Head>>Fake im Konzertmarathon-Stil über der Bluesiana! (2008)

0 4

Ort: Bluesiana Rock Cafe / Velden am Woerthersee / Österreich
Konzertdatum: 13.03.2008
Besucherzahl: 80
Ticketpreis: 30,00€

Was kommt raus, wenn sich die Hälfte der Mitglieder von Living Colour zusammentut, genauer gesagt die Rhythmusgruppe aus Doug Wimbish (Bass) und William E. Calhoun (Drums)? Ein Ding, das die beiden Head>>Fake nennen. Die zwei waren vor zweieinhalb Jahren im slowenischen Maribor zu Gast. Und jetzt war es wieder Zeit, zu einer neuen Europatour aufzubrechen. Um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, hatten sie eine glänzende Idee und holten Max Lilja, Mitglied von Apocalyptica, mit auf Tour. Die Tour tauften sie „Head>>Fake and One (Max Lilja) tour 2008“.

Musiker von so hohem Ansehen wie Doug Wimbish und Will Calhoun muss man ja wohl nicht groß vorstellen, oder doch, kurz? Neben dem goldenen Werk mit Living Colour hat Calhoun in der Vergangenheit mit B.B. King, Mick Jagger, Jaco Pastorious, Harry Belafonte, Dr. John, Carly Simon, Herb Alpert, Run-DMC, Public Enemy und Mos Def zusammengearbeitet, sein Kumpel Wimbish dagegen mit Madonna, Annie Lennox, Mick Jagger, Rolling Stones, Ron Wood, Seal, Mos Def, und die Liste ist längst nicht vollständig. Wimbish geht im Mai 2008 als Teil der Live-Band der ehemaligen Nightwish-Sängerin Tarja Turunen auf neue Europatour. Im Februar 2008 war er dagegen noch mit Tack>>Head (Little Axe plus Bernard Fowler’s Bad Dog – RockLine-Bericht HIER) quer durch Europa unterwegs. Da Max Lilja Cellist bei Tarja Turunen ist, ist es nicht mehr schwer zu erraten, wie Calhoun und Wimbish an ihn gekommen sind.

Die beiden stehen also ständig auf Konzertbühnen, und ganz besonders gern schauen sie immer wieder in der sympathischen Bluesiana vorbei. Allein im Dezember 2007 spielte Calhoun hier in zwei verschiedenen Besetzungen (Aza – RockLine-Bericht HIER und Unified Presence – RockLine-Bericht HIER), Wimbish als „One-Man-Band“ – Doug Wimbish Soundsystem (RockLine-Bericht HIER) und vor einem Monat als Tack>>Head, die übrigens auch im März 2007 in der Bluesiana aufgetreten sind (RockLine-Bericht HIER). Da geht was (und wie).

Diesmal fand wieder eine deutlich respektablere Besucherzahl den Weg in die Bluesiana, und offenbar läuft bei Chefin Gudrun endlich der „Laden“, wie sie es nach über 20 Jahren Schufterei auch verdient. Vor vier Tagen platzte die Bluesiana fast aus allen Nähten, so eng wurde es, als sich 200 Besucher beim Konzert von Richie Kotzen hineinquetschten (RockLine-Bericht HIER).

