Süße Chefin twistet den Schmerz mit Boss Tweed auf dem Ortofest (2008)

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Ort: Orto Bar / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 02.04.2008
Besucherzahl: 60
Ticketpreis: 7,00€

Boss Tweed, dieses spannende Brooklyner Trio aus New York, das eine ausgesprochen reizvolle Mischung aus Blues, Rockabilly, Surf und Rock n‘ Roll spielt, ist eine Band, wie man sie auf Sloweniens Konzertbühnen nur selten zu sehen bekommt. Das Trio war auf einer kurzen Slowenien-Tour  mit insgesamt vier Terminen (im Rahmen einer größeren Europatour) unterwegs, und dabei durfte natürlich auch der Auftritt beim traditionellen Ortofest in Ljubljana nicht fehlen.

Hier geht es um ein Trio mit einem ganz eigenständigen Stil, der das selbstgeschriebene Repertoire prägt, um gestandene Musiker, die außerhalb von Boss Tweed in den unterschiedlichsten Musikprojekten oder anderen Genre-Bands aktiv sind und sich dort vernetzen. Über den hohen Stammbaum der einzelnen Bandmitglieder muss man also eigentlich gar nicht viele Worte verlieren, trotzdem tut es gut, ein paar „grundlegende Fakten“ zu betonen. Herz und Seele der Band ist die Chefin Carolyn Sills, eine Sängerin mit ganz besonderem Charme und Charisma, und ihre verführerisch sinnliche, erotische Soulstimme, die Sehnsucht und Schmerz nicht versteckt, ist eines der wichtigsten Markenzeichen von Boss Tweed. Ihr zur Seite stehen der sympathische Gitarrist Gerard Egan, ein feinsinniger Meister der Spieltechnik, wenn es darum geht, Elemente von Rock n’Roll, Rockabilly und Blues auf seiner Gretsch Hollowbody zu verschmelzen, und der vielseitige Drummer Eric Reed.

CRY BABY 21.15 – 22.25:
Vor Boss Tweed heizte um Viertel vor zehn abends die slowenische Rockabilly-Band Cry Baby der 50-köpfigen Menge ein und erinnerte uns daran, dass Elvis nicht tot ist. Das Quartett ausgelassener Hengste brachte vor allem den weiblichen Teil des Publikums in den 40 Minuten ihres Auftritts mit provokantem Dandy-Geflirte, das nun mal zum Genre und zum Rockabilly-Kult gehört, ordentlich in Wallung. Ich sah die Jungs zum ersten Mal, aber sie haben mich mit einer forschen, energiegeladenen Show überrascht, die sie während des Konzerts ohne jede Hemmung und als geschlossene Einheit entfalteten. Ein sympathischer Opener, der wegen der stilbedingt fatalen musikalischen Wiederholung aber gern schon nach weniger als einer halben Stunde langweilt. Doch das hier ist in erster Linie eine Band, die für die Party geboren wurde, technisch bei weitem nicht makellos, aber eine Band, die es schafft, die Leute unter der Bühne in Gang zu bringen! Gespielt haben die Jungs unter anderem folgende Songs: Drive My Jack, Only The Night, Tinbox Blues, Little Less Conversation, Fat Cat Boogie, Im‘ The Wolfman, In My Car, Every Day.

BOSS TWEED 22.40 – 00.05:
Der Staub hatte sich eigentlich noch gar nicht richtig gelegt, da standen Boss Tweed schon auf der Bühne. Vielleicht waren gut 10 Minuten vergangen. Ihre Show eröffneten sie mit dem Titelsong der frisch erschienenen EP der Band, „Lie to Me“ (Eigenveröffentlichung, 03.02. 2008), eigentlich eine Coverversion des Originals von Tom Waits. Carolyn übernahm sofort die zentrale Rolle und zog mit ihrer Bühnenpräsenz die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Ihr feines Gespür dafür, die Band während des Konzerts zu dirigieren und zu führen, verzauberte eigentlich genauso wie ihr anziehender Gesang, der das außergewöhnliche Gefühl ausstrahlte, Emotionen live zu zeichnen. Ein Hauch von Soul, ein angeborenes Talent, eingelebte Improvisationstupfer an genau den richtigen Stellen einzuflechten, wenn Schmerz, Freude,… ausgestrahlt werden müssen. Das verführerische Flirten mit Blicken und vor allem mit der Stimme war hypnotisch. Carloyn schwang dabei unaufhaltsam die Bassgitarre und behielt mit Seitenblicken ständig wachsam im Auge, was ihre beiden Kollegen da trieben.

Weiter ging es mit der wiegend leidenschaftlichen und melodischeren Bottles & Cans, ebenfalls von der EP „Lie to Me“, die die Spielintensität schlagartig in den nächsten Gang schaltete. Mit einer interessanten Kreuzung aus Surf und Rock’n Roll, mit der Gerard Carolyns Gesang unterlegte, machte die Gitarre deutlich, was für ein wichtiger Faktor sie (neben dem Gesang) für das Grundgesicht von Boss Tweed ist. Vor allem Gerard ist mit seinem feinen Sound derjenige, der die späten Fünfziger und frühen Sechziger mit natürlichen, metallisch schallenden, tiefen Tönen fantastisch wieder zum Leben erweckt hat. Die Grundlage der Songs ist von den Akkorden her nicht so verzwickt, aber Gerard begeisterte durchgehend mit den unterschiedlichsten Tricks, die die schablonenhafte Vorhersehbarkeit der gängigen Gitarrenphrasen aufbrachen und sie auf diese Weise rechtfertigten. Den Großteil dieser Magie erzeugte Gerard mit dem Tremolo, das an seiner wunderschönen orangefarbenen Gretsch-Schönheit wirkte wie die massive Messingtürklinke am Tresor der Oma auf dem Dachboden einer gottverlassenen Winzerhütte irgendwo mitten im Tolmin-Kobarid-Bergland. Er ging die ganze Sache mit außergewöhnlicher Kontrolle, Weichheit und Sinnlichkeit an. Nirgends auch nur ein Hauch von Zuckerguss. Abwechslungsreiches Spiel mit Geschmack, besonders atemberaubend war diese Verschmelzung von Blues-Melos und Surf-Melodien, ein paarmal hat der Typ aber auch rockig zugeschlagen. Wenn Gerard nicht gerade mit Boss Tweed unterwegs ist, tritt er nämlich in einer „Guns N‘ Roses Tribute“-Band namens Mr. Brownstone auf, was Bonuspunkte für seinen vielseitigen Gitarrenausdruck bringt.

Tatsächlich haben Boss Tweed als kompaktes Dreigespann die anwesenden Zuhörer allein mit ihrer Besonderheit mitgerissen. Sie wirkten natürlich, echt, und genau deshalb wirkte diese Anziehungskraft, zum Beispiel auf mich persönlich, schon fast hypnotisch.

Gerard und Carolyn hatten ihre Effektpedale gleich oben auf den Amp-Köpfen aufgebaut und nicht auf dem Boden, wie sonst üblich. Offenbar hatten sie sich vorher informiert, dass wir Slowenen auf Konzerten gern mal Bier verschütten, wenn wir ins Schwitzen kommen. Ansonsten zeigte das Duo ein paarmal, wie gut auch ihre unterschiedlichen Stimmfarben zusammenpassen, vor allem an den Stellen, wo sie sich an gemeinsame Duett-Harmonien machten (I Never Cared For You). Boss Tweed bestätigten ihre musikalische Kunstfertigkeit auch bei den Coverversionen, die sie in ihr ganz eigenes Gewand hüllten. Besonders zündete hier Mona Lisa – orig. Nat King Cole.

Das Publikum hielt durchgehend entschlossen etwa 3 m Abstand zur Bühne. Schuld daran waren die geringe Bekanntheit der Band und wohl auch das allgemeine Stimmungsgefühl von Trauer und Schmerz, das die Band mit ihrem Auftritt erzeugte und das verhinderte, dass die Köpfe (und Köpfchen) im Saal des Orto Bar womöglich überhitzten und ihr Handeln der vernünftigen Kontrolle entglitt. Trotzdem wirkten die Surf- und Rockabilly-Rhythmen berauschend, und so drei Paare entschieden sich in der zweiten Konzerthälfte, der Welt ihre Tanzkünste zu zeigen. Ansonsten hielt das Publikum durchgehend ziemlich kühle Distanz zur Band, selbst in den Pausen war praktisch kein Applaus zu hören, abgesehen vom Schluss, als die Band eine Zugabe spielte und das Konzert mit einem rockig beschleunigten Medley aus Instrumentals beendete.

Der Sound war während des Konzerts für die Clubatmosphäre geradezu ideal. Geschaffen haben ihn Boss Tweed in gerade mal zehn Minuten „Soundcheck“ vorab, den Drummer Eric überwachte. Während des Konzerts brauchten sie am Mischpult gar keinen Tontechniker.

Der Auftritt der sympathischen Boss Tweed zauberte eine einmalige Atmosphäre, eine besondere musikalische Extravaganz, die nur diese Band besitzt. Mit der Fusion verschiedener musikalischer Einflüsse, die der Band den nötigen Spielraum für die eigene Entwicklung und den Erhalt ihrer unverwechselbaren Identität gibt, schufen die Musiker ein außergewöhnlich dynamisches Geflecht aller Stimmungen und erweckten es im Orto Bar unvergesslich zum Leben. Wie gesagt. Im Augenblick. Ganz eigen und unter die Haut gehend verführerisch.

Boss Tweed – Setlist:
1. Lie To Me
2. Bottles & Cans
3. Lucky Penny
4. Done Wonders
5. 45
6. I Never Cared For You
7. Real Good Sell
8. Bang Bang
9. Buzz Like Houseflies
10. Gypsy
11. …the Devil
12. Mona Lisa
13. Pretty Violent
14. Prince Of The Upper West Side
15. Diamond Head
16. After Awhile
17. Perhaps…
18. Hellbent
19. The Girl
 

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