GODS OF METAL 2008, erster Tag
Autor: Rok Klemše
Konzertdatum: 29.06.2008
Besucherzahl: 276
Ticketpreis: 20.000
Die Festival-Sommersaison läuft schon auf Hochtouren, und eines der größten europäischen Metal/Rock-Festivals, Gods of Metal, hat auch dieses Jahr wieder mit einem wirklich atemberaubenden Line-up in seinen Schoß gelockt. Schon am ersten Tag des dreitägigen Festivals regierten niemand Geringeres als die unsterblichen Heavy-Metal-Giganten Iron Maiden, und davor gaben sich Kingcrow, Black Tide, Lauren Harris, Airbourne, Apocalyptica, Rose Tattoo und Avenged Sevenfold die Klinke in die Hand. Für den Transport nach Bologna, wohin das Festival nach zwei Jahren aus Mailand zurückgekehrt ist, sorgte wieder der unermüdliche Concert Freak. Der Bus war schön voll mit Iron-Maiden-Shirts und ähnlichem Krempel, aber von Stimmung keine Spur, fast die ganze Fahrt Richtung Bologna herrschte Totenstille. Wo sind die Metaller von vor ein paar Jahren, vor denen sich alle Busfahrer und Zöllner gefürchtet haben, die aber wenigstens wussten, wie man auf dem Weg zu einem Metal-Konzert die richtige Stimmung hinkriegt? Aber das sind Randnotizen, gegen ein Uhr mittags standen wir jedenfalls schon vor der Arena Parco Nord, einem riesigen Amphitheater, aus dem bereits die Takte der ersten Bands dröhnten. Dass du auf einem Konzert in Italien bist, kannst du gar nicht verfehlen, denn vor dem Gelände ziehen sich jedes Mal kilometerlange Reihen von „Bootleg“-Shirtverkäufern entlang. Diesmal stachen besonders die „offiziellen“ Gods-of-Metal-Festivalshirts mit dem Logo unseres Metalcamp heraus. So etwas kannst du nur bei unseren lieben westlichen Nachbarn erleben. Aber letztlich sind wir ja gekommen, um Musik zu hören, oder?
Sagen wir es mal so, auch wenn unsere Trommelfelle zuerst von Lauren Harris verunreinigt wurden, die Papa Harris immer noch überallhin mitschleppt, wo sich die Eiserne Jungfrau hinbewegt. Über die etwas trashigere Version von Avril Lavigne und ähnlichen MTV-„Rock-Chicks“ sollte man keine Worte verlieren, deshalb ist das der letzte Satz, den ich diesem an sich völlig sympathischen, niedlichen und energiegeladenen Mädel widme… das ohne den einflussreichen Papa aber nie so weit gekommen wäre.
Den Geschmack haben zum Glück die Jungs aus „Down Under“ wieder gerade gerückt, die australische Sensation Airbourne aus Melbourne. Die Band bekommt nach ein paar Jahren Dahinvegetieren auf dem Kontinent der Koalas, Kängurus und Corocodile Dundee endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Airbourne spielen nämlich echten Rock mit Eiern, anders als die meisten neuen „Rock“-Bands der MTV-Generation. Nicht nur, dass Airbourne mit einem hervorragenden Rock-Sound punkten können, der auf der Tradition von Glam-Metal- und Rockbands der Achtziger aufbaut, sie haben in ihren Reihen auch einen der energiegeladensten Frontmänner, die man heute auf den Bühnen sehen kann. Joel O‘ Keefee ist ein echtes Bühnentier, das zum Spaß auf die Spitze der Bühnenkonstruktion klettert und von dort oben Gitarre spielt. Airbourne sind der Beweis, dass klassischer Hard Rock noch quicklebendig ist, und zum Glück auch bei so jungen Bands wie dem Vierer aus Melbourne.
Die nächste Band schipperte dann schon in ganz anderen Genre-Gewässern. Die finnische Attraktion Apocalyptica zeigte in gut einer Stunde schlagkräftig, wie die Mischung aus klassischer Musik und harten Metal-Rhythmen klingt. Mit dem legendären Sepultura-Song Refuse/Resist ließen Apocalyptica die Hölle vor der Bühne los, denn das italienische Publikum drehte komplett durch. Dasselbe gilt für die Jungs auf der Bühne, denn auf ihren Trademark-Stühlen sitzen sie nicht lange, sondern stehen ziemlich schnell auf, headbangen wild, spielen wie Serienmörder auf Steroiden und heben zum Spaß mal eben das Cello in den Arm und bearbeiten es wie eine Gitarre. Apocalyptica live zu sehen ist auf jeden Fall spannend, vor allem die jungen Frauen können sich an ihnen kaum sattsehen, aber die Jungs liefern einen kompromisslosen Auftritt voller finnischem Perfektionismus und Qualität. Auch wenn eine Stunde mit vier Celli und einem Schlagzeug schnell langweilig werden kann, schafft es Apocalyptica, das Publikum in ständiger Begeisterung zu halten, die schon fast an Delirium grenzt.
Als die vier Celli von der Bühne verschwunden waren, betraten deren Landsleute von Airbourne, die legendäre australische Hard-Rock-Band Rose Tattoo, die Bühne. Was können Rose Tattoo bieten? Nichts, nur einen verdammt erotisch aufgeladenen Auftritt, hymnische Rock-Knaller und jede Menge Energie. Auch wenn die Jungs schon über fünfzig sind, merkt man ihnen das nicht im Geringsten an. Als hätten gerade achtzehnjährige Rotzbengel die Bühne betreten und nicht alte Hasen mit jahrzehntelanger Erfahrung. Die man ihnen aber trotzdem anmerkt! Frontmann Angry Anderson verkörpert genau die richtige Rock-Energie der Achtziger und versetzt dich mit seinem leicht rauen, tieferen Gesang genau dorthin, zwanzig Jahre zurück. Für mich auf jeden Fall die Überraschung des Tages, auch wenn ich mich nicht gerade in Hard-Rock-Gewässern bewege.
