»Bil je maj« oder die Rückkehr von Niet an den Tatort! (2008)
Ort: Križanke, Ljubljana
Konzertdatum: 26.05.2008
Besucherzahl: 3000
Ticketpreis: 22 € im Vorverkauf, 26 € am Konzerttag
In den Križanke in Ljubljana hat es am Dienstag, dem 27. Mai, wieder gedonnert. Mit dem lang ersehnten und vor allem triumphalen Konzert namens „Bil je maj“ sind die legendären slowenischen Punker Niet nach gut vierundzwanzig Jahren an den Tatort zurückgekehrt. Die Rebellen mit Primož Habič an der Spitze haben 1984 und 1985 (anstelle der Gruppe UBR) im Rahmen des Novi rock einen grandiosen Auftritt hingelegt, was auch die unglaubliche Reaktion des Publikums bestätigt hat. Und womit hat sich die Band mit ihrer bewegten und ziemlich kurzen Existenz in die slowenische Musikszene eingeschrieben? Mit einem charismatischen Frontmann, der für Niet das war, was Sid Vicious für Sex Pistols war? Mit legendären und immer wieder aktuellen Songs? Oder vielleicht damit, dass Niet in der Radio-Playlist jedes rebellischen Teenagers landen, der die Schätze des slowenischen Punks entdeckt? Auch wenn sich die Labels in den Neunzigern nicht gerade um sie „geprügelt“ haben, liefen ihre Hits sogar auf den weniger anspruchsvollen Radiosendern. Unter den damaligen Teenagern kursierten Kassetten mit ihren Aufnahmen, die so oft abgespielt wurden, dass die Bänder ausgeleiert waren und Niet ein bisschen langsamer klangen. Als 1991, kurz vor Beginn des Kriegs um Slowenien, die Last des Ruhms ihren Tribut forderte und sich Primož eine fatale Dosis Heroin setzte, gerieten Niet langsam in Vergessenheit. Endgültig auseinander gingen sie 1994, als Igor Dernovšek die Band nach ständigen Streitereien aufgelöst hat. Vergessen haben wir sie aber nie. Durch all diese Jahre, es waren sechzehn, wurde die Legende geschmiedet, und als sie am 31. März dieses Jahres das Orto fest eröffnet haben, war das die schönste Überraschung des Jahres. Dann erschien am 19. Mai noch die Scheibe „Bil je maj“, die sechzehn remasterte Aufnahmen und drei neu aufgenommene enthält – „Vsak dan se kaj lepega začne“, „Strah in krik“ und „Bil je maj“. Ihre Rückkehr unter die Lebenden haben sie mit Unterstützung von Zablujena generacija und Jani Kovačič bei dem Dienstagskonzert in den Križanke gefeiert.
Als Erste haben Zablujena generacija die Bühne der Križanke geentert, die den melodischen Punk in Person sind und die jüngere Generation vertreten. Kurz nach neun erklangen die ersten Riffs, und die Zablujenci haben uns zum Einstieg „Kdo hoče plesati z menoj?“ serviert. Ein Song, dessen Kernbotschaft eine Parodie auf all den Scheiß ist, den wir zur Vorauswahl für den Eurovision Song Contest schicken. Es folgte „Pobegli vlak“, und nicht wenige haben schon angefangen mitzusingen und zu tanzen. Die Križanke waren um diese Zeit schon gut gefüllt, aber vor dem Eingang standen noch einmal ungefähr so viele Leute. „Totaln debil“ hat noch mehr von ihnen angezogen. Die Jugend hat sich in den ersten Reihen schon zu drängeln begonnen. Dann hat „Pozitiv vabrejšan“ den Anwesenden eine leichte Dosis aus Punk, Pop und Reggae in die Ohren gepustet. Das Wortungetüm „Extrasupermegafakinnujno“ sorgt zwar für ein paar Komplikationen bei der Aussprache, aber wenn die Zungen mit dem einen oder anderen Stoff geschmiert sind, ist das kein Problem. Die rund 1500-köpfige Menge hat dann mit Hilfe der Zablujenci ihren „Egotrip“ durchgezogen. Als Šank rock 1996 die Platte „Bosa dama“ veröffentlichten, auf der auch der Song „Metulj“ zu finden ist, wurde er bei Weitem nicht so besungen wie heute. Zablujena generacija hat dem Song zum fünfunddreißigjährigen Jubiläum von Radio Val 202 ein frisches Kleid verpasst. Bei „Predsednik ZDA“ hat sich der Vater des Songs, der Liedermacher Jani Kovačič, zu den Jungs auf der Bühne gesellt, der am Dienstag der zweite Gast des Konzerts war. Auf seinen eigenen Auftritt musste er aber noch ein Weilchen warten, denn die Zablujenci hatten noch ein paar Songs in petto. Unter anderem auch „Razdalja“ und „Sonce nabija“. Dazu gab es noch den Song für alle „Patricije“, und „Mokrih sanj“ hat das versammelte Publikum an diesem Abend so schnell nicht erlebt. Nach ungefähr einer Stunde haben die Jungs ihren Auftritt mit den Songs „Moja Liza“ und „Tu mač“ beendet. Die Zablujenci haben für den bestmöglichen Auftakt zu einem unvergesslichen Abend gesorgt. Besser hätte es nicht sein können, denn der Großteil der Anwesenden ist von ihrem ersten bis zum letzten Song durchgedreht.
Das gut aufgewärmte und vor allem schon ziemlich durchgeschwitzte Publikum hat dann Jani Kovačič übernommen, der die Brücke zwischen der jüngeren, melodischen Generation der Zablujenci und den älteren, härteren Niet symbolisiert. Er hat, auf einem Stuhl sitzend, die vom Gitarrengesäge aufgeheizte Stimmung ein wenig heruntergefahren, wie er selbst witzelte. Mit seiner Erscheinung hat er die Leute zum Lachen gebracht und die zum Mitsingen gelockt, die es nicht eilig hatten, sich an der Theke die Kehle zu befeuchten und mit einer neuen Dosis Energie aufzutanken. In guten dreißig Minuten konnten wir Kovačičs Evergreens hören, etwa „Škoflca“, „Žare Lepotec“ und natürlich „Delam kot zamorc“, ohne den sein Auftritt unvollständig gewesen wäre.
Die Spannung lag in der Luft. Die „Hočmo Niet“-Rufe der etwa 3000-köpfigen Menge unterbrach Jonas Žnidaršič, der nach 1984 wieder die Gelegenheit hatte, die Legenden anzukündigen, diesmal mit dem neuen Sänger Borut Marolt an der Spitze (ex Prisluhnimo tišini). Die Rückkehr von Niet war schon für den ersten Dezember letzten Jahres angekündigt, als sie beim Konzert von Pankrti als Vorband hätten spielen sollen, doch damals fiel ihr Auftritt aus. Schade. Es war aber der Anruf von Perot Lovšin, oder wie ihn Jonas Žnidaršič nannte – Perči Gnus, dem wir die Rückkehr von Niet auf die Szene verdanken. Vielleicht ist es so sogar besser ausgegangen. Niet verdienen viel mehr, als nur als Vorband zu spielen.
Die Križanke platzten schon aus allen Nähten, und als die ersten Riffs und das triumphale „la, la, la, la, la, la“ erklangen, strömte die Menge immer noch ins Auditorium. „Molk“ zum Auftakt. Die Legenden waren wieder bei uns. „Vijolice“ gleich danach. Die Menge, die von Zablujena generacija schon gut angeheizt worden war, drehte beim allerersten Riff durch. Natürlich ging es auch nicht ohne Moshpit. Dafür war vor allem die Jugend direkt vor der Bühne verantwortlich. Dann haben wir gemeinsam mit Niet „Tvoje oči“ gesungen. Nicht nur, dass Boruts Stimme der von Primož zum Verwechseln ähnlich ist, er hat auch die ganze Last übernommen, die der Kult-Frontmann geschaffen hat. Respekt! Schon waren sie da, die „perspektive pijanih noči, perspektive pokozlanih juter“, und in einem roten Kleidchen kam Tanja Ukmar live auf die Bühne gehüpft, die ihre Begeisterung nicht versteckte. Es folgten Songs aus der ersten Phase von Niet. „Melanholija“, „Ni izhoda“ und „Petek zvečer“. Tanja verließ dann die Bühne, und bei Niet stieß Borut Činč (Buldožer) an den Keyboards dazu. Die Menge begrüßte die Eröffnungsriffs von „Depresija“ mit Getöse und stimmte sofort in den Gesang ein. Der Beweis, dass das die Songs sind, die die slowenische Punk-Tradition prägen. Noch „Sam“, und dann konnten wir den alten neuen Song „Strah in krik“ aus dem Jahr 1988 hören, der Punk-Rebellion und Melodik verbindet. Činč gesellte sich wieder zu den Jungs, und wir wurden Zeugen des schönsten Moments des Abends. Die 3000-köpfige Menge hat gemeinsam mit Niet den legendären Song „Lep dan za smrt“ gesungen. Das Gefühl, das dich in diesem Moment durchströmt, ist unbeschreiblich. Deine Haut kriegt Gänsehaut und du folgst der Band ganz unbewusst. In diesen Zustand können dich nur die kultigen Niet versetzen. Unvergesslich! Und vor allem noch einmal lauter und mit mehr Nachhall als die anderen Songs.
