Jaded Heart mitten im Sturm der Widrigkeiten (2008)

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Ort: Stonehenge Club / Arcole (Verona) / Italien
Konzertdatum: 01.05.2008
Besucherzahl: 50
Ticketpreis: 0,00€

Unergründlich sind die Wege des Herrn, noch unergründlicher die Wege unseres RockLine. Diesmal führte mich mein Weg in ein Städtchen namens Arcole, ungefähr auf halber Strecke zwischen Vicenza und Verona in Italien, bekannt für eine von Napoleons Schlachten im Jahr 1796, aus der Napoleon selbstverständlich als Sieger hervorging. Zur besseren Orientierung: Dieses winzige Nest liegt nur 330 km von Ljubljana entfernt. Und weil wir gut abgehärtet sind, zählt bei der zügellosen RockLine-Eroberung Europas jedes Konzertziel unter 400 km ab Ljubljana schon als echtes Fahrerparadies.

Maifeiertage und tote Hose. Muss ich extra betonen, dass ich mich natürlich verfahren habe? Ist ja klar. Immerhin gab es einen lehrreichen Spaziergang und Rundgang durch Arcole, bei dem mir freundliche Einheimische erklärt haben, wo genau der Stonehenge Club ist. Also, kurz gesagt: Ausfahrt Soave/San Bonifacio, du fährst durch das Zentrum von San Bonifacio Richtung Süden, und wenn du an den Kreisverkehr mit der Abzweigung ins Zentrum von Arcole kommst, nimmst du genau die. Nur etwa 400 m weiter liegt links schon der Stonehenge Club. Weil der Schriftzug Stonehenge fast komplett von Ranken überwuchert ist, parkst du am besten gleich instinktiv auf dem ersten Parkplatz, den du auf der rechten Straßenseite erreichst, auf der du nach Arcole hineinkommst, und schaust dich auf der gegenüberliegenden Straßenseite um, wo dir zuerst ein großer Las-Vegas-Schriftzug auf einem der Gebäude ins Auge fällt. Darunter ist der Stonehenge Club. Klar, ein druidisches Heiligtum ist das nicht, und im Kreis aufgestellte Monolithen findest du dort auch keine. Die Sache liegt also gleich am Anfang des Städtchens. Am Tatort angekommen, begrüßte ich zuerst Emiliano, den Boss von Bologna Rock City. Wie schnell die Zeit vergangen ist seit November 2006, als wir uns in Padua beim Konzert der schwedischen AOR/Hardrocker House Of Shakira kennengelernt haben (den Bericht könnt ihr HIER nachlesen).

Kurz darauf hing ich schon dem Tourmanager am Hals. Die Jungs waren gerade auf dem Weg in die Spaghetteria, um sich zu stärken, aber für ein Interview gebe es überhaupt kein Problem, wenn wir vom Abendessen zurück sind, sagt der freundliche Deutsche. Der ursprünglich angekündigte Beginn um 21.30 Uhr zog sich natürlich in klassisch italienischer Manier maximal in die Länge. Das Warten verging beim Plaudern mit Emiliano, der an einem hübsch gedeckten Tischchen Jaded Heart-Merch verkaufte, aber schnell. Das Zapfbier war diesmal überdurchschnittlich gut (Tuborg), aber teuer wie der Teufel persönlich (5,00€ – mein Tipp: Bringt lieber Dosen aus dem Laden mit, falls es euch durch irgendeinen seltsamen Zufall mal in den Stonehenge Club verschlägt). Und endlich bekomme ich mein Interview mit der Band. Die Uhr hatte schon 23.00 geschlagen, und die erste Vorband hatte noch nicht mal angefangen. Wie das Interview lief, steht natürlich in einem anderen Artikel, wir springen jetzt eine Dreiviertelstunde weiter. Also ungefähr zu den letzten 15 Minuten des großen Tages des Herrn, dem 02.05.2008!

