Morarock festival 2008 – zweiter Tag!
Konzertdatum: 21.06.2008
Besucherzahl: 2006
Ticketpreis: 350
Das Morarock festival im slowenischen Grenzgebiet, im Städtchen Moraro, knapp zehn Kilometer von Stara Gorica entfernt, war dieses Jahr vor allem wegen seiner Metal-Inhalte interessant. Das Festival ging vier Tage, metallisch gefärbt waren der zweite und der dritte. Freitag, der 20.06.2008, war für italienischen Heavy Metal reserviert, mit Vision Divine als Headliner. Davor traten Black Raven auf, die ich wegen der späten Abfahrt aus Ljubljana und der anschließend ungeschickten Navigation hinterm Steuer (in Italien) verpasst habe, außerdem Derdian und die routinierteren Elvenking sowie White Skull. Also ein ziemlich starkes Aufgebot an italienischem Heavy Metal.
Anders als in Slowenien, wo bei den jungen Bands vor allem Thrash und Death Metal angesagt sind, stützen sich die neuen italienischen Bands stark auf die verknöcherten Schablonen des klassisch-melodischen Heavy Metal. Dazu kommt eine mehr oder weniger große Dosis Pomp und sonstiger schmückender „absichtlicher Übertreibungen“ in Form von allerlei in die Länge gezogenen Orchesterarrangements oder Chorgesängen. Ich rede ganz allgemein, Ausnahmen gibt es natürlich überall. Der italienische Heavy Metal ist sehr stark, wird von den Einheimischen aber ziemlich übersehen. Der Markt ist übersättigt, die Leute haben alles gesehen und gehört, na ja, zumindest glauben sie das. Entsprechend dürftig war der Besuch. Über den Tag kamen zwischen 350 und 400 Leute zusammen, und davon standen natürlich nicht alle vor der Bühne.
Die Location des Festivals ist ausgesprochen gelungen. Es ist eine Parkanlage mit viel Schatten, der an diesen schwülen Junitagen mehr als gelegen kommt. Wo die Linden grünten…
DERDIAN: 18.45-19.20
Als Zweite betraten kurz vor sieben Derdian aus Mailand die Bühne. Das sind Vertreter, die typischen italienischen Heavy Metal pflegen. Metallisch-melodische Angriffe, die großen Melodien folgen. Auf der Bühne stand gleich ein Sextett, mit zwei Gitarristen und einem Keyboarder (neben Rhythmusgruppe und Gesang). Zeitweise klangen sie nach den Landsleuten Domine, nur mit deutlich klarerem, weniger obskurem und zugleich opernhaft ausgefeiltem Gesang, der in jeder Lage kräftig ist. Vielleicht gibt es Parallelen zu Sonata Arctica und Rhapsody Of Fire. Die Jungs überzeugten mit technischer Ausgefeiltheit. Nur bieten sie eine sehr instantmäßige und vorhersehbare, milliardenfach gehörte Kopie von Kopien. Leider. Während ihres Auftritts nervte die doppelte Bassdrum-Fußmaschine ein wenig, ohne die man sich Power-Metal nun mal nicht vorstellen kann. Sie war aber definitiv viel zu laut. Dasselbe galt für die Bassläufe, während die Gitarren ziemlich gedämpft klangen. Die Jungs hätten einen besseren Sound verdient. Man merkt außerdem, dass die Band sehr jung ist und noch kein ausgefeiltes Bühnenspiel hat, mit dem sie einen anspruchsvollen Typen wie mich beeindrucken könnte. Die Leute vor der Bühne waren bis dahin locker verstreut, so etwa fünfzig.
1. Beyond The Gate
2. Screams
3. Nocturnal Fire
4. Betrayer
5. Eternal Light
6. The Hunter
7. Cage Of Light
ELVENKING: 19.45-20.30
Elvenking sind wieder so ein paar Power-Metal-Spaßvögel, die Geschichten über Elfen und Pilzchen, gute Zauberer und böse Hexen zum Leben erwecken. Elvenking traten in leicht veränderter Besetzung auf, denn Bassist Gorlan hat glücklich geheiratet und ist in dieser Zeit in die Flitterwochen gefahren. So sprang für diesen Abend ihr Kollege Daniele ein, der sonst bei Chronic Hate spielt. Die Band trat als Quintett auf, natürlich mit der Geigerin Elyghen, die dem Bild einen sanften gotisch-folkloristischen Hauch verlieh. Der passte glücklich zur Essenz der Melodien der Band. Elvenking gibt es seit zehn Jahren, und Grünschnäbel sind sie längst keine mehr. Das war mehr als offensichtlich, denn sie lieferten einen schön ausgearbeiteten Auftritt. Besonders gut tat das Spiel von Sänger Damnagoras, der die Band autoritär über die Bühne führte, und Elvenking holten als Erste aus den wenigen Zuschauern mehr Lärm als Antwort heraus. Anders als ihre Vorgänger boten sie als Erste auf dem Festival einen schön ausgewogenen Sound, in dem die Geige wunderbar zur Geltung kam. Die Band steckt mitten in den Aufnahmen zum neuen Album „The Scythe“, das Mitte September erscheint. Deshalb eröffnete sie das Konzert schwungvoll gleich mit dem gleichnamigen, brandneuen Song. 80 Leute standen vor der Bühne, und die erste Reihe ging sogar wild mit der Band mit. Die Männer und die Frau überraschten mit einer Coverversion von Twisted Sister. Was das wohl sein könnte? We’re Not Ganna Take It. Natürlich in einer weichgespülten, technisch ausgefeilteren Version, in der der Gesang fast zu schön und melodisch klang. Das Volk wurde damit aber erfolgreich angeheizt, was ja der eigentliche Zweck der Übung war.
Elvenking Setlist:
1. Intro
2. The Scythe
3. Jigsaw Puzzle
4. The Wanderer
5. Infection
6. The Divided Heart
7. Pagan Purity
8. We’re Not Gonna Take It
9. Poison Tears
10. The Winter Wake
WHITE SKULL: 21.05 – 22.15
Als vierte Band auf der Bühne standen die erfahrenen White Skull. Das Sextett, mit zwei Gitarristen und Keyboards, bot keine so rhapsodische Metal-Musik wie die Vorgänger. Der Grund sind die rohen, nach vorn gedrückten Gitarrenriffs, denen die Band den Vorzug gibt. Sie wirken sehr teutonisch und erinnern an so manche Deutsche à la Grave Digger, nur dass White Skull in ihren Reihen eine Sängerin haben, die auf keinen Fall krächzt. Die Truppe hat in ihrer Karriere einiges erreicht. Sie haben die großen Bühnen der größten europäischen Festivals gesehen (z. B. Gods Of Metal 2006 usw.…), bekannt ist die Europatour mit Grave Digger im Jahr 2000, kurzum, White Skull haben die Qualität des Bühnenauftritts, was die Ausführung angeht, im Vergleich zu Elvenking noch auf ein höheres Niveau gehoben. Dazu trug auch die Uhrzeit bei, denn es war schön dunkel geworden und Abend, sodass die Bühne im Scheinwerferlicht während der Metal-Marschmusik einen besonderen Zauber bekam. Was ich bei White SKull vermisst habe, ist, dass sie nicht am Aussehen arbeiten. Vor allem Sängerin Elisa wirkt wie ein kleines zerlumptes, schmutziges Püppchen. Das Mädel könnte ihr Aussehen viel besser vermarkten und damit zur Attraktivität der Band selbst beitragen. Okay, genug habe ich mich in die Bandpolitik eingemischt. Bei White Skull half auf der Bühne an den Keyboards Alessio Lucatti aus, der Keyboarder von Vision Divine, der damit am selben Abend zweimal auftrat.
Die Band stellte den Sound nach anfänglichen Problemen, wieder mit zu lautem Bass und zu lauten Drums, sogar etwas leiser ein, was sich für sie auszahlte. Die Gitarren atmeten klar in den Riffs. Der Gesang war ausdrucksstark und stand zentral im Vordergrund.
White Skull lieferten einen hervorragend eingespielten und kompakten Auftritt, man merkt, dass die Band viele Kilometer auf dem Buckel hat, an die 600 gespielte Konzerte in ihrer Karriere. Das Solieren des Malmsteen-Wannabe-Gitarristen Danilo raubte einem den Atem, so präzise und extrem schnell, wie der Kerl ein Meer von Noten verstreute. Wie sich später zeigte, waren White SKull die stillen moralischen Sieger des Abends, denn das Publikum machte später nicht mehr so einen Krawall, und auch vor der Bühne lichtete sich das Feld ein bisschen (weniger Leute sahen Vision Divine). White Skull sind eine hervorragende „Live-Band“. Sie nehmen ein neues Album auf, das in der zweiten Hälfte des diesjährigen Oktobers erscheinen soll.