Head>>Fake legten ziemlich genau um 22.00 Uhr los, also eine Stunde später als der offiziell angekündigte Beginn jedes Gigs in der Bluesiana, normalerweise fangen die Konzerte dort um 21.30 an. Sie haben also noch mal eine halbe Stunde draufgepackt. Das erste Wort auf der Bühne hatte Doug Wimbish: „This is for you!“, sagte er in ruhigem Ton zu den Leuten ganz vorn rechts an der Bühne und fing an, mit den Armen über seine zwei „Chaos Pads“ zu wirbeln. Das chaotisch fiepende Klanggemisch erfasste den Raum im Nu, und es dauerte eine ganze Weile, bis Doug aufhörte, sich mit seinem Lieblingsspielzeug zu amüsieren. Währenddessen warteten Will und Max brav auf den Moment, in dem Doug endlich zum Bass greift. „Head>>Fake is in the area!“, ruft Doug, während sein Bass Salven dicker Akkorde abfeuert, sorgfältig eingespannt in Wills berüchtigten Ritt auf den Drums. Max Lilja hatte in dieser Kombi die schlechteste Ausgangsposition. Als Musiker ist er schon dadurch eingeschränkt, dass er aus der Schule des Nachspielens klassischer Größen kommt, ganz zu schweigen davon, dass man ihn oft lange gar nicht hörte, wenn er dem Cello ein Solöchen entlocken wollte. Dougs Bass hat ihn komplett zugedeckt. Wann immer Doug beschloss, seinen Bass in eine Gitarre zu verwandeln und wild darauf zu solieren, gab Max ihm mit dem Cello Rückendeckung. Während Wimbishs Solo-Ausflügen übernahm Lilja zeitweise die Rolle, den Riff-Hintergrund beizusteuern, als Ersatz für Gitarrist Skip McDonalds, wenn von Little Axe die Rede ist (Besetzung Skip McDonalds/Keith LeBlanc/Doug Wimbish), wobei Head>>Fake ohnehin Lichtjahre von einem Vergleich entfernt sind.

Wimbish und Calhoun nahmen ein paar ihrer Soloarbeiten und Stücke von Jungle Funk ins Repertoire (etwa den starken Track Trance). Unglaublich, wie die Songs dabei ein völlig neues Gesicht bekamen. Die Stücke aus Doug Wimbishs Soloarbeiten bekamen eine irre Bandbreite und einen besonderen Charakter, als sich Wills Drums dazugesellten. Der Grad an Unberechenbarkeit und Spontaneität ist ohnehin die Hauptattraktion, wenn die beiden zusammen auf der Bühne stehen, und das Element, das unter allen Bausteinen der Head>Fake-Musik am anziehendsten ist. Tatsächlich zog das Trio während des ganzen Auftritts echtes Chaos durch. Es wurde nämlich in jedem Moment so viel Musik in den Raum geschickt, dass es verdammt schwer war, laufend zu kapieren, was gerade passiert. Der einzige Weg war, sich der Sache komplett hinzugeben und sich in ihre Welt tragen zu lassen. Und genau so kam es auch. Die Bluesiana ist ein besonderer Ort in Österreich, und selbst die sprichwörtlich kühlen Österreicher müssen irgendwo mal abschalten. Warum nicht ausgerechnet in der Bluesiana. Es dauerte nicht lange, bis eine ganz ordentliche Zahl von Besuchern intensiv zu den höllisch verdrehten Funk/Hip-Hop-Rhythmen turnte, die frei an allen Genre-Schablonen vorbeischwebten. Eine Vielzahl unterschiedlicher Klangmuster, zusätzlicher „Unterrhythmus“-Muster und das ständige Sichwinden der Töne von Dougs Bass, auf dem er mal Gitarrensoli spielte und mal fast wie eine Trompete klang, fand in Calhouns Handfertigkeit an den Drums seine Zwillingsschwester. Alles funktionierte trotz der Wildheit, zeitweise nah an der Schöpfung psychedelischer Transzendenz, wenn du in ein entrücktes Feld des Geistes eintrittst, eine Art hypnotische Benommenheit. Doug und Will spüren sich unglaublich gut. Sie kennen sich seit Jahren. Als Musiker sind sie definitiv Blutsbrüder, und wenn sie gemeinsam auf der Bühne stehen, sind sie praktisch unschlagbar.

Doug gab das Tempo vor. Er erwies sich als hervorragender Anführer und sorgte während des Konzerts für eine volle Ladung Humor. Zum Beispiel beim Song Headfake mit hypnotischem Rhythmus, unterlegt von einem im Delay-Pedal gespeicherten Sample, im ersten Teil des Konzerts und: „I got my mind in the area“, „Headfake’s in the area“ und dann folgen Variationen von „…Will Calhoun is in the area…“, „…Gundi is in the area…“ und „…Max Factor is in the area…“ Woher Calhoun und Wimbish darauf kamen, Lilja auf eine Marke für Damenmascara (Schminke) umzutaufen, bleibt das Rätsel des heutigen Tages. Wimbish ging total ab, als er sich in die Rolle des Solisten hineinlebte. Außerdem war er auch für den Gesang zuständig. Natürlich geizte er auch dabei nicht und verbog den Gesang fleißig mit Pedaleffekten. Besonders lucide klang die Wiederholung des Zitats: „I am invincible!“, in verschiedenen Tonlagen, von der des Donnergotts Zeus bis zu einer waschechten Liliputaner-Stimme.