Es folgte der etwas ruhigere „Ruski vohun“. Man bleibt sprachlos zurück. Niet hätten sich in den Križanke nicht in originalgetreuerer Besetzung versammeln können. „Vsak dan se kaj lepega začne“ ist ein weiterer alter neuer Song, der ebenfalls 1987 geschrieben, aber erst dieses Jahr aufgenommen wurde. Er klingt großartig, und du kannst gar nicht anders, als mitzusingen. Wieder war es Zeit für einen „Strauß“ der ältesten, härteren Songs. „Umiranje“, „Srečna mladina“, „Zastave“ und „Sranje“. Bei Niet stießen auf der Bühne wieder Tanja und Činč dazu, und gemeinsam spielten sie „Ritem človeštva“, einen Song mit immer aktueller Botschaft. „Izobčeni“, „Heroj“ und „Morilci“ waren die nächsten gespielten Songs.
Es folgte eine kurze Zugabe. Schlagzeuger Tomaž Bergant bat um absolute Stille – eine Minute für Primož und den Song „Bil je maj“ für ihn. Zu Borut und Gitarrist Robert Likar gesellte sich die Cellistin Marjetka. Die Feuerzeuge gingen an, und die Menge sang zusammen mit Borut sanft mit. Wunderschön! Das war auch der emotionalste Moment des Abends, der sich langsam dem Ende zuneigte. Noch „Februar“ und noch eine Zugabe. Die Jungs kamen dann wieder auf die Bühne und zündeten zum Abschluss noch einmal „Lep dan za smrt“ und „Vijolice“. Das Publikum sang noch einmal laut mit ihnen. An das erste „Lep dan za smrt“ kam die Wiederholung aber nicht mal annähernd heran. Noch eine Verbeugung und bis zum nächsten Mal.
Nach dem Konzert haben Journalisten Niet „überfallen“ und sich die ersten Statements gesichert, dann haben sie Dutzende CDs, Poster, Arme unterschrieben … Und Brüste. Wer dachte, dass beim Konzert nur die ältere Generation zusammenkommt, hat sich getäuscht. Da waren alle, denen Niet irgendwas bedeuten und die mindestens einmal Teil ihres Lebens waren. Zum Schluss nur kurz und knapp – es war unvergesslich! Danke, Niet!
Text: Lea Lesar
Fotos: Barbara Milharčič
Setlist
Zablujena generacija:
1. Kdo hoče plesati z menoj?
2. Pobegli vlak
3. Totaln debil
4. Pozitiv vabrejšan
5. Extrasupermegafakinnujno
6. Egotrip
7. Metulj
8. Predsednik ZDA
9. Razdalja
10. Sonce nabija
11. Patricija
12. Mokre sanje
13. Moja Liza
14. Tu mač
Niet:
1. Molk
2. Vijolice
3. Tvoje oči
4. Perspektive
5. Melanholija
6. Ni izhoda
7. Petek zvečer
8. Depresija
9. Sam
10. Strah in krik
11. Lep dan za smrt
12. Ruski vohun
13. Vsak dan se kaj lepega začne
14. Umiranje
15. Srečna mladina
16. Zastave
17. Sranje
18. Paranoja
19. Ritem človeštva
20. Izobčeni
21. Heroj
22. Morilci
—– Zugabe —–
23. Bil je maj
24. Februar
—– Zugabe —–
25. Lep dan za smrt
26. Vijolice
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