Ten Years After Sieger des ersten Abends in St. Veit! Miller Anderson dicht auf den Fersen! (2008)

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Ort: St. Veit a.d. Glan / Österreich
Konzertdatum: 05.09.2008
Besucherzahl: 500
Kartenpreis: 42,00€

St. Veit, eine kleine Stadt unweit von Klagenfurt, bleibt schon zum zweiten Mal in Folge das Endziel des Rockline-Teams, das das ablaufende Wochenende in voller Kampfformation gehüllt in die Gastfreundschaft unserer nördlichen Nachbarn verbracht hat. Das hohe Organisationsniveau des Vereins Burgkultur St. Veit, der bereits zum vierten Mal in Folge für ein abwechslungsreiches Programm in Unterkärnten sorgt, hat heuer wieder eine Reihe legendärer Musiker zu Gast. Wenn dir Namen wie Miller Anderson, Ten Years After oder vielleicht Mitch Ryder etwas sagen, dann warst du am Freitagabend mit Sicherheit irgendwo in den Straßen von St. Veit unterwegs.

MILLER ANDERSON’S BLUES HEART

 
Den Auftakt des Blues-Rock-Abends bestritt Miller Anderson’s Blues Heart. Andersons Band glänzte mit hervorragender Form und bester Laune, garniert mit dem typisch britischen Humor, der in solchen Situationen eigentlich unverzichtbar ist, und natürlich trug auch der Schmelz von Millers großartigem Gesang das Seine bei, der zeitweise ins ziemlich Melancholische abdriftete. Andersons Band ist klanglich bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Es handelt sich um ein beständig rotierendes musikalisches Karussell, das stark auf der Blues-Tradition aufbaut und als Priorität vor technischer Perfektion in erster Linie das betont, was man als die „schlampige“ emotionale Ausdrucksweise bezeichnen könnte. Klanglich setzte auch die hervorragende Akustik des Veranstaltungsortes noch das i-Tüpfelchen obendrauf, wo das Spiel jedes einzelnen Instruments praktisch jedes Mal klar zur Geltung kam.
 
Hauptakteur von Blues Heart bleibt natürlich Miller Anderson, und seine Formel ist die wohlbekannte Kombination aus kompakt gelieferten Motiven und Improvisationen, aufgebaut auf den Elementen und Normen der Blues-Rock-Renaissance der späten 60er und frühen 70er. Zugegeben, es handelt sich um ein x-mal gehörtes Flirten mit diesen Ausdruckselementen, aber der Mann webt so viel feuriges Gefühl und Leidenschaft in seine Show, dass man ihm keinerlei trockenes Recycling vorwerfen kann. Anderson wechselt mühelos vom Blues über härtere Rock-Anleihen bis fast ins Boogie-Terrain und wieder zurück. Dazu passend blieben die ganze Zeit die unbeständigen rhythmischen Muster, wie gemacht für ein angenehmes Hochschrauben des Blutdrucks. Fügt man dazu noch die spielfreudig aufgelegte Hammond, die in ständigen Duellen mit der Gitarre stolz auf der feurigen Rhythmik ritt, kann der Erfolg natürlich nicht ausbleiben. Andersons Tricks blieben stets einfach, und er zog sie genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Ärmel, auch zur Befriedigung des sichtlich aufgeputschten Publikums. Das gelegentlich eingeworfene, Hendrix-nahe Motiv gehörte wohl in die erwähnte Kategorie der „Crowd Pleaser“.
 
Einen der Höhepunkte des Blues Heart-Auftritts stellte zweifellos der beeindruckende Spaziergang durch High Tide & High Water dar. Das größte Potenzial verbarg die atemberaubende Interpretation des Songs jedoch in Andersons virtuoser Gitarre, die alle Fäden der ambienten Aufladung bis zum lang ersehnten Höhepunkt in der Hand hielt! Anderson besitzt jene besondere Note, nennen wir es den besonderen Touch, der ihn von den meisten seiner Blues-Kameraden unterscheidet und ihm ein hohes Maß an Eigenheit verleiht, auf dem der Meister beherzt aufbaut. Auch die Coverversionen des Gene Barge-Klassikers Me And My Woman und House Of The Rising Sun ernteten reichlich Sympathien. Letzteres reichte dank des stimmlich gestern hervorragend aufgelegten Andersons sogar tiefer als das berühmte Original, womit Miller einmal mehr seine außergewöhnlichen Interpretationsqualitäten unter Beweis stellte.

