Der unverwüstliche R. J. Mischo – Mensch-Maus mit dem Charakter eines Teufels!

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Ort: Postojna
Konzertdatum: 22.11.2007
Besucherzahl: 300
Ticketpreis: 13 €

Der Held des „oralen Mundharmonika“-Blues, R. J. Mischo, gehört zur jüngeren Generation von Bluesmusikern (bedingt, versteht sich), deren musikalische und persönliche Wurzeln tief in der Wiederbelebung der Bluesbewegung der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts stecken. R. J. Mischo ist zwar jung, natürlich aus der Sicht des durchschnittlichen Blues-Enthusiasten, dem das ganze Elend des Status, den der Blues als Genre heutzutage pflegt, bestens bekannt ist, aber eben ein „Jungspund“ mit genug Erfahrung, um seine Tugenden ganz konkret vorzuführen. Und die haben gestern Abend auch das sonst eigentlich an „alles Üble“ gewöhnte Publikum von Postojna ordentlich ausgewrungen.

Zum Glück rührt Mischo sein eingespieltes, gut getragenes musikalisches Image nicht mit irgendwelchen zirkushaften Spaßmacher-Elementen oder, schlimmer noch, machohaftem Rumgepose an, wie es leider bei so manchem seiner Altersgenossen üblich ist. Sein Auftritt ist im Kern eine ursprüngliche, von intensiven Gefühlen durchtränkte Agitation im typischen, schlichten Ambiente des amerikanischen Südens, die aber auch vor dem Liebäugeln mit Einflüssen der urbanen Chicagoer Rhetorik nicht zurückschreckt. Trotz des häufigen Griffs zu Mitteln von nicht gerade „vintage“ Herkunft bleibt R.J. so grundlegend und roh wie nur möglich. Seine „Unbehauenheit“, sein messerscharfer, granithart gewordener Blues, für den sich R. J. tief im Erbe der traditionellen amerikanischen „Groove“-Musik bedient, ergeben ein einzigartiges musikalisches Ganzes, das man auch als eine Art Weiterentwicklung der heute legendären Mundharmonika-Ausschweifungen im Stil von Little Walter oder, wenn ich mal etwas dreist sein darf, sogar von Sonny Boy Williamson verstehen kann. R. J. hat bewiesen, dass er neben außergewöhnlichen spielerischen Qualitäten auch ein unglaublich geschärftes Gespür für die Dressur des Publikums besitzt, das er mit ständigem, oft witzig angelegtem dynamischem Hin- und Herspringen zwischen fast Tierischem und raffiniert „bluesy“ Angesprochenwerden pausenlos in gespannter Erwartung hielt. Eine unbezahlbare Eigenschaft, die man bei Künstlern der heutigen Zeit kaum noch antrifft!

R. J. Misho hat um den unverkennbaren Klang der Mundharmonika eine der Situation angemessene Besetzung aus drei nichtsahnenden Helfern aufgebaut, deren Hauptaufgabe vor allem das hübsche Arrangieren ist, damit die beeindruckenden Lungenkapazitäten des „Chefs“ unter günstigen klimatischen Bedingungen überzeugend vorgeführt werden können. Dazu sei erwähnt, dass Onkel Mischo sein geliebtes Mini-Blasinstrument mit solcher Wucht und Begeisterung aufbläst, dass man zeitweise meint, der Herr hätte noch einen überzähligen Lungenflügel in Reserve. Auf jeden Fall eine gute Mitgift, um sich auch stimmlich ausgesprochen anspruchsvollen Arrangements mutig zu stellen, die sich etwa im Verhältnis 1:3 auf dynamische Instrumentals und, sagen wir mal, „Songs für alle Normalen“ verteilten. Zuerst servierte uns Mischo das hervorragende I Got A Feeling, ein sprunghaftes, bluesy Ding, das dem Abend im Nu genau den richtigen unberechenbaren Ton verpasste. Und obwohl Mischo offensichtlich ein Blasinstrument-Fanatiker ist, lässt sein Spiel reichlich Manövrierraum auch für den Gesang, der dem schon so oft erwähnten Mundharmonika-Spiel in nichts nachsteht. In ambienter Eintracht von Stimme und Mundharmonika führte uns der Herr stürmisch durch Put You Down und das etwas „freundlichere“ Little Village, das die erhitzten Gemüter erwartungsgemäß auch würdig beruhigte. „Als ich 16 war, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Muddy Waters spielen sehen, und mein Leben hat sich für immer verändert“, lauteten die Worte des Hauptprotagonisten des Abends vor den ersten Takten der bedeutungsvollen My Muddy Story, mit der sich im Handumdrehen eine feste Brücke der Emotionen über den großen Saal des Hotel Jama spannte, eine besondere, unerklärliche Sorte emotionaler Erregung, die Mischos nachvollziehbare Rührung beim Aufeinandertreffen mit einer der eminentesten Figuren der Blueskultur nur bestätigte. Was soll ich sagen. Wenn nur allen so eine Gelegenheit vergönnt wäre.