Das Konzert lief sehr intensiv. So lockerte sich Calhoun während des Konzerts das „Hi-Hat“-Becken gewaltig. In einer Pause zwischen zwei Songs gab es zum Beispiel folgenden Dialog.

Will Calhoun (aus dem Hintergrund zu Doug Wimbish), während er das „Hi-Hat“-Becken festzieht: „Will you give me 10 seconds?“
Doug Wimbish (aus dem Vordergrund zu Will Calhoun) beim Einstellen der Pedaleffekte für einen neuen Song: „Okey I’ll give you ten seconds.“
Will Calhoun, der beim Fixieren des „Hi-Hat“-Beckens vorankommt: „I’m almost there!“

Solche und ähnliche Dialoge gab es während des Konzerts jede Menge, und vieles ging auf das Konto reinen Spaßes, und sowohl Bassist als auch Drummer sorgten die ganze Zeit für extrem positive Vibes im Raum. Sogar der eiskalte Max konnte sich nicht dagegen wehren, dass sich sein Gesicht bei Dougs witzigen Provokationen ein paarmal zu einem breiten Grinsen verzog.

Es folgten teuflische Solo-Nummern. Der überragende Calhoun flocht in seine auch einen Teil des Songs Native Lands ein, bei dem er auch Flöte spielte, und machte sich dann an Improvisationen auf seiner Wave-Drum. Lilja schmückte ein paar Nummern brillant mit tollen Soli aus, die das Gesamtbild der Songs bereicherten. Außerdem blieb er weder Wimbish noch Calhoun viel schuldig, denn auch er war mit einer Fülle von Pedaleffekten bewaffnet, die er eifrig zum Speichern von Samples und zum Erzeugen verschiedener Harmonien nutzte, was zusätzlich zur hochatmosphärischen Stimmung beitrug. Über Doug Wimbish muss man gar keine Worte verlieren. Meister aller Meister.

Terrorism, der G.W. Bush scharf attackiert, war zum Schluss mit Doug Wimbishs markantem Riff-Motiv einer der Höhepunkte des Konzerts. Das dauerte stolze 2 Stunden und 45 Minuten. Irre. Am Ende waren nicht nur die Musiker müde, sondern auch wir. Sie haben uns diesmal ordentlich was auf die Ohren gegeben. Es war wirklich jede Menge los. Das einzige kleine Problem war der Sound, der nicht gleichmäßig verteilt war. Max war dadurch leider wirklich im Nachteil.

Head>>Fake muss sich jeder Living-Colour-Fan ansehen, denn auch die Energie und das Bild der Head>>Fake-Rhythmen verheimlichen nicht, dass der Apfel nicht (zu) weit vom Stamm gefallen ist. Unbedingt anschauen sollten sich die Sache aber Drummer und Bassisten, Profis wie Amateure. Kurz: Musik-Feinschmecker und Gourmets, genauso wie Mädels, die gern tanzen. Head>>Fake ist eine völlig einzigartige Erfahrung, und mit Max Lilja diesmal eine besonders gelungene Kombination. Die gab dem musikalischen Bild von Head>>Fake zusätzlichen kreativen Raum, um neue musikalische Dimensionen zu erobern, die solch freigeistiges Experimentieren für seine Entwicklung und sein Bestehen bitter nötig hat. Noch eine unvergessliche Erfahrung in der Bluesiana liegt hinter uns! Wie viele wohl noch folgen? Man weiß manchmal wirklich nicht, wem man das alles verdanken soll. Magisch.

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies