Die Prog-Rock-Opas von Brainville 3 haben das Publikum auf eine aufregende Improvisations-Odyssee mitgenommen
Autor: Peter Podbrežnik
Ort: Auditorium della cultura friulana / Görz / Italien
Konzertdatum: 18.04.2008
Besucherzahl: 400
Ticketpreis: 15,00€
Diesmal hat es das Trio von Rockline, das allen möglichen Musikexperimenten aus Parallelwelten immer aufgeschlossen gegenübersteht, nach Görz verschlagen. Dort wartete das Treffen mit drei legendären Veteranen der hochexperimentellen Musik auf uns, die unter dem Namen Brainville 3 auftreten und auch nach über vierzig Jahren noch lange nicht die Flinte ins Korn geworfen haben, wenn es darum geht, hochavantgardistische und innovative Musikformen zu erschaffen. Brainville ist ein ganz besonderes Experimentalprojekt, in dem sich drei „Opas“ des Progressive Rock für ihre modernen Weltraumexperimente zusammengefunden haben, die bis heute bei allen Fans etwas abwechslungsreicherer Musikformen, sagen wir mal, enormen Respekt genießen. Der unverwüstliche 71-jährige Gitarrist/Sänger/Klangmanipulator Daevid Allen hat in seinen besten Jahren mit Gong parallele Musikuniversen entdeckt, Bassist Hugh Hopper hat als eines der wichtigsten Mitglieder von Soft Machine die Entwicklung des Prog-Rock-Genres Canterbury und später des Jazzrock-Fusion geprägt, während Drummer Chris Cutler einst Mitglied der avantgardistischen Rockformation Henry Cow war, einer der Wegbereiter der Rock In Opposition-Bewegung. Der große Schlagzeug-Freak Cutler hat vor zwei Jahren den verstorbenen Pip Pyle (ex-Gong, Hatfield And The North) in der Besetzung ersetzt. Die Drei steht also für die dritte Version von Brainville, die als Quartett angefangen hat (in der ersten Besetzung war auch der Kult-Keyboarder und Produzent Mark Kramer dabei, der vor allem für seine Zusammenarbeit mit John Zorn und zahlreichen anderen Improvisationsmusikern bekannt ist).
Es versprach also eines dieser Konzerte zu werden, bei denen ständige Improvisationen, die Unberechenbarkeit hochavantgardistischer Sphären und die Fusion der drei unterschiedlichen musikalischen Energien der einzelnen Musiker (in diesem Fall also Space Rock, Avantgarde-Rock und Jazzrock-Fusion) die Hauptrollen des Abends spielen. Während der Bühnenvorbereitungen haben die Veranstalter für die bestmögliche Musikauswahl gesorgt, nämlich mit dem King-Crimson-Klassiker „In The Court Of The Crimson King“, dessen Klänge uns bis zum Auftritt der legendären Grauen auf der Bühne beglückten. Für die Bühnenausstattung sorgte die Kultband Avtomobili aus Slowenien.
Nach ungeduldigem Warten marschierten Hopper und Cutler gemeinsam auf die Bühne und bezogen Stellung an ihren Instrumenten. Sie legten mit langen, komplexen rhythmischen Improvisationen los. Cutler bewies, dass er ein unglaublicher Drummer ist, der mit allen Wassern gewaschen ist. Neben seiner außergewöhnlichen Geschwindigkeit, Dynamik und dem häufigen Wechsel der Sticks (oft hatte er gleich einen Ersatzstick zwischen den Zähnen parat) begeisterte er die Anwesenden vor allem mit seinem ungewöhnlichen, avantgardistisch-jazzigen Ansatz, bei dem sich technische Souveränität und Witz Hand in Hand durch die Songs bewegten. Gelegentlich drosch er mit den Sticks sogar auf die seitlichen Lautsprecher ein. Und oft hatte man das Gefühl, er würde gleich sein Drumset in alle vier Himmelsrichtungen zerlegen. Hopper blieb seiner erkennbaren, vom Jazz herkommenden Technik treu und zeigte neben außergewöhnlicher Eingespieltheit auch ein gutes Maß an Melodik. Diesmal passte er genau auf, dass ihm im Gegensatz zu unserem letzten Treffen mit Soft Machine Legacy vor drei Jahren in Udine keine einzige Saite riss. Ihre hochexperimentelle Show, bei der man den rationalen Hörmodus komplett ausschalten und sich dem Fluss des Improvisierens in düsterer Atmosphäre hingeben musste, erzielte mit der Zeit die gewünschte Wirkung und erschuf einen hohen Ambient
Da fingen manche im Publikum schon an, sich zu fragen, wo Daevid Allen steckengeblieben war, der älteste und größte Freak des auftretenden Trios. Der torkelte nach einer Weile dann doch noch auf die Bühne, mit dem obligatorischen Zirkuszylinder auf dem Kopf, einem Notizbuch für die Texte und Anleitungen zu seinen vielen Klangexperimenten und einer Bierflasche in der anderen Hand (betrunken war er nicht, das hatte er nicht nötig, denn er befindet sich fast die ganze Zeit in einem besonderen spirituellen Zustand, sagen wir mal, in seiner ganz eigenen Welt). Beim Anblick eines Mannes von ehrwürdigem Alter, gekleidet wie ein Zirkusdirektor (wahrscheinlich sieht er sich selbst auch als musikalischen Direktor einer großen Zirkusshow), war es unmöglich, ernst zu bleiben. Sein Auftritt kündigte an, dass bis dahin alles nur Aufwärmen gewesen war und der Auftritt von Brainville 3 jetzt erst richtig losging. Allen kündigte eine echte exzentrische Weltraum-Odyssee durch komplexe und avantgardistische Space-Rock-Strukturen an, in denen die Einflüsse und Stile aller drei Musiker ineinanderflossen, vor allem aber völlig freie Improvisation.