TEN YEARS AFTER

Mit dem Näherrücken der 21 Uhr steigerte sich die Atmosphäre im weiteren Umfeld der Bühne allmählich. Völlig normal, wenn von einem Auftritt von Ten Years After die Rede ist, oder? Die Jungs feierten letztes Jahr ihr 40-jähriges Bestehen (nach einer anspruchsvollen mathematischen Berechnung kamen wir gemeinsam mit Leo Lyons sogar zu dem Schluss, dass die Onkels durch eine seltsame Fügung des Schicksals nächstes Jahr auch das 40-jährige Woodstock-Jubiläum erwartet!). Ten Years After gehören also genau zu jener goldenen Generation des Blues Rock, die der Musikwelt Namen wie Eric Clapton, Mike Bloomfield, Peter Green, Mick Taylor,..und natürlich Alvin Lee geschenkt hat. Letzteren wirst du bei unseren Jubilaren jedoch vergeblich suchen. Aber keine Panik. Hier ist ein Jüngling namens Joe Gooch, in jeder Hinsicht eine fantastische Weiterentwicklung des Erbes des großen Alvin Lee.
 
Dass Joe Gooch mehr als ein würdiger Ersatz für Alvin Lee ist, pfeifen die Spatzen schon von den Dächern (naja, zumindest die drei, die schief hinter seinem Rücken stehen)! Der technisch außergewöhnlich versierte Junge besitzt neben der Fähigkeit, bravouröse Läufe über den Hals seiner Gitarre zu zelebrieren, ein gehöriges Maß von genau jenem beim Blues-Spielen wichtigsten Element: nämlich Charakter. Der Typ ist einfach unermüdlich, als würde ihn fünf Jahre nach seinem ersten Anheuern bei Ten Years After noch immer der unstillbare Wille antreiben, zu beweisen, dass das Tragen von Alvin Lees Schuhen für ihn kein Problem darstellt. Seine Anwesenheit hat dem TYA-Kollektiv neue Kraft eingehaucht, was man auf Schritt und Tritt spürt. Jugendliche Unbekümmertheit begleitet Goochs Truppe jetzt beim Wiederentdecken der Reize von Perlen wie Love Like A Man oder dem rasanten I’m Going Home. Die aufregende Konfrontation zwischen Alt und Neu bevorzugt trotz der Wärme des TYA-Repertoires dennoch eine Neigung zur allgemeinen Geschliffenheit ihrer Blues-Interpretation, wie es im neuen Jahrtausend bei solchen archäologischen Unternehmungen bereits gängige Praxis ist. Anders gesagt: Die Frische, die Joe Gooch mitgebracht hat, wirkt sich positiv auf die Darbietung des eisernen Repertoires der Band aus, das unter Lees Regie dennoch rauer und ungezähmter wirkte.
 
Ten Years After servierten das erwartungsgemäß spezialisierte Angebot. Zum Aufwärmen erwartete uns zunächst Working On The Road, das zusammen mit Hear Me Calling rasch die Hauptrichtung des Abends vorgab. Die Farben der neueren Werke der Band verteidigten erfolgreich das stark adaptierte Big Black 45 und das scharf abgesägte King Of The Blues. Die beiden Songs schafften es glücklicherweise, sich in der – ich glaube – kühlen und unfreundlichen Gesellschaft der eisernen Standards der Band ihren eigenen Platz an der Sonne zu erkämpfen, und wenn überhaupt, dann fehlt es den wiedergeborenen Ten Years After genau daran: nämlich einem größeren Anteil an Material, das unter Goochs „Mentorschaft“ entstanden ist. Mit dem von der Kritik hervorragend aufgenommenen Now ist ihnen das bereits zu einem großen Teil gelungen, jetzt muss die Herrschaft nur noch etwas mehr Vertrauen in ihr Tun zeigen, das aus einer Reihe potenzieller Kandidaten für einen dauerhaften Platz im Kranz der TYA-Klassiker sicher etwas Brauchbares herausschälen wird. Die nächste Gelegenheit werden die Jungs schon Ende September haben, wenn eine Fortsetzung der TYA-Saga im Studio ansteht.
 