Vor dem Auftritt der großen Iron Maiden folgte noch eine Band. Die Amerikaner Avenged Sevefold haben sich Maiden als Vorband für ihre Tour ausgesucht, und schon nach den ersten gespielten Noten kann ich behaupten, dass das einer der dümmsten Schachzüge ist, die sich die Jungfrauen-Jungs je erlaubt haben. Avenged Sevefold sind vielleicht sogar eine schlechtere Vorband, als es früher Murderdolls waren. Warum? Nimm einen weinerlich-kreischenden Gesang, der für guten Cleangesang zu wenig Kraft und für einen guten Growl zu wenig Eier hat, eine sehr mittelmäßige Rhythmusgruppe und miese Gitarristen mit unoriginellen Riffs und nach Schema F geschriebenen Soli, und du bekommst eine der generischsten „MTV-Metal“-Bands überhaupt. Eigentlich ist jede Zeile, die ich diesem Elend widme, zu viel, auch wenn mich die Horden ihrer Fans ohne Musikgeschmack dafür lynchen. Obendrein versuchten sich die Jungs auch noch an der jämmerlichsten Coverversion von Panteras Klassiker Walk, die ich je gehört habe. Dime dreht sich wahrscheinlich noch heute im Grab um… Gott sei Dank sind Avenged Sevenfold endlich von der Bühne verschwunden, und die Ungeduld wuchs von Minute zu Minute….
… und Parco Nord explodierte, als aus den Lautsprechern Churchills eindringliche Rede dröhnte, die das Kultkonzert der Jungfrauen, Live After Death, eröffnete, und dazu einer der besten Opener, die der Heavy Metal zu bieten hat, der Kultsong Aces High. Schon in den ersten Versen bewies Bruce, dass seine Stimme immer noch die Kraft, die Tiefe und den Umfang der Achtziger hat, selbst die hohen Schreie bereiteten ihm keine Probleme. Ja ja, Brucey ist immer noch eine Air-Raid-Sirene! Noch ein Klassiker, 2 Minutes to Midnight, und die zum Bersten volle Arena war auf den Beinen. Die Italiener lieben Iron Maiden wirklich, auch wenn sie ausgerechnet bei den abgenudelten Hits am meisten ausrasten. Einen der schönsten Momente zauberten Maiden mit der großartigen, mystischen Dickinson-Halbballade Revelations, verdarben ihn aber mit dem schon unzählige Male gespielten The Trooper. Wo ist die Tour, die mit dem Kult-Vierergespann von Alben aus den Achtzigern wirklich goldene Jahre versprochen hat? Ein echter Tritt ins Gesicht der treuen Fans der Band, den sich die Band auf keinen Fall hätte erlauben dürfen. Auch wenn die Setlist mit einigen echten Leckerbissen wie dem fantastisch gespielten Wasted Years gespickt war, kommt man an totgekauten Nummern wie Fear of the Dark nicht vorbei. Zum großen Glück ist in der Setlist aber das größte Epos von Maiden untergebracht, das pompöse und unvergessliche Rime of the Ancient Mariner, das die beste Atmosphäre erzeugte, die ich je auf Konzerten erlebt habe. Als im ruhigen instrumentalen Teil Harris mit seinem geheimnisvollen Basspart in den Vordergrund trat, malte sich das tragische Schicksal des Seemanns wie von selbst vor den Augen. Muss ich überhaupt erwähnen, dass Dickinson gesanglich glänzte? Nicht weniger als beim zweiten Epos des Albums Powerslave, dem legendären Titelsong mit unheilvollem ägyptischem Anstrich. Nach dem unvergesslichen Heaven Can Wait folgte wieder ein schwächerer Teil mit den Songs Run to the Hills, Fear of the Dark und Iron Maiden, doch die schwächere Serie unterbrachen zum Glück das phänomenale Moonchild und The Clairvoyant, bei dem einem fast das Auge feucht wurde. Noch der standardmäßige, aber unvergessliche Abschluss mit Hallowed Be Thy Name, und Maiden verabschiedeten sich von Gods of Metal. Was die Eingespieltheit und Energie der Band selbst angeht, gibt es keine Beanstandungen, die Jungs sind wirklich zurück in die goldenen Achtziger gestiegen. Die Kritik geht an die Setlist, die für echte Fans der Band, die keine 350. Version von Fear of the Dark mehr wollen, eine große Abzocke ist. Trotzdem haben Maiden noch einmal bewiesen, was sie schon lange sind… echte Götter des Metal!
Den letzten Absatz widme ich noch dem Festival selbst… Vielleicht kostet er euch manches graue Haar. Gods of Metal ist nämlich mit Abstand das schlechtest organisierte Festival weit und breit. Ganz zu schweigen davon, dass es keine Möglichkeit gab, Dreitageskarten direkt auf dem Gelände zu kaufen, nicht einen Zentimeter Schatten in der schlimmsten Junihitze, teure Getränke und teures Essen, nur zwei Quellen mit fließendem Wasser auf einem riesigen Gelände, das du obendrein nicht mehr verlassen durftest, sobald du einmal drin warst. All das und mehr sind Fehler, die sich ein Festival dieser Größe und mit diesem Namen nicht erlauben dürfte. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als trotz der klangvollen Namen entschieden vom Besuch dieses Festivals abzuraten.
Fotos: Špela Macuh
Text: Rok Klemše
Setlist
Kingcrow Black Tide Lauren Harris Airbourne Apocalyptica Rose Tattoo Avenged Sevenfold Iron Maiden
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