Allen ist ein außergewöhnlicher Freak, ob nun bei seiner Gesangsdarbietung, beim Spielen seiner Gitarre ohne Hals (dabei benutzte er zusätzliche Hilfsmittel wie zum Beispiel einen Metall-Slide) oder beim Mischen aufgenommener Klangsamples und deren Live-Aufzeichnung (er verbrachte fast mehr Zeit über den Boden gebeugt als aufrecht stehend). Obwohl er ein eher durchschnittlicher Gitarrist ist und deshalb oft leicht verstimmt klang, überzeugte er umso mehr mit seiner fast ununterbrochenen Manipulation von Klangsamples und diversen Zusatzeffekten, die halfen, außergewöhnliche Klangkulissen für die ständigen rhythmischen Improvisationen zu schaffen. Das zweite Kapitel war seine extravagante, theatralische Art zu singen, die mehr oder weniger im Vortragen diverser Aphorismen bestand, von politischen bis zu gesellschaftlichen Satiren und allerlei inneren Empfindungen. Dabei musste er sich mehrfach mit seinem Notizbuch behelfen, was in seinem Alter völlig nachvollziehbar ist. Allens absurde Gesangsdarbietung war stellenweise fast komisch, noch öfter aber ausgesprochen grotesk (im positiven Sinn). Zweifellos schockierte sie einen guten Teil der Gemeinde, der darauf nicht vorbereitet war oder seine früheren Werke nicht gut genug kannte, um sich auf den exzentrischen Auftritt des alten Psychedelic-Zauberers einstellen zu können. Diese Gesangseinlagen gab es übrigens nur in den Pausen zwischen den langen Improvisationen. Auch wenn manche seinen traditionell „zugedröhnten“ Bühnenauftritt nicht besonders unterhaltsam fanden, habe ich mich persönlich die ganze Zeit bestens amüsiert, sowohl bei seinen kurzen Gesangsausflügen als auch beim Experimentieren mit Klangsamples, wo er seinen Ruf als einer der Pioniere dieser Technik bestätigte. Für jemanden, der an die Existenz der vierten Dimension glaubt und zu seiner Zeit über fliegende Teekannen geschrieben hat, wirkte er trotzdem bodenständig genug, um problemlos und auf sympathische Art mit dem Publikum zu kommunizieren. Brainville 3 stellten im Laufe des gesamten Auftritts, bei dem sie sechs Stücke epischer Länge spielten, ihr aktuelles Album „Trial By Headline“ vor. Eine der Darbietungen war auch Didier Malherbe gewidmet, dem ehemaligen Gong-Saxofonisten und -Flötisten.
Die seltsame Truppe grauer Pilger hat uns mit ihren Weltraum-Improvisationen so begeistert und immer wieder in Trance gewiegt, dass ihr Auftritt wie im Flug verging. Ich persönlich hatte vor dem Auftritt genau so etwas erwartet, wie es das Trio an diesem Abend zeigte, nämlich eine totale Explosion hochavantgardistischer Fusion, die man mit allen Sinnen hören muss und nicht nur mit den Ohren, damit man die Energieladung der einzelnen Improvisationen wirklich spürt. Besonders erfreulich war die Erkenntnis, dass die „Urahnen“ immer noch hungrig auf neue Herausforderungen sind und auf der Bühne genauso viel Spaß haben wie vor vierzig Jahren. Auch der Sound war die ganze Zeit auf hohem Niveau, deshalb habe ich diesbezüglich keine besonderen Anmerkungen. Fans hoher technischer Raffinesse kamen sicher vor allem bei den aufregenden rhythmischen Darbietungen von Hopper und vor allem Cutler auf ihre Kosten. Allen dagegen war mit seinem exzentrischen, fast provokanten Ansatz für den Geschmack der meisten im zahlungskräftigen Publikum kein leichter Brocken. Besonders für die, die einen ruhigen, mit leichten Melodien durchtränkten Auftritt älterer Herren erwartet hatten. Persönlich hätte ich mir nur etwas mehr britischen Humor gewünscht, denn solche avantgardistischen Shows finde ich, wenn sie auch ein passendes Maß guten Humors enthalten, noch gelungener, während sich Brainville 3 oft in ziemlich düsteren Ambient-Sphären aufhielten. Das Treffen mit drei alten Freunden, damit meine ich vor allem Allen und Hopper als ehemalige Mitglieder früher Soft-Machine-Versionen, verlief (wie erwartet) in hochavantgardistischen Tönen und stillte den Hunger der Anwesenden mit einer passenden Portion einzigartiger Brainville-3-Fusion. Ein Wiedersehen mit den Altmeistern des Progressive Rock wird auch in Zukunft mehr als willkommen sein.
Text: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Rok Podgrajšek
Bildergalerie














