Vom Publikum im Stich gelassene Royal Hunt präsentierten den überragenden Marco Boals (2008)
Ort: Sottotetto klub / Bologna / Italien
Konzertdatum: 13.05.2008
Besucherzahl: 100
Ticketpreis: 15,00€
Da müssen im Kopf ganz schön die Funken sprühen und die Synapsen Überstunden schieben, wenn man beschließt, drei Tage Urlaub in Italien zu machen – mit dem Hauptziel, Konzerte abzuklappern. Am ersten Tag dieses Urlaubs standen Royal Hunt auf dem Programm. Die dänischen symphonischen Progressive-Metaller haben Mitte März ihr neues Studioalbum „Collision Course: Paradox Pt. II“ (2008) veröffentlicht, die Fortsetzung der konzeptionellen Geschichte, die die Band mit dem Album „Paradox“ (1997) begonnen hat. Die Jungs sind in ihrer Predigt weiterhin unverwüstlich, und auch das neue Album behält die ganze Erhabenheit und den Stammbaum hoher Qualität im eigenen künstlerischen Ausdruck der Band bei. Damit die Sache aber nicht vorhersehbar wird und sich nicht wie ein Ei dem anderen gleicht, hat ein Wechsel am Mikro gesorgt. Das langjährige Mitglied John West, ohne den man sich Royal Hunt kaum vorstellen kann, wurde auf dem neuen Album durch einen weiteren Spitzensänger ersetzt. Und zwar durch Marc Boals, der vor allem für sein Wirken bei Yngwie J. Malmsteen bekannt ist.
In Bologna bin ich auf die Minute genau um 20.00 Uhr angekommen. Der Sottotetto klub, wie der Tatort heißt, liegt an einer idealen Stelle. Im Norden von Bologna, praktisch schon in der Vorstadt, um nicht zu sagen hinter der ansonsten trostlosen, stark industrialisierten Po-Ebene, mitten im idyllischen grünen Grünen.
Die Dinge liefen nicht gerade nach Plan des Veranstalters, denn der hatte vom Management ein paar bissige Kommentare kassiert. Am Horizont drohte eine Verspätung von satten zwei Stunden. Das Konzert sollte offiziell um 21.00 Uhr beginnen. Klar, die pünktlichkeitsverwöhnten Skandinavier können sich nur schwer mit der bekannten italienischen Lässigkeit und dem Hedonismus anfreunden, aber so ist Italien nun mal. In Italien ist es immer so, dass vor 22.00 Uhr abends kaum etwas anfängt, auch wenn auf Flyern und Plakaten etwas anderes steht. Die zweite Sache, die den Tourleiter auf die Palme brachte, war die Tatsache, dass die Kapazitäten des Clubs der Band keine richtigen Bedingungen bieten, um die komplette Bühnenbeleuchtung (mit Spezialeffekten) aufzubauen.
Als Tüpfelchen auf dem „i“ kommt dann auch noch ein Journalist aus Slowenien mit der Bitte um ein Interview… Na ja, ich habe mich gerade mit dem Bandchef Andre Andersen im Tourbus unterhalten. Der Mann zeigte, während wir plauderten, wegen der Enttäuschung über die Organisation alles andere als Anzeichen von Heiterkeit. Im Club hat es derweil schon angefangen zu knallen. Die Show eröffneten die Schweizer Power-Metaller Godiva. Die Jungs haben ihr Studiodebüt 2002 veröffentlicht. Darauf sind sie giftig auf Primal Fear gefahren. Seitdem hatte ich jede Spur von ihnen verloren, und ich war regelrecht geschockt, als mein Auge sie auf der Bühne erblickte – ich musste mich kneifen, um sicherzugehen, dass es sich nicht bloß um eine einheimische Vorband aus Bologna mit (zufällig) demselben Namen handelt. Nein. Es waren wirklich die echten Godiva.
Die Uhr war deutlich über 22.00 Uhr hinaus, als sie anfingen zu spielen. In ihr 40-minütiges Repertoire haben Godiva einige neue Songs vom frischen Studioalbum „Destruction“ (2007) eingebaut. Power Metal, aufgedrehte „in your face“-Riffs, melodischer und klarer Gesang. Leider hatten die Jungs einen miserablen Sound. Die Gitarren waren völlig zugedröhnt, der Gesang viel zu leise. Die Drums haben das Klangbild brutal durchschlagen. Und doch haben sie es ordentlich durchgezogen, obwohl die Halle praktisch komplett leer war. Die Jungs haben sich so ins Zeug gelegt, dass Gitarrist Steve Papacharitos kurz vor dem abschließenden Vicous Blade der Monitor verreckt ist. Die Band versuchte, mit einer „a capella“-Version von We Will Rock You (orig. Queen) als Aranžma-Trick das Publikum zu beschäftigen, beziehungsweise die paar Nasen unter der Bühne, die wir neugierig waren, während sich Steve damit abmühte, den Monitor wiederzubeleben. Das gelang ihm leider nicht, und so verabschiedete sich die Band ohne den Schlusssong. Was soll man sagen? Das war garantiert nicht ihr Tag. Weder was den Sound angeht, geschweige denn die Unterstützung des Publikums. Das ist eine richtig gute Band, die unter anderen Bedingungen sicher ordentlich zündet. Dass mit den Jungs nicht zu spaßen ist, belegt auch die Tatsache, dass der legendäre deutsche Drummer Stefan Schwarzmann (ex-U.D.O., ex-Accept, ex-Krokus, ex-Helloween, ex-Running Wild) bei ihnen eingestiegen ist – und wir hatten die Ehre, ihn live mit Godiva zu sehen!
Um 23.10 Uhr gingen die Bühnenlichter noch einmal aus, und aus der Anlage schallte das Intro mit Ave Maria Gratia Plena. Das mehrminütige Intro floss in den ersten Song des Albums „Paradox“ (1997) über, River Of Pain. Ein Song mit mörderischem Hauptriff, wie geschaffen für den Konzertauftakt! Das Quintett samt Backgroundsängerin versuchte mit routiniertem Spiel, die dunklen Wolken zu vertreiben, die an diesem Abend wegen des schwachen Besuchs durch die Halle zogen. Unter der Bühne hatten sich kaum 100 Leute versammelt. Was für ein Jammer. Weil Royal Hunt das nicht zum ersten Mal passiert ist – und auch nicht zum letzten Mal –, gingen sie mit vollem Einsatz ans Werk, doch die ganze Aufmerksamkeit zog mit einer großartigen Vorstellung Sänger Marc Boals auf sich. Seine unglaublich kraftvolle, explosive Stimme, die die Tugend besitzt, außergewöhnliche Kraft aus den mittleren Lagen bis in die höchsten zu tragen – was in der Rockmusik normalerweise die Besten von den Guten unterscheidet –, war atemberaubend. Die klaren, aus voller Kraft geschmetterten Strophen sorgten für echte Gänsehaut, und der Sänger erntete vom kleinen Publikum während des Konzerts mehrmals lautstarken Applaus. Die Setlist bestand größtenteils aus Songs der Platten „Paradox“ (1997) und „Collision Course: Paradox Pt. II“ (2008), was ich insgeheim erwartet hatte. Trotzdem hat die Band auch die übrigen Studioalben nicht ignoriert, sodass wirklich alle eingefleischten Fans unter der Bühne auf ihre Kosten kamen. Besonders zwei Jungs, die extra aus Rom nach Bologna gefahren waren, um Royal Hunt zu sehen, waren eine Freude zu beobachten, wie sie während des Konzerts eifrig mit der Band mitgemacht haben. Royal Hunt haben uns, zumindest was die Songauswahl betrifft, wirklich nicht kaltgelassen. Praktisch die besten Kreationen vom Album „Paradox“ wie Time Will Tell, das eines der Highlights des Konzerts war, dazu It’s Over und Message To God, haben das Ruder übernommen. Nicht weniger sprühte das neueste Material, allen voran die phänomenal atmosphärische Tears Of The Sun. Einige interessante Überraschungen steckten außerdem in Flight von ihrem Studiodebüt „Land Of Broken Hearts“ (1992), weiter in Can’t Let Go („Eye Witness“, 2003) und natürlich in Cold City Lights (Fear, 1999), einem Song mit äußerst eingängigem Refrain, mit dem sie das Konzert beendeten.
Ja, nach nur einer Stunde und knapp 40 Minuten war das Konzert vorbei. Die Band hat zwei Songs aus der Zugabe gestrichen. Die Gründe sind nicht schwer zu finden. Die Enttäuschung über die Bedingungen, die der Sottotetto klub für das Konzert geboten hat, die große Verspätung und natürlich vor allem das spärliche Publikum. Verdammt, ausgerechnet Last Goodbye von meinem Lieblingsalbum „The Moving Target“ (1995) ist dabei über die Wupper gegangen!!!
Der Blick auf die Bühne war wirklich eher trostlos. Royal Hunt haben praktisch in völliger Dunkelheit gespielt, und von allen Bandmitgliedern kamen am ehesten Gitarrist Marcus und natürlich der erwähnte außergewöhnliche Marc Boals am Gesang zur Geltung. Die Band gönnte sich ein paar Sketche, deren Hauptakteur der Däne Andre Andersen war, Keyboarder und Chef der Band, der nun in der Besetzung nur noch von Schweden und einem Amerikaner umgeben ist. Bassist bei Royal Hunt ist Per Schelander, der Mann, den RockLine im November 2006 in Padua beim Konzert der schwedischen Melodic-Hardrocker House Of Shakira gesehen hat.
Royal Hunt lieferten einen soliden und ungemein kompakt eingespielten Auftritt ab. Das Problem war, dass die Songs nicht so vollkommen zur Geltung kamen, wie sie es sonst würden. Schon gar nicht im atmosphärischen Sinn, obwohl gehobene Stimmung und Dramatik wichtige Elemente in der Musik von Royal Hunt sind. Zu offensichtlich drängte sich eine Routine nach dem Motto in den Vordergrund: „Los, Jungs! Spielen wir das Nötigste, wofür wir bezahlt werden, und machen wir uns vom Acker!“ Ein Auftritt ohne Fehler, immerhin. Andersens Keyboards waren im Schatten der Gitarre übertönt, sodass die charakteristischen schlagkräftigen Harmonien zwischen Gitarre – Keyboards nicht so kräftig durchkamen, ebenso wenig wie ihr in den Songs stellenweise platziertes Kreuzfeuer (Dialog im Wechsel der Melodien). Zum Glück gab es den einmaligen Marc Boals, der mit seiner Performance das Konzert aus dem Durchschnitt zumindest ein Stückchen nach oben gezogen hat, auch wenn der Auftritt von Royal Hunt weit vom Optimalen entfernt war, um nicht zu sagen vom Perfekten. Ein dickes Minus verdient diese Verwaschenheit der Keyboards im Sound. Andre Andersen ist nämlich mit seinen Arrangements eines der wichtigsten Glieder im Erscheinungsbild von Royal Hunt, das sie musikalisch eigentlich besonders macht. Diesmal war Andre kaum wahrnehmbar.
Die Ausbeute des ersten Tages war für den Reisenden aus Ljubljana ziemlich dürftig, abgesehen vom Trost, eine Band gesehen zu haben, die ich wohl nur schwer noch mal zu sehen bekomme. Die Jungs verschwanden nach dem Konzert flott von der Bühne in den Tourbus, denn vor ihnen lag eine lange Fahrt in den Norden, wo sie für den 15.05.2008 schon einen Auftritt in der deutschen Stadt Karlsruhe angesetzt hatten. Marc Boals hat in Bologna bewiesen, dass er ein respektabler Nachfolger von John West ist. Insgeheim hoffe ich, dass Royal Hunt nächstes Mal wenigstens nach Österreich kommen, wo sie vor dem Konzert auch bessere Laune haben und so gestimmt sind, wie es sich gehört, statt Prinzessin auf der Erbse zu spielen, um dann den kürzeren zu ziehen bei den Fans der Band, auch wenn nur 100 in der Halle stehen. Echter Profitum verlangt eine Bombenshow, und zwar ohne Unterschied. Für einen einzigen Menschen oder für 10.000 Köpfe in der Halle. Diese Prüfung haben Royal Hunt diesmal glatt vergeigt.
Setlist
GODIVA:
1. Destruction
2. Pedal To Metal
3. Proud To Be A Beast
4. Heavy Metal Thunder
5. Crawl In The Night
6. Call Me Under 666
7. Let The Thanks Roll
8. Vicious Blade*
ROYAL HUNT:
1. Intro
2. River Of Pain
3. The First Rock
4. Message To God
5. The Clan
6. Long Way Home
7. Hostile Breed
8. Time Will Tell
9. Tears Of The Sun
10. It’s Over
11. Caos A.C.
12. Game Of Fear
13. The Mission
14. Never Give Up
15. Can’t Let Go
16. Flight
17. Cold City Lights
—Zugabe—
18. Third Stage* & Solos*
19. Last Goodbye*
* Songs, die nicht gespielt wurden
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