White Skull Setlist:
1. Tales From The North
2. The Roman Empire
3. Head Hunters
4. Anubis The Jackal
5. Kriemhild Story
6. High Treason
7. Marching To Alesia
8. The Killing Queen
9. Cleopathra
10. The Dark Age
11. After The Battle
—Zugabe—
12. Embittered
13. Asgard
VISION DIVINE: 22.45 – 00.25
Das Sextett in der Besetzung Olaf Thorsen (Solo-/Rhythmusgitarre), Federico Puleri (Rhythmusgitarre), Christiano Bertochi (Bass), Alessandro Bissa (Schlagzeug), Alessio Lucatti (Keyboards) und Rückkehrer Fabio Lione (Gesang), der von allen Genannten der international bekannteste Name ist, denn der Mann ist Sänger der wohl erfolgreichsten italienischen Power-Metal-Band Rhapsody Of Fire. Vison Divine waren anfangs als eigenständiges Studioprojekt von Gitarrist Olaf Thorsen gedacht, der sonst bei Labyrinth spielt.
Überraschenderweise begann die Band das Konzert mit Material vom Album „Stream Of Consciousness“ (2005), obwohl das nicht ihr aktuellstes Album ist. Eine schöne Abwechslung gleich zu Beginn. Die Band pflegt im ursprünglichsten Sinne der Neunziger puren, barock verschnörkelten Power Metal, die logische Fortsetzung von Labyrinth, mit einem starken Prog-Einschlag auf der einen Seite und natürlich nichts anderem als ambienten Orchesterpassagen auf der anderen. So lief auch das Konzert beim Morarock festival ab. Die Band packte eine bunte Palette an Songs aus allen Alben in die Setlist, und Fabio Lione bewies, dass seine Stimme noch immer hervorragend erhalten ist, kraftvoll und ausdrucksstark in den mittleren, hohen bis höchsten Lagen. Sein großartiger Gesang wurde von einem weiteren überragend eingespielten Auftritt der Band als Einheit gekrönt. Thorsen war während des Konzerts in außergewöhnlicher Solo-Lauerstellung, und Rhythmusgitarrist Federico hielt geschickt mit, zumindest in den doppelten Terzharmonien. Eigentlich ist es überflüssig zu sagen, dass die Einzelnen in der Band schon so erfahren sind, das gilt besonders für Fabio und Olaf, dass das Element überzeugenden Bühnenspiels und überzeugender Ausführung die Menge vor der Bühne mühelos unterwarf. Es waren etwas weniger als bei White Skull, was überraschte. Trotzdem kennt das Volk das Werk der Band sehr gut, und etwa die Version von Out Of The Maze löste ein außerordentliches Mitmachen zwischen Publikum – Band aus. Es ist schwer, einen Grund zu finden, warum weniger Leute vor der Bühne standen, wo Vision Divine in Sachen Qualität der Ausführung (auf der Bühne) White Skull doch wegmähen. Vielleicht sind sie ein bisschen zu anspruchsvoll, obwohl es ein echter Genuss ist, Thorsen bei seinen haarspalterisch präzisen, ultraschallschnellen Soli auf die Finger zu schauen, die sich oft überkreuzend mit den Keyboard-Soli ergänzten. Perfekt abgestimmt.
Die Band heizte die Leute besonders mit der Iron-Maiden-Coverversion Wasted Years an, mit der Lione keinerlei Probleme hatte und die er völlig souverän abfeuerte.
Ich schubladisiere ungern auf diese Weise, aber seit dem Auftritt von Labyrinth im lange vergangenen 2001 in Stuttgart vor Helloween hatte ich die Ehre, einen der besten Auftritte einer der italienischen Power-/Prog-Metal-Bands zu sehen. Leider verdarb der miserable Besuch die Stimmung des Festivals ein wenig, der jene elektrisierte Atmosphäre oder echte fiebrige Euphorie fehlte, aber so ist das eben. In Italien gibt es von allem zu viel, und die Veranstalter von Konzerten kleinerer bis mittelbekannter Bands ziehen bei der Organisation solcher Konzerte immer den Kürzeren. Und trotzdem halten sie durch. Danke an die Veranstalter. Neben der hervorragenden Musik boten sie auch sehr erschwingliche Essens- und Getränkepreise, die man ruhig ausnutzen sollte. Für alle, die sparen wollen, empfehle ich bei Konzerten in Italien, einen „Spritz“ zu bestellen (Spritzer: ein Deziliter Mineralwasser und ein Deziliter Rot- oder Weißwein), für gerade mal anderthalb €.
Vision Divine Setlist:
1. Intro
2. The Secret Of Life
3. Colours Of My World
4. Perfect Suicide
5. First Day of Neverending Day
6. New Eden
7. Out Of A Distant Night (Voices)
8. Taste Of A Goodbye
9. Alpha & Omega
10. The Fallen Feather
11. Out Of The Maze
12. Versions Of The Same
13. God Is Dead
14. Wasted Years
15. Send Me An Angel
Setlist
VISION DIVINE WHITE SKULL ELVENKING DERDIAN BLACK RAVEN
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