Eric Sardinas diesmal in der Rolle des sorgsamen Hüters der Blues-Tradition (2008)

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Ort: Bluesiana Rock Cafe / Velden Am Woerthersee / Österreich
Konzertdatum: 14.10.2008
Besucherzahl: 70
Kartenpreis: 33.00€

Am Dienstagabend fand in der Bluesiana der letzte Akt der für 2008 geplanten Operation Delamaris statt, der erneut mit einem Auftritt von Eric Sardinas aufwartete. Eric bezog heuer zum letzten Mal seine Position am Wörthersee, wo er sich erneut mit einer kühnen, aber auch virtuosen Darbietung heißblütiger Blues-Rock-Akrobatik hervortat. Sardinas‘ Ego lässt ihm keine Ruhe – der Dienstag zeigte ihn einmal mehr entschlossen, den Primat als Nummer eins der Bluesiana zu übernehmen, der für das auslaufende Konzertjahr jedoch fest in den Händen von Richie Kotzen bleibt. Für Sardinas war das natürlich eine Rechnung ohne den Wirt.

Schon der erste Blick auf Erics kitschig verziertes Dobro, vornehm bequem auf einem Ständer neben dem Schlagzeug platziert, ließ Erinnerungen an die Zeit vor anderthalb Jahren wach werden – an meinen ersten Besuch eines Sardinas-Konzerts in der Bluesiana. Die war damals aus allen Nähten geplatzt, was bedeutete, dass wir unsere schmucken Körper mühsam mit den für die meisten Slawen ziemlich inkompatiblen Rundungen ungezügelten Germanentums verschmelzen mussten. Die Notwendigkeit, einen Eric Sardinas-Auftritt zu besuchen, scheint seitdem offenbar in Luft aufgegangen zu sein, und der Dienstagsbesuch in der Bluesiana war für die meisten Musikenthusiasten offensichtlich alles andere als Priorität. Bis zum Konzertbeginn waren nämlich kaum 70 Seelen zusammengekommen. Die anderen – offensichtlich übersättigte Kostproben-Nehmer von Sardinas‘ Küche, die sich früher begeistert vor der Bühne der Bluesiana drängten – blieben diesmal lieber zuhause. Die Ernsthaftigkeit der Situation ist gewiss der tiefen Worte des großen Weisen Tulio Furlanič und seines berühmten Aphorismus „die Sardine liegt dir zwischen den Beinen“ würdig. Und tatsächlich! Nach dem Dienstagsbesuch in der Bluesiana krochen einem Sardinen buchstäblich aus jedem noch so unzugänglichen Körperbereich.

Eric Sardinas hat nie zu meinen Lieblingsblues-Interpreten gezählt, vor allem wegen des bunten Images, das seine ziemlich „barocke“ Blues-Interpretation mit sich trägt. Sardinas‘ „Problem“ liegt in der Tatsache, dass der Typ oft mit den Slide-Arrangements übertreibt, sie übermäßig in den Vordergrund stellt und die Songs damit bis zur Unkenntlichkeit überhitzt. Der übertriebene, für viele sogar geschmacklose und aufgesetzte Einsatz des Slides schreckt so manchen Blues-Enthusiasten genau wegen des Mangels an Authentizität, Substanz und Inhalt ab. Erics Begeisterung fürs Slide-Spiel kann nervig sein, oft sogar lästig, im schlimmsten Fall gar langweilig – aber das hängt natürlich sehr von der Wahrnehmung des Einzelnen ab. Sardinas‘ Virtuosität lässt sich freilich nicht bestreiten – jeder Zweifel an den spieltechnischen wie auch kompositorischen Fähigkeiten des Gitarristen fällt schnell aus jeder noch so schadensfrohen Rechnung heraus. Sein Spiel strotzt vor roher Energie. Sardinas lässt in jedem Moment des zweistündigen Tanzes mit dem Teufel auf der Bühne Herz und Seele zurück (von den Zigarettenstummeln ganz zu schweigen).

