Legendäre Opas erteilen mitten auf dem Stadtplatz eine Lektion in ausgelassenen keltischen Melodien
Autor: Peter Podbrežnik
Ort: Piazza Unita D'Italia / Triest / Italien
Konzertdatum: 21.07.2007
Besucherzahl: 600
Ticketpreis: freier Eintritt
Diesmal hat sich unser Trio aufstrebender Liebhaber von Landidyllen, Waldrändern und Bauernstuben zu unseren Nachbarn nach Triest aufgemacht, wo im Rahmen eines sommerlichen Folk-Festivals ein Gratis-Auftritt der legendären Fairport Convention angekündigt war, der Erfinder des englischen Folk Rock, die dieses Jahr schon ihr 40-jähriges Bestehen feiern. Die Band, die der Rockwelt so ein Meisterwerk wie „Liege & Lief“ (1969) geschenkt hat, das zum einflussreichsten Folk-Rock-Album aller Zeiten gewählt wurde, und die 2002 von der BBC einen Preis für ihr Lebenswerk im Bereich der Popularmusik bekam, blickt auf eine sehr bunte und turbulente Geschichte zurück. Seit ihrem Bestehen haben sie alles überlebt, vom ständigen Mitgliederwechsel über die Auflösung 1979 bis zur Wiederauferstehung Mitte der 80er. Von den Originalmitgliedern ist aktuell nur noch Gitarrist Simon Nicol dabei, während ihm in den letzten Jahren Chris Leslie an Mandoline/Violine, Ric Sanders an Violine/Viola sowie zwei Ex-Mitglieder von Jethro Tull Gesellschaft leisten: Dave Pegg am Bass und Gerry Conway am Schlagzeug. Es handelt sich also um eine Truppe lauter alter Hasen ihres Handwerks, deren Auftritt auf keinen Fall unbemerkt vorbeigehen darf, auch wenn sich bei uns viel weniger Leute für ihre Musik interessieren, als solchen Größen zustünde, die unter anderem die Entwicklung der Musikszene Ende der 60er maßgeblich geprägt haben und deren Einfluss bei vielen Bands bis heute zu spüren ist.
Weil dem durchschnittlichen Slowenen heimischer und balkanischer Turbofolk-Čevapčičerija meist viel näher liegt als traditionelle britische Musik, die aus dem Erbe der Kelten und Pikten stammt, war es keine Überraschung, dass wir vor der Bühne keinerlei Landsleute entdecken konnten. Ehrlich gesagt haben wir uns darum auch nicht groß geschert, denn wir waren vor allem gekommen, um akustisch gefärbte Melodien in garantierter Qualität zu genießen. Zu erwarten war eine total entspannte und heitere Stimmung, direkt am Meer, dessen Nähe in diesen Tagen eine bitter nötige Abkühlung brachte. Um das zu begreifen, reichte schon der erste Blick auf den Stadtplatz, wo sich über einem Haufen Stühle eine prächtige Bühne erhob und wo sich sowohl Fans als auch jeder zufällige Passant hinsetzen konnten. Der Bühnenaufbau deutete darauf hin, dass ein akustischer Auftritt bevorstand, denn nirgends war ein Schlagzeugset zu sehen, nur Bongos, ein paar Becken, kleinere Trommeln und allerlei Percussion. Ebenso höchst verdächtig wirkten das Fehlen der Bassgitarre und die Tatsache, dass auf der Bühne ein Stuhl weniger stand, als es für ein Quintett üblich wäre. Warum das so war, erