Das Paradies der feurigen Zyniker mit Brother Firetribe und Pain in Wien (2009)
Autor: Rok Klemše
Ort: Szene, Wien
Konzertdatum: 10.02.2009
Besucherzahl: 400
Kartenpreis: 20€
Pain, das finnische Projekt bzw. das Seitenprojekt von Hypocrisy-Mastermind Peter Tägtgren, veröffentlichte letzten Oktober ihr sechstes Studioalbum mit dem Titel Cynic Paradise. Das Album haben Peter und seine schmerzhafte Kompanie bereits auf der letztjährigen Tournee mit Nightwish beworben, die auch bei uns Halt machte, sowie auf einer Handvoll eigenständiger Konzerte, die hauptsächlich in der Kälte russischer Städte stattfanden. Pain und das Album Cynic Paradise erlebten ihre richtige Headliner-Tournee also erst im Februar dieses Jahres. Die Tournee European Cynic Campaign 2009 machte uns am nächsten in der Wiener Halle Szene Station, und als Support begleiten die finnischen AOR/Hard-Rocker Brother Firetribe Pain durch Europa.
Trotz meiner Zweifel hatte sich die Halle bereits vor dem Auftritt von Brother Firetribe gut gefüllt, und die Finnen begannen ihr gut halbstündiges Warm-up mit dem Eröffnungstrack des letzten Jahr erschienenen Albums Heart Full of Fire, Who Will You Run to Now. Die Feuerbrüder haben sich ihren Platz als Vorband wahrscheinlich dadurch verdient, dass für sie Erno „Emppu“ Vuorinen von Nightwish die sechs Saiten bearbeitet – mit denen Pain auf der letztjährigen Tour echte Bande geknüpft hat. Und obwohl sie genremäßig nicht die naheliegendste Vorband vor den Industrial/Electronic-Metal-Leuten von Pain sind, erlebt man so einen Publikumszuspruch für eine Vorband, die obendrein noch relativ unbekannt ist, fast nie. Das Publikum fraß dem charismatischen Frontmann Pekka Ansio Heino buchstäblich aus der Hand und reagierte sofort auf jede seiner Gesten – ob Applaus, Mitsingen der Refrains oder ähnliches. Brother Firetribe wirken auf der Bühne unglaublich souverän, energisch und eingespielt, echte Emotionen und Erotik brodeln geradezu aus der Musik und dem Auftritt hervor. Die Finnen präsentierten in gut einer halben Stunde Tracks vom Debüt False Metal, noch mehr widmeten sie sich aber dem aktuellen Album und spielten daraus den zentralen Hit Heart Full of Fire, bei dem auf der Studioversion Anette Olzon, die Sängerin von Nightwish, zu Pekka stößt – ein Song mit dem großen Potenzial, eine echte AOR-Klassikerin zu werden. Brother Firetribe haben bewiesen, dass sie ein aufgehender Stern des europäischen Hard Rock sind, was kaum überrascht, denn den außergewöhnlichen Gesang ergänzen ansteckende Gitarren- und Keyboard-Melodien, die live noch mehr zur Geltung kommen. Absolut verdient ernteten Brother Firetribe donnernden Applaus und das österreichische Zugabe-Rufen!
Nach gut fünfzehn Minuten Vorbereitung gingen mit österreichischer Pünktlichkeit die Lichter aus, aus den Lautsprechern dröhnte eine bearbeitete und etwas eigenwillige Version von Also Sprach Zarathustra aus Kubricks Klassiker 2001: A Space Odyssey, und die Mitglieder von Pain marschierten einer nach dem anderen auf die Bühne – als letzter Peter Tägtgren –, und das Publikum rastete aus. Pain starteten mit dem Eröffnungstrack des aktuellen Cynic Paradise, und man sieht deutlich, dass das Album bereits sehr gut angenommen wurde. Leider machten schon die ersten Konzertmomente klar, dass das ständige Touren von Pain in letzter Zeit seinen Tribut fordert. Die Jungs wirkten ziemlich erschöpft, besonders Peter selbst, der das Publikum erst irgendwo in der Mitte des Sets zum ersten Mal ansprach – und am schlimmsten war, dass die straffen Tourpläne seinem Gesang deutlich anzuhören sind. Die Hypocrisy-Growls meistert er noch immer hervorragend, aber die Abnutzung macht sich beim Klargesang bemerkbar: Mehr als einmal hat er Gesangslinien kläglich verschludert oder den Text kurzerhand etwas angepasst. Das Publikum hingegen tat so, als würde es gerade das beste Konzert seines Lebens erleben… Was bei uns oder vielleicht auch bei unseren südlichen Nachbarn super gewesen wäre, artete in Wien in etwas völlig anderes aus. Das tumbe österreichische Publikum leistete sich schamlosestes Moshen und Crowdsurfen. Erstens gehört das nicht zu einem Pain-Konzert, zweitens hat die Mehrheit des Publikums – offenkundig verwöhnte österreichische Hardcore-Ärscher – gemosht wie auf einem Punkkonzert und alle und jeden egoistisch von sich weggeschubst. Obendrauf legten dann noch die österreichischen Sicherheits-Gorillas los, die mehrfach wie Stiere ins Publikum stürmten und Einzelpersonen aus der Halle schleiften. Natürlich ohne Rücksicht auf die Leute, die das Konzert in Ruhe verfolgen wollten. Vor allem deshalb hinterließ das Wiener Pain-Konzert einen bitteren Nachgeschmack – obwohl Pain, unterstützt von exzellenten Animationen auf zwei Bühnen-Screens, eine Setlist der größten Hits spielten, darunter Zombie Slam, On and On, Dancing With the Dead, End of the Line, Just Hate Me, Same Old Song und Shut Your Mouth, sowie einige obskurere Tracks wie Don’t Care, It’s Only Them, das Beatles-Cover Eleanor Rigby oder die Redneck-Hymne Have a Drink on Me vom neuen Album. Anhand des Gesehenen kann ich zwar sagen, dass Pain ein ordentliches und souveränes Konzert gespielt haben – aber ich kann auch nur mit einem Fazit schließen: Peter, es ist höchste Zeit für Hypocrisy!
Fotos: Nina Grad
Setliste
Brother Firetribe: 1.Who Will You Run to Now 2.Runaways 3.One Single Breath 4.Play It From the Heart 5.I’m On Fire 6.Heart Full of Fire 7.I Am Rock
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