Kotzen findet endlich den Mut zum Sprung über die Karawanken (2009)
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Orto klub, Ljubljana
Konzertdatum: 15.02.2009
Besucherzahl: 80
Kartenpreis: 25 €
Das vielleicht größte Verdienst von Poison – abgesehen davon, dass die Bandmitglieder einst die Industrie der Haarlacke eigenhändig am Laufen gehalten haben – ist wohl, dass sie nach dem Abgang des ausgesprochen mittelmäßigen C.C. DeVilla gleich zwei herausragende Virtuosen in die Umlaufbahn der weltbekannten Gitarristen katapultiert haben: Richie Kotzen und Blues Saraceno. Blues kam zur Band, nachdem Kotzen zu Mr. Big gewechselt war und dort den unersetzlichen Gilbert ersetzt hatte, woraufhin DeVille zu den berüchtigtsten Vertretern des amerikanischen Sleaze zurückkehrte. Ansonsten verbindet Saraceno und Kotzen einiges: Beide sind technisch hervorragend ausgebildet und bauen als echte Blueser ihre Ästhetik auf einem ziemlich schlichten, unprozessierten und minimalistischen Sound auf, der so gar nicht typisch ist für die Ära, der beide Gitarristen ihre klingenden Namen verdanken.
So war es auch im Orto. Kotzen ist in jeder Hinsicht bescheiden und zurückhaltend. Mit dem Publikum kommuniziert er kaum – meistens starrt er verträumt in die Ferne oder widmet sich seiner maßgefertigten japanischen Esche-Telecaster. Im Gegensatz zu Sardinas, seinem Mitstreiter aus der österreichischen Bluesiane, der ähnlich wie Richie nicht gerade für seine Redseligkeit bekannt ist, scheint es Kotzen (zumindest auf den ersten Blick) auch an Charisma zu mangeln – oder zumindest an jener urwüchsigen Rockstar-Authentizität, die bei Liveauftritten so entscheidend ist. Denn während des Auftritts ist der Meister völlig immun gegen Begeisterungsrufe, Applaus und Ovationen – er nimmt sie stoisch hin, als würde er in seinem Schlafzimmer spielen Aber offensichtlich gehört das zu seinem Gesamtauftritt.
Kotzens Trumpfkarte sind also ausschließlich Musik und Performance – und in diesen Bereichen enttäuscht der Junge aus Pennsylvania keineswegs. Seinen Gitarrenstil könnte man als Mischung aus Gilberts Perfektionismus und dem lebhaften Blues von Stevie Ray Vaughan beschreiben, was sich vor allem in der Akkordwahl zeigt, in die sich nicht selten Septimen, Nonen und andere „exotische“ Töne einschleichen. Bei den Soli bleibt Kotzen klassisch: Grundlegende Pentatonik, gewürzt mit Gilberts „three note per string“-Patterns, die jedoch nie im Widerspruch zum ruhigen Geist und der feinsinnigen Botschaft der Musik stehen. Positiv überrascht auch sein Gesang, der unter den Gitarrenvirtuosen, die sich ans Mikrofon trauen, zweifellos einer der besten und unverwechselbarsten ist. Mit seiner samtigen Stimme sang Kotzen einige seiner Konzertklassiker, darunter I’m losing you, Remember, Change, So cold, Faith, Stand, das er zum Album Native Tongue von Poison beigesteuert hat, sowie Hendrix‘ (bzw. Dylans) All along the watchtower, das wir als Zugabe zu hören bekamen.
Nach dem anderthalb Stunden dauernden Konzert und einer kurzen Vorstellung der Bandmitglieder (Richie wurde wie immer von einem Bassisten und einem Schlagzeuger begleitet) war das Publikum mehr als zufrieden – am begeistertsten war Gudrun, die Besitzerin der Bluesiane (einem Lokal am Wörthersee, das sich in letzter Zeit zu Richies zweitem Zuhause entwickelt hat), die Kotzen schon fast adoptiert hatte. Unter den Gästen waren auch Mitglieder von Sepultura zu sehen, die durch den Saal schlichen und traurig zur Bühne blickten, die viel bescheidener ist als jene, auf denen sie sonst aufzutreten gewohnt sind. Die Brasilianer hätten das Orto am nächsten Tag übernehmen sollen, sagten den Auftritt aber auf Wunsch ihres Managers wegen zahlreicher erschwerender Umstände ab. Anscheinend werden sie sich nach dem Abgang der Cavalera-Brüder auch an solche Unannehmlichkeiten gewöhnen müssen.
Fotos: Hedvika Beras
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