig“ weiten, werden die erwähnten Reminiszenzen von vor gut fünfunddreißig Jahren noch klarer vor Augen.
Die Japaner sind hervorragend eingespielt. Alles dreht sich um das schwere Gitarren-Riff, das doom-typisch in halbtoniges Grummeln eingewickelt ist – dumpfes, langsames, gedämpftes Bewegen der Töne innerhalb der Grundgitarrenphrasen, gelegentlich verziert mit dem Stöhnen witziger Übergangsläufe, aufgebaut auf schlichten Pull-off-Tricks aus gerade mal einem, zwei oder höchstens drei Tönen. Die Songs enthalten natürlich auch Gitarrensoli, die ihre Anlehnung an Tony Iommi keineswegs verbergen. Das ist durchaus erfreulich, wenn man bedenkt, dass viele Doom-Bands Gitarrensoli normalerweise einfach weglassen. Church Of Misery haben einen explosiven Sänger in ihren Reihen, der vor allem mit seiner unglaublich kraftvollen Stimme beeindruckte. Diese Stimme ist rau, unglaublich scharf und roh, in der Ausführung kompromisslos bis zum Äußersten. Wahrscheinlich ist es unter allen Elementen, die das Bild der Band formen, genau jenes, das den Hörer zuerst schockiert – und ihn dann auf seine Seite zieht. Natürlich gilt auch das Gegenteil. Es kann dich komplett kalt lassen und abstoßen. Die Eigenheit dieses Sängers ist für Church Of Misery das Sieb, das über die Zusammensetzung der Fangemeinde entscheidet. Hideki Fukasawa ist der Sänger, der der Band – angesichts der Generik der Doom-Schablone – Wiedererkennungswert und einen Hauch von Einzigartigkeit verleiht. Der Typ wirkte auf gewünschte Weise getroffen: Mit leerem Blick starrte er vor sich hin, kniete mehrmals theatralisch auf der Bühne nieder oder warf das Mikrofon auf den Boden, ließ die Mähne wild fliegen und hinterließ dabei jede Menge Schweißtropfen auf der Bühne. Sein Spiel war unglaublich authentisch und hatte regelrecht dämonischen Charakter. Mit seiner Ausstrahlung bewirkte er, dass das Church Of Misery-Konzert wie im Nu vorbeiging. Nach dem Ende überraschte er mit einem weiten Sprung von der Bühne in die Menge – woraufhin er aus dem Saal verschwand, um die Toilette aufzusuchen. Teufel auch, wenn die eigene Physiologie nicht spurt und einen einfach im Stich lässt!
Bassist Tatsu Mikami zog ebenfalls einige Aufmerksamkeit auf sich – vor allem aufgrund der Tatsache, dass sein Bass so tief am Gurt hing, dass der Korpus des Instruments fast den Boden berührte. So erreichte Tatsu die Saiten über die Pickups natürlich nicht mehr, sondern glitt mit der rechten Hand einfach über den Hals. Church Of Misery sind ein einzigartiges, eingespieltes Gespann, das an diesem Abend alle Anwesenden im Channel Zero überzeugte. Das Konzert verging verdammt schnell, denn die Jungs agierten in allen Elementen ihrer Performance höchst überzeugend. Die Pluspunkte des Auftritts des Quartetts waren vor allem der außergewöhnliche Touch an Spontaneität und Hingabe bei der Darbietung des Eigenmaterials, die selbstbewusste Haltung in jeder gespielten Note, jedem Vers oder Schlagzeugschlag sowie das fehlerfreie Spiel. Church Of Misery sind eine echte Band. Sie glauben einfach an die Magie des Dooms! Ein einzigartiges Konzertereignis, das sich definitiv mehr Zuspruch seitens der Besucher und Freunde härterer Klänge verdient hätte!
Fotos: Miha Mally
Setliste
Church Of Misery: 1. El Padrino 2. Candy Man 3. Killfornia 4. Taste the Pain 5. Badlands 6. The Gray Man 7. I Motherfucker 8. Shotgun Boogie
Bildergalerie





