Die Locals Venoma steckten gerade mitten in ihrem großen orgasmischen Auftritt, als ich mich vom Interview zurück durch die Tür des Clubs schlich. Das Trio – ein Mädel (Gesang/Gitarre) und zwei Jungs für den Rhythmus – hatte kaum die Geschlechtsreife erreicht, da hantierten sie schon mit gefährlichen Waffen. Wie ging das noch mal? Emo-Küken und maximale Imprägnierung, die vor dem (potenziell) verheerenden Eindringen von Bakterien schützt. Instant und leer. Erwünscht sind Gefuschel und dicker, verschmierter Lärm, weil man darin die Melodien sowieso nicht hört. Darüber schreist du, und die Sache ist erledigt. Wooow, voll krasse Nummer!!! Wir schneiden uns schon die Adern auf! Venoma quälten meine verwöhnten Ohren noch etwa 20 Minuten lang, während das Publikum, das diesmal wirklich wie ein Kindergarten wirkte, die eigenen Landsleute mit großem Interesse verfolgte und hoffentlich dabei nicht fälschlicherweise die neue Genesis des Rock-Universums erlebte. Der Club war an diesem Punkt schon ganz ordentlich gefüllt. So etwa 70 Leute ließen sich mit den Augäpfeln erfassen.

Dissoluto folgten. Die zweite lokale Vorband stieß auf eine deutlich stürmischere Reaktion des Publikums. Diesmal ein Quartett mit Gitarristin, Sängerin, Bassist und Schlagzeuger. Eigentlich boten sie in ihrem alternativen Rock-Charakter deutlich mehr Zucker, vor allem wegen der Texte in wohlklingendem Italienisch. Auch der Sound war leichter als bei Venoma. Man fragt sich manchmal, was zum Teufel in den Köpfen der Jungen vorgeht. Sie kleiden sich in die Klamotten der Punkrock-Revolution, haben aber die Hosen gestrichen voll. Da ist also keine tiefere Essenz zu finden, nur überwucherte Pubertät. Na dann viel Glück, ihr Wichtel, ihr habt meinen Hörorganen für diesen Abend genug Leid zugemutet.

Der Veranstalter wusste, dass er Locals als Vorbands einladen muss, nur so wird der Club ausreichend voll. Wie traurig, oder? Auch Emiliano konnte nicht gerade mit dem Besuch seiner Hardrock-Konzerte in Italien prahlen. Aber der Mann hat Eier. Mal ist es Verlust, mal Gewinn, alles macht er komplett ehrenamtlich! Respekt verdient.

Um zwanzig nach eins nachts betraten dann endlich die deutschen Zauberer des melodischen Glam-Hardrock Jaded Heart die Bühne. Mehrere Gründe sorgten dafür, dass dieser Abend nicht gerade für einen Auftritt von Jaded Heart gemacht war. Erstens die Bühne selbst, die eher an einen Laufsteg erinnerte, dazu unmögliche Bedingungen für eine normale Beschallung: Die Gitarre war während des Konzerts deutlich zu laut, es pfiff an allen Ecken und Enden. Das nächste Problem, mit dem sich die Band an diesem Abend herumschlug, war die Erkältung von Sänger Johan Fahlberg. Die sympathische schwarze Spinne, ein echter Zwei-Meter-Koloss, versuchte natürlich, während des Auftritts alles aus sich herauszuholen, doch die Erkältung forderte ihre Opfer. So konnte Johan in keiner Weise in den Lagen agieren, die live am wichtigsten sind, um den roten Faden der Songs zu ziehen. Die mittleren Lagen versagten ihm komplett. Meist half er sich, indem er sie übersprang, schwierige Zeilen ausließ und nach Improvisationen die Linien mit extrem hohen „Screams“ beendete, die in den Ohren schmerzten. Das Ganze war für Johan umso schwerer, weil er sich auf der Bühne selbst nicht gut hörte, denn die Gitarre von Peter Oestros war über jedes Maß aufgedreht. Fahlberg aus der Patsche halfen Peter Oestros, Michael Mueller und Dimitri Keiski, die für die mehrstimmigen Gesangsharmonien sorgten. Gepatzt wurde während des Auftritts ziemlich viel, aber unter solchen Konzertbedingungen ist das der Preis, den die Band zahlen muss, völlig klar. Außerdem ist der Club für so manchen Tonmeister ein großes Rätsel, der sich traut, sich am dortigen Mischpult zurechtzufinden. Diesmal war der Sound wirklich ein unlösbares Rätsel.

