Bei der Mega-Orgie mit den Veteranen des germanischen Hard-Rock-ABCs der Vollendung (2007)
Ort: New Age / Roncade (Treviso) / Italien
Konzertdatum: 22.11.2007
Besucherzahl: 150
Ticketpreis: 20,00€
Unglaublich! Bei all der Häufigkeit, mit der ich auf alle möglichen Arten kreuz und quer durch Europa gondle, passiert es doch tatsächlich, dass ich auch mal ganz allein, ohne jede Begleitung, auf einem Konzert lande. Diesmal hatte von den großen Versprechern am Ende keiner genug Eier in der Hose, um dem Bonfire-Konzert zu vertrauen – oder geradeheraus gesagt: sich selbst. Der Feier zum 20-jährigen Bestehen von Bonfire, mit einer Einladung zum Auftritt aus dem Slowenien nahen New Age Club in der italienischen Vorstadt von Treviso, war also schwer zu widerstehen. Klar, die Deutschen haben ihre besten Jahre in den Achtzigern gelassen, aber mit dem starken „Double X“-Album vom letzten Jahr und der Bestätigung dessen in diesem Jahr durch den Live-Mitschnitt „Double Vision“ (2007), aufgenommen beim berüchtigten „Firefest III.“-Festival (Nottingham, Großbritannien), haben sie gezeigt, dass sie in großem Stil auf die Szene zurückkehren und längst nicht verlernt haben, dem Teufel mit ihrem Rock-’n‘-Roll-Erbe in den Hintern zu treten. Die alten Säcke pflügen also auch im neuen Jahrtausend mit unverminderter Intensität ihrer Hard-Rock-Präsenz der klassischen germanischen Schule über die Bühnen.
Claus Lessmann (Gesang), Hans Ziller (Gitarre), Jürgen „Bam Bam“ Wiehler (Schlagzeug), Uwe Köhler (Bass) und der im letzten Jahr dazugestoßene zweite Gitarrist Chris „Yps“ Limburg! Also wie immer zwei volle Stunden Fahrt und? Kurz vor 20.00 war ich da. Fehler. Bis sie den Club aufmachten, kostete mich weitere anderthalb Stunden Warterei. Der erste Eindruck war gruselig. Bin ich völlig umsonst nach Treviso gekommen? Vor dem Club war nirgends eine Menschenseele zu finden, die Eingangstür war abgesperrt. Nicht mal das Plakat, das normalerweise an der Eingangstür hängt, war da. Einzige Hoffnung machte ein vor dem Club geparkter Van mit deutschem Kennzeichen aus Ingolstadt und gelegentliches Bummern von Drums, das durchs Gemäuer des Clubs drang. Kurz vor neun füllte sich dann endlich der Platz vor dem Eingang. Die Türen gehen um 21.30 auf. Bonfire-CDs inklusive der neuesten Veröffentlichungen für 10,00€ – sehr vielversprechend und ungewöhnlich. Aber gehen wir direkt ins Zentrum des Geschehens.
BURNING BLACK: 22.00. 22:35
Die italienischen Jungspunde machten keinen Hehl aus ihren Einflüssen und ihrer Besessenheit von Iron Maiden und Judas Priest. Das zeigte sich nicht nur in den Sounds, die von der Bühne detonierten, sondern auch in der Bühnenkluft, auf die die Jungs setzen. Der Bassist sah aus wie eine wortwörtliche Kopie von Steve Harris (Iron Maiden). Technik ist heute das Mindeste, was du draufhaben musst, wenn du im Musikbusiness mitmischen willst. Den eigenen Ausdruck zu finden und ihn mutig rauszuhauen, das ist dann eine ganz andere Nummer. Zum Glück klangen sie ein bisschen nach Judas Priest, ein bisschen nach Iron Maiden, und das nur 35 Minuten lang. Dabei machte der Sänger keinen Hehl aus seiner Schwachstelle, denn die Kraft seiner Gesangsleistung aus den mittleren Lagen in die höheren bzw. höchsten zu retten, gelang ihm nie. Natürlich versuchte er diese Unfähigkeit mit gelegentlichen „Screams“ zu kaschieren (wie Halford sie macht, nur deutlich besser), aber dort, wo er Melodie und Kraft der Stimme durch den Aufstieg hätte halten müssen, ist er schlicht abgesoffen. Wegen der rauen Singweise und der etwas dumpfen Stimmfarbe tragen Burning Black einen ordentlichen Anteil obskurer Düsternis in ihrer Musik, was sogar Richtung New Wave Of British Metal klingt. Die Gitarren waren in den Harmonien hervorragend aufeinander abgestimmt, ein paar Patzer an den Übergängen, auch der Drummer hat dabei ein paarmal gepennt, und die Soli waren wie ein Haufen schnell zusammengeschusterter Tonleitern. Die Tonalität der Tonleitern passt irgendwie nicht zu den klassisch kopierten Achtziger-Riffs, die auf strikte Überhöhung der Melodie aus sind. Jung und ambitioniert – möge die Zeit ihnen ein beneidenswertes Upgrade in allen Bereichen bringen. Sowohl beim Ausdruck als auch bei dem, was an die Tür der geschäftlichen Erfolge klopft. Zu den Songs, die Burning Black in Treviso unter anderem spielten, gehörten: Fight The Dream, Prisoner Of Steel, Life Passangers, Heavy Metal Is My Law.
BONFIRE: 23.00 – 01.00
Und da sind sie auch schon, die legendären deutschen Hard-Rocker. Die Herren waren in völliger Obskurität versunken, wachen aber gerade wieder auf. Letztes Jahr brachten sie ihr „Double X“-„Come-back“-Album raus, das genau richtige Pflaster nach dem durchschnittlichen Album „Free“ (2003), und so begann natürlich auch das Konzert. Mit Day 911 und But We Still Rock von eben diesem Album. Das Quintett stürmte im typischen „Alles oder nichts“-Angriff auf die Bühne. Sofort sah man, dass Bonfire, was Bühnenauftritte angeht, den kleinen Bühnen, wie die im New Age eine bietet, schon lange entwachsen sind. Doch die Realität ist heute eine andere, und wenn eine melodische Hard-Rock-Band live ins Schwitzen kommen will, muss sie sich eben auch durch die Clubszene schlagen. Bonfire sind wirklich ausgesprochen sparsame Jungs. Vor Konzertbeginn kümmerte sich ein einziger Mann um den Sound, den Aufbau der Instrumente und die Bühnenbeleuchtung. Er war Techniker für alle Instrumente, Tourmanager, alles in einem. Vor dem Konzert verkauften Bonfire ihren Merch selbst. Neben dem Herrn, der die Kasse machte, saßen Limburg und Wiehler im Sessel im Vorraum des kleinen Saals. Beide machten natürlich keinen Hehl aus ihrer Neugier, wie viele Bonfire-Scheiben wohl über den Tisch gehen würden. Kurzum: Die Band nahm die Dinge selbst in die Hand! Und sorgt eigenhändig für ihr Überleben. Und das tut sie sehr strikt.
Gehen wir zurück vor die Bühne. Es waren bescheidene 150 Leute da, eher zehn weniger als mehr. Doch die Menge machte keinen Hehl daraus, dass sie das Repertoire bestens draufhatte, besonders laut war der weibliche Teil des Publikums. Claus erwies sich während des Auftritts als hervorragender Anführer. Zwischen den Songs sorgte er ständig mit längeren Ansagen für gute Laune und eine mit positiver Rock-’n‘-Roll-Energie aufgeladene Stimmung.
Bonfire hätten keine bessere Setlist zusammenstellen können, denn von insgesamt 19 gespielten Songs (das Drumsolo abgezogen, das völlig überflüssiges Füllmaterial war) stammten ganze 13 aus ihrer erfolgreichsten Phase, also von den ersten drei aufeinanderfolgenden Alben „Don’t Touch The Light“ (1986), „Ready 4 Reaction“ (1987) und „Point Black“ (1989). Die Herren lieferten einen kompakten, erstklassig eingespielten und von adrenalingeladener Katharsis durchtränkten Auftritt voller Bombast ab, dank der Aufführung ihrer größten Hits, die an diesem Abend einer nach dem anderen heranrollten. Die größte Überraschung kam gegen Ende des Abends, als sich die Jungs den uralten Song von Loverboy-Sänger/Gitarrist Paul Dean namens Sword And Stone vornahmen, der ursprünglich auf Pauls Solo-Debüt „Hardcore“ (1988) zu finden ist. Diesen Song, den ursprünglich Mitglieder von Kiss geschrieben und komponiert haben, steckten Bonfire in ihr eigenes Gewand und brachten ihn auf der EP „Shocker Soundtrack“ (1989) heraus. Diese Veröffentlichung ist eine echte Rarität, der Song erschien noch einmal auf dem Bonfire-„Best of“-Album „Golden Years“ im Jahr 2002.
Die Herren gönnten sich auch ein paar teuflische Sketche, wobei das Wasserspucken zwischen Claus und Hans – den Urmitgliedern von Bonfire – herausstach. Zuerst fing Claus mit dem Gag an und ärgerte Hans, indem er sich ihm auf gerade mal einen halben Meter näherte und ihm Wasser ins Gesicht spuckte. Der wirkte völlig überrascht (dabei ist es in Wirklichkeit ein eingespielter Trick). Claus wischte den Kollegen liebevoll mit einem Handtuch ab, denn Hans steckte gerade mitten in einem Solo. Natürlich blieb der ihm diese sabbrige Tat nicht schuldig, floh nach seiner Exekution aber theatralisch von der Bühne, damit ihm nichts Schlimmeres passiert, und kam bei der Vorstellung der Band durch Claus ans Publikum noch einmal ganz theatralisch auf Knien zurück auf die Bühne gekrochen.
Am besten kam beim Publikum der Schlussteil an, besonders die Abfolge der obligatorischen Zünder aus dem Bonfire-Repertoire, Bang Down The Door und Ready 4 Reaction. Auch die immergrüne Ballade Who’s Foolin‘ Who tat richtig gut. Der Abend der Explosionen berühmter melodischer Hard-Rock-Obszönitäten von Bonfire erstrahlte wieder in vollem Glanz, als die Jungs zurückkamen, um beide Zugaben zu spielen. Bei „Loverboy“-Bands ist es üblich, die Zugabe mit einer Ballade zu beginnen. Das konnten wir auch im Oktober dieses Jahres beim Auftritt von Gotthard in Graz erleben. Ein mutiger Zug, der aber in diesem Fall nicht fatal ist, denn sich so etwas kann man leisten, wenn man sicher ist, dass man damit beim weiblichen Teil des Publikums immer großen Beifall einsammelt. Und doch steckt hier noch ein weiterer Grund dahinter. Vor den Zugaben hatten die Jungs nämlich nur zwei Songs vom Debütalbum gespielt (die obligatorischen Don’t Touch The Light und Hot To Rock). Die erste Zugabe gehörte dann komplett dem Debüt. Auf das süße You Make Me Feel folgte das giftige Geschoss SDI, dann verschwanden die Jungs für kurze Zeit hinter der Bühne und kamen noch einmal, um das New Age zum Ausrasten zu bringen, diesmal mit der perversen Rock-’n‘-Roll-Orgie Hard On Me („Point Black“, 1989).
Der gesamte Auftritt der Band dauerte ein paar Minuten über zwei Stunden. Für gerade mal 20,00€. Super Sound, super Performance. Ohne Bremsen. Durchgehend proppenvoller Auftritt voller positiver Energie, mit echtem Blödsinn und der autoritären Befehlsgewalt von Claus, der, um ehrlich zu sein, nicht mehr so markant und frisch singt wie in den besten Jahren, aber zum Teufel! Jeder von uns hat ein Verfallsdatum.
Der Besuch des Bonfire-Konzerts, der sich in jeder Rechnung reich ausgezahlt hat, wurde nur durch die geringe Beteiligung getrübt. Du hattest jede Menge Spaß und vor allem großartige Musik (das würden natürlich vor allem alle Die-Hard-Fans sagen, soweit es sie noch gibt, und sie würden damit keinesfalls danebenliegen)! Bei den immer lauter werdenden Gerüchten, dass Bonfire im Februar 2008 Slowenien besuchen sollen, war diese Erfahrung im Städtchen Roncade eine Ouvertüre, zu der ich mich verpflichtet fühlte, und eine ungemein goldwerte Erfahrung. Vor allem diente sie als Beweis, dass melodischer Hard Rock heute noch verdammt lebendig dem Wahnsinn vor den Kopf tritt. Auch im Jahr 2007, in dem er in den völlig anti-trendigen Untergrund gedrängt ist, während den Leuten das Geld vor allem von Bands aus der Tasche gezogen wird, die nicht etwa nicht wissen, wie man Rock „spielt“, sondern es schlicht nicht können! Eh, diese ewigen Frustrationen von mir! Weg damit, damit wir den ausgezeichneten Geschmack am echten Rock-’n‘-Roll-Striptease von Bonfire nicht trüben!
Setlist
1. Day 991
2. But We Still Rock
3. Never Mind
4. Under Blue Skies
5. Hot To Rock
6. Don’t Touch The Light
7. Tony’s Roulette
8. Proud Of My Country
9. Sleeping All Alone
10. Who’s Foolin‘ Who
11. Blink Of An Eye
12. American Nights
13. Sword And Stone
14. Sweet Obsession
15. Bang Down The Door
16. Ready 4 Reaction
—Zugabe 1.—
17. You Make Me Feel
18. SDI
—Zugabe 2.—
19. Hard On Me
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