Na ja, es hat natürlich keinen Sinn, über unsere Verluste zu jammern! Muddy hin oder her, The Pull, 20 % Alcohol und vor allem die fantastische One Good Woman brachten uns gefährlich nah an eine andere Blueslegende heran, diesmal Buddy Guy. Ein Quäntchen „Guy’scher“ Frechheit brachte in die Songs der zwar motorisch weniger, dafür schauspielerisch umso besser aufgelegte Mike ein, ein Kerl mit einem gut entwickelten Gespür dafür, die Kraft der charakterlichen Unabhängigkeit des Gitarren-Minimalismus voll auszuschöpfen, dessen freches Spiel mit der im Prinzip „unantastbaren“ Bluesmotivik lautstarken Beifall des Publikums erntete.

Die große Rückkehr zu den Wurzeln des Blues und das von meiner Wenigkeit kaum erhoffte Kokettieren mit dem musikalischen Erbe des Mississippi-Deltas, dessen Schätze dicke Staubschichten eifersüchtig vor allzu neugierigen Blicken verbergen, kam mit einem imposanten Dreierpack intensiv aromatisierter traditioneller Blues-Küche, diesmal in der Regie dreier unvergesslicher Liebchen: Baby, I Don’t Care, It’s My Life Baby und I Love My Baby! Mischo ist eben ein Mann der Leidenschaft, und entsprechend entfesselt ist auch das Bild, das der Herr auf der Bühne abgibt. Auch wenn die unerwartete Rückkehr zum ländlichen Blues nach dem Vorbild von Sonny Boy Williamson, oft nur von knackigem Draufhauen auf die Bassdrum begleitet, für die Mehrheit des Publikums in Postojna wohl ein zu großer Brocken war, kippte der Abend mit Dance Signorina, Just Can’t Say und Meet Me insgesamt doch zugunsten des aufregenderen und generell besser verdaulichen Bluesrock-Paradierens. Für alle Fälle schüttelte Mischo noch Taste Of My Own Medicine (was das wohl sein mag?) und Shake Your Boogie aus dem Ärmel, beide als passendes Mittel, um den unverkennbaren Geruch des Ländlichen zu neutralisieren. Na also. R. J. Mischo ist definitiv einer der besten Bluesmusiker unserer Zeit und derzeit einer der wichtigeren Innovatoren des ursprünglichen Blues, dessen unermüdliches und vor allem überzeugtes Tun dem Blues als Genre neue Lebenskräfte einhaucht.

Text: Daniel Pavlica

Setlist

1.I Got A Felling 2.Put You Down 3.Little Willage 4.My Muddy Story 5.Dance Signorina 6.The Pull 7.One Good Woman 8.20% Alcohol 9.Just Cant Stay 10.Meet Me 11.Baby I Don’t Care 12.It’s My Life, Baby 13.I Love My Baby 14.Taste Of My Own Medicine 15.Shake Your Boogie

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