50.000 Miles Beneath My Brain und Hobbit, letzteres mit einem zugegebenermaßen ziemlich verzichtbaren Schlagzeug-Einschub, bleiben nach wie vor ein Muss bei allen TYA-Auftritten. Die Krone des Abends war jedoch die Fortsetzung mit I Can’t Keep My Self From Crying, Sometimes, das einen stimmungsvollen Ausflug durch die fantastische Welt von Joe Goochs Gitarrenkunst brachte. Joe spielte hier wie besessen, ohne Bremsen und mit einer Präzision, bei der normalen Sterblichen regelmäßig der Atem stockt. Gooch legte diesmal alle seine Karten auf den Tisch und überzeugte mit einer aufrichtigen und mitreißenden Interpretation. Eine solche Explosion der Gefühle kann einen einfach nicht kalt lassen. Es folgte noch ein „Medley“ aus altehrwürdigen Rock & Rollern, das mitten in einer Orgie brillanter Hammond- und Gitarren-Variationen noch ein letztes Mal an die Tage von Alvin Lee erinnerte. Für alle Zweifler, die noch immer den Tagen nachtrauern, als der große Lee noch im Sattel saß, sind da immer noch Good Morning Little Schoolgirl (mit Leo Lyons‘ energiegeladenem Solo) und Choo Choo Mama, die ewigen Favoriten des Abends, die nach 40 Jahren noch immer vor purer Energie überquellen! Zauberhaft!

Ten Years After Setlist:

1.Working On The Road
2.King Of The Blues
3.Hear Me Calling
4.Big Black 45
5.50.000 Miles Beneath My Brain
6.The Hobbit
7.Love Like A Man
8.I’d love To Change The World
9.Good Morning Little Schoolgirl
10.I Can’t Keep From Crying, Sometimes
11.I’m Going Home
12.Choo Choo Mama

MITCH RYDER

 
Schließlich war auch die Zeit für Mitch Ryders Show gekommen, der am Freitagabend freundlicherweise für die ursprünglich angekündigten veteranischen Emigranten Spooky Tooth eingesprungen ist. Für meine Wenigkeit zwar eine völlig unbekannte Größe: Der 63-jährige Amerikaner mit dem lustigen Anglerhut und der Sonnenbrille erinnert an einen ausgemergelten Bruce Willis mit etwas mehr Stilgefühl beim Anziehen. Mitch ist trotz seines Alters vokal ein sehr wiedererkennbarer Musiker, und seine charakteristische Stimme ist auf ihre Weise sogar verwandt mit dem Gesang des für die meisten wohl bekannteren Graham Bonnets.
 
Mitch Ryders Band hatte von allen Hauptprotagonisten des Freitagabends sicher die schwierigste Aufgabe, nach deren Abschluss wir St. Veit in den frühen Morgenstunden mit gemischten Gefühlen verließen. Mitch ist ein Charakter, dem man kaum einen Konkurrenten finden könnte. Praktisch bewegungslos, fest verankert im Radius von 30 cm von seinem Monitor, vermittelte er beharrlich den Eindruck eines stark abwesenden Herrn, für den eine große Wahrscheinlichkeit besteht, bald über den Rand in die Arme einer vollbusigen Jodlerfreundin zu kippen (oder vielleicht doch eines zottigen Jodlerfreundes). Trotz all dieser Physiognomie ist es umso überraschender, dass der Kerl in seiner Stimme so viel Kraft hat. Sein charakteristisches „Krächzen“ gab Songs wie Ain’t Nobody White und Red Scar Eyes einen unverkennbaren Stempel, die unter der Regie der schon etwas zu disziplinierten Begleitung ab und zu auf laute Zustimmung des Publikums stießen. Das wartete vergeblich auf irgendeinen „Schock“ im Stil von The Devil With A Blue Dress On oder Sock It To Me Baby, der dem Abend zweifellos den dringend nötigen Schwung gegeben hätte.
 
Mitch Ryder war sicher einen Besuch wert, leider bot sein hochoktaniger R & B nicht die Spannung der beiden Vorgänger. Mit einem allzu vorsichtigen Abtasten der Blues-Elemente, gekreuzt mit einer Reihe hastig hingeworfener Anleihen gefälligerer Natur, stand Mitch im Bestreben, den Eindruck von Miller Anderson und Ten Years After zu übertreffen, vor einer Mission Impossible. Das Ergebnis zeigte sich in den stark ausgedünnten Reihen, die in gut zwei Stunden ununterbrochenen Massierens mit Songs meist unbekannter Herkunft kaum noch den Anschein einer begeisterten Masse aufrechterhalten konnten. Mitchs Jungs kann man nichts vorwerfen. Klanglich war ihr Auftritt ein Triumph in jeder Hinsicht, und Mitchs Band hat sowohl in die Show als auch in die Ausführung enorm viel Mühe gesteckt. Eine sympathische Demonstration musikalischen Professionalismus, bei der jeder Musiker alles gibt, was er kann.

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