Hoppla, das noch! Dimitri Keiski ist ein Kumpel von Peter Oestros, und zusammen spielen sie in der schwedischen Power-Metal-Formation Insania. Keiski ist nur für diese Tour bei Jaded Heart eingesprungen, denn die Band hat ihr Originalmitglied und ihren Keyboarder Henning Wanner an White Lion ausgeliehen, die sich gleichzeitig in Südamerika herumtreiben. Keiski hat das gesamte Jaded Heart-Repertoire in nur einer Woche einstudiert.

Die Band kürzte ihren Auftritt und beschränkte ihn auf knapp eine Stunde. Aus dem Repertoire strich sie 5 Songs und die Zugabe. Also mindestens 40 Minuten, wenn man die Zugabe mit zwei Songs dazurechnet, das ist fast die Hälfte des Repertoires, um die wir gebracht wurden. Interessant: Jaded Heart strichen aus der Setlist alle Songs, die von Alben stammen, auf denen Michael Bormann singt. Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste wiegt schwerer. Die Band ist begeistert von den Alben „Helluva Time“ (2005) und „Sinister Mind“ (2007), die auch im Stonehenge Club dick vertreten waren. Der andere Grund, der angesichts des vorrangigen Festhaltens an den Songs dieser beiden Platten mehr als willkommen ist, liegt in der Anpassung der Band an Fahlbergs erkältete Kehle. Fahlberg begann seine Jaded Heart-Karriere mit „Helluva Time“, und logischerweise liegen ihm die Songs der letzten beiden Platten am besten, und die Kehle leidet bei der Darbietung vielleicht wenigstens ein Quäntchen weniger.

Beide Platten sind mehr als hervorragend, und dass wir nur Songs von ihnen hörten, war bei Weitem kein Grund zum Jammern. Der lag in der absichtlichen Kürzung der Setlist auf kaum eine gute Stunde. Die Band entschied sich völlig logisch dafür. Ohne echte Fans in den ersten Reihen ist es für sie natürlich nicht interessant aufzutreten. Einen Soundcheck hatten sie schon am Nachmittag, einen zweiten brauchen sie garantiert nicht, er ist überflüssig. Weil während des Konzerts also nur etwa 30 Leute da waren, und selbst die saßen weit entfernt an Tischen, verlor die Band einen großen Teil der Freude am Live-Auftritt. Und Achtung: Eintritt gab es überhaupt keinen. Natürlich gaben Jaded Heart in dieser Stunde alles. Der wahre Beweis dafür sind gleich drei völlig zerstörte Paar Drumsticks, die Axel Kruse unters Volk warf.

JADED HEART Setlist:
1. Hero
2. Justice Is Deserved
3. Somewhere
4. Live And Let Live*
5. Inside Out*
6. Tommorow Comes
7. Shores Of Paradise
8. Sinister Mind
9. Paid My Dues
10. Going Under
11. Journey Will Never End*
12. Dreams You’ll Never See
13. Hellucinate
14. Anymore*
15. Feels Like Love*

*…Songs, die Jaded Heart nicht gespielt haben

Ein Konzert unter solchen Bedingungen zu erleben ist nicht gerade alltäglich, aber bei ständigem Herumtingeln auf Konzertbühnen quer durch Europa werden auch solche Erlebnisse zur Selbstverständlichkeit. Sie gehören zum Leben der Bands und der Rock-Szene. So läuft das eben. Ich wünsche mir nur, dass sich bald eine neue Gelegenheit ergibt, Jaded Heart unter anderen Bedingungen zu sehen. Mit einer richtigen Bühne, richtigem Publikum, richtigem Bühnenlicht. Trotzdem war ich so voller Energie wie schon lange nicht mehr. Wie auch immer: Wenn du eine Band dabeihast, die Musik für deine Seele spielt, überspringst du im Kopf ganz selbstverständlich all diese schwierigen Umstände, in denen sich die Band an diesem Abend wiederfand. Auch Jaded Heart haben sie übersprungen. Sicher nicht zum ersten Mal, und auch nicht zum letzten.

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