Sir Oliver Mally im Strudel des giftigen Blues-Rock (2009)
Ort: Jamski dvorec, Postojna
Konzertdatum: 10.03.2009
Besucherzahl: 250
Eintrittspreis: 14 €
Sloweniens Mekka der Blues-Musik hat gestern einen hervorragenden österreichischen Gitarristen begrüßt, der auf den Namen Sir Oliver Mally hört. Es handelt sich um einen Musiker mit feurigem musikalischem Ausdruck und dem Ruf, der beste Blues-Gitarrist im Alpenraum unserer nördlichen Nachbarn zu sein. Das klingt ziemlich seltsam, vielleicht sogar komisch – was zum Teufel haben die „Jodler“ der Blues-Weltküche schon Nennenswertes beizusteuern? Die obligatorische „Fachberatung“ mit bekannten Gesichtern, die traditionell vor dem Beginn jeder Etappe des Postojna Blues Festival stattfindet und stets eine Art musikalisch-gastronomischen Debattierzirkel hervorbringt, war von gemischten Gefühlen geprägt – und zur Bestätigung dieser Gefühle hob sich mehr als eine Augenbraue. Doch die Sorge war umsonst! Der glänzend dargebotene Auftritt der Band Sir Oliver Mally Blues Distillery, voller Emotionen und ungezügeltem Gitarrengewinde, machte deutlich, dass der Blues auch im Land der Sachertorte und des Walzers noch kräftig tritt und schreit. Offensichtlich ist es – neben seinen slawischen Wurzeln – auch seine offene Begeisterung für die traditionelle und noch mehr für die Chicagoer Blues-Rhetorik der 50er Jahre, die Sir Oliver Mallys musikalisches Bilderbuch vor dem charakteristischen unpersönlichen Snobismus der elitären Wiener Gesellschaft bewahrt. Mit dieser Begeisterung misst sich der heißblütige Gitarrist kompromisslos mit den meisten namhafteren Musikernamen, die aus Umfeldern stammen, die im Gegensatz zu Österreich traditionell dem Blues wohlgesonnener sind.
Das Repertoire der Sir Oliver Blues Distillery ist auf dem soliden Fundament von Eigenkompositionen aufgebaut, die live chamäleonartig der Vielfalt der Ausdrucksmittel der Band angepasst werden. Den Großteil der improvisierten Aufgaben tragen Gitarren- und Keyboardklang, eine Kombination, die nach der Regel jede Weile in einem energetischen Zwiegespräch beider mündet. Zu übertriebenen Ausschweifungen ließ sich Mallys Band dennoch nicht hinreißen – als Kollektiv agierte sie vielmehr außerordentlich kompakt und gleichzeitig organisch. Einen beträchtlichen Teil seiner Aufmerksamkeit widmete Mally auch dem Klavierklang, der die farbenfrohe Klangcollage der Band wirkungsvoll ergänzte.
Mally rotierte den Abend über mit einer beneidenswert breiten Palette musikalischer Einflüsse. Obwohl Autodidakt, hat er keinerlei Schwierigkeiten damit, gut eingesessene Blues-Formen zu tragen. In seiner Gitarrenintonation herrschen die Einflüsse zweier Kings – nämlich Albert und B. B. –, am meisten jedoch schuldet unser Strudel-Liebhaber dem grandiosen Klang von Buddy Guy. Wenn man dazu noch eine gebügelte weiße Diszipliniertheit mischt, ist ein aufregendes musikalisches Reiseerlebnis garantiert. Die Situation brachte Mally selbst lächelnd auf den Punkt mit den Worten: „Man würde meinen, ich bin schwarz!“ Fast wahr – Mally versprüht auf der Bühne so viel Lebensenergie, dass einem buchstäblich der Atem stockt.
Sir Oliver Mally ist unermüdlich auf der Suche nach kompositorischen Lösungen, mit denen er beharrlich die Monotonie der grundlegenden Blues-Rahmen aufbricht. Das gewohnte Schlendern auf bereits bestens ausgetretenen Blues-Pfaden hat er nicht selten mit einem besonders einfallsreichen Dreh zugunsten eines plötzlichen Tonartwechsels unterbrochen – besonders beeindruckend waren die rhythmischen Brüche, die auf den ersten Blick bereits erschöpft wirkenden Variationen im Nu eine gehörige Portion tödliches Arsenal hinzufügten. Wie es bei Blues-Gitarristen bereits Tradition ist, bedient auch Mally den Gesang als Mittel zur Füllung des rauen Klangbildes. Die Rauigkeit seiner Stimme ist mehr als willkommen, da sie die Interpretation durchgehend selbstlos mit dem Saft nährt, der beim Vortrag von Blues-Musik stets unverzichtbar ist. Mally verdeckte die lästigen Spuren seines deutschen Akzents hervorragend hinter einem dichten Vorhang gurgelnder vokaler Darbietung, voller emotionaler Wendungen und schroffer Antworten auf das stets stichelnde Treiben des Gitarrenklangs. Vokal klang der Kerl oft wie ein unbefriedigter Yankee, dem man kurz vor der Nase die Tür des einzigen Bordells im Bezirk zugeschlagen hat. Teufel! Nach dem Gehörten zu urteilen ist Abstinenz kein allzu häufiger Gast in des guten Mannes musikalischem Vokabular! Wie auch immer – der Donnerstagabend war im Rahmen der Postojnaer Blues-Exkursionen gewiss einer der aufregendsten bis dato. Sir Oliver Mally hat uns einen unvergesslichen Adrenalinstoß auf den scharfen Kurven des Blues-Rock beschert, neben denen selbst die Hölle von Kitzbühel wie ein leichter Parcours zum Testen der Airbag-Zuverlässigkeit nach dem Vorbild von Jörg Haider wirkte!
Fotos: Mojca Perdih
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