An Momenten, die das oben Geschriebene klanglich auf den Punkt bringen, fehlte es in der Bluesiana natürlich nicht. Sardinas rechtfertigte seinen Status als einer der führenden Blues-Interpreten mit der für ihn typischen Leidenschaft, vor allem aber mit dem brillant gespielten Klassiker I Can’t Be Satisfied, der nach all den Jahren noch immer tief in der Schuld von Elmore James steht. Die mit ausgeprägteren Boogie-Elementen unterlegte Interpretation, die sich als aufregendes Bindeglied zwischen Alt und Neu präsentierte, zeigte Sardinas einmal mehr in der Rolle des legitimen Titelträgers als Urenkel der Blues-Revolution, der die Worte von Peter Green über die Notwendigkeit der Weiterentwicklung von Blues-Form und -Gestalt aufgegriffen hat. Sardinas erlaubte sich hier sogar etwas für seine Verhältnisse ungewöhnlich Freizügiges, jedoch stets mit gesundem Geschmackssinn. Wie auch immer – die Bluesiana griff das Gebotene im Nu, einschließlich einer völlig ausgeflippten „Tigerin“, die beim sechzehnten Orgasmus und unkontrolliertem Haareraufen die Farbe wechselte, als hätte man mit den Fingern geschnippt.

Das Dienstagsrepertoire von Eric Sardinas war ordentlich durchgelüftet, voller emotionaler Wendungen, die mit der uralten Blues-Tradition im Einklang standen, und mit einer Reihe emotional gespielter obskurer Blues-Standards bestückt. Diesmal streifte Sardinas sein Image als ungezähmter Hengst bereitwillig um überflüssigen Kitsch erleichtert ab, stellte den Verstärker ab, senkte das Mikrofon auf halbe Ausgangshöhe in die Reichweite der Akustik und verbeugte sich, seinem Motto der Traditionspflege treu, mit Come On In My Kitchen vor der Größe von Robert Johnson. Der mutige Abstieg durch Johnsons berüchtigtes Gespräch mit dem Teufel – dem die meisten Künstler lieber in weitem Bogen ausweichen (Cover-Versionen dieses Stücks könnte man buchstäblich an einer Hand abzählen) – erklang begleitet vom Stampfen von Erics Stiefeln. Völlig ländlich und roh – also phänomenal! Erics unerwartetes Manöver beleuchtete noch eine zweite, bis dahin weitgehend übersehene Charakteristik des Gitarristen: seinen Gesang. Sardinas‘ Stimme überzeugte durch die Ausstrahlung extremer Emotionen, Arroganz und Entschlossenheit, die es nicht daran fehlen lässt, dem Zuhörer direkt in die Kronjuwelen zu greifen.

Eric Sardinas ist neben einem exzellenten Gitarristen und Showman in jeder Hinsicht auch als Live-Performer gereift. Ein schönes Beispiel für das routinierte Jonglieren mit den Bedürfnissen und Wünschen des Publikums lieferte die schnörkellose Down To Wiskey, die so manchen Jodler-Hintern in Bewegung brachte. Sardinas weiß, wenn nötig, die richtigen Knöpfe zu drücken. Die volle Zehn verdiente sich – dank eines kühn eingeschobenen akustischen Schwenks mit Gallagher’schem Folk-Einschlag – der alte Standard As The Crow Flies, und zur erneuten Bestätigung seiner musikalischen Wurzeln warf Eric noch das überaus befriedigende Dust My Broom ein, das unter Jameses Regie eigentlich aus I Believe I’ll Dust My Broom des alten Freundes Robert Johnson erwachsen ist. Den thematisch unerwartet abwechslungsreichen Abend, der genau dank dieser Flexibilität alle Erwartungen übertraf, rundete Sardinas noch mit Roadhouse Blues ab.

Text: Daniel Pavlica
Fotos: Mojca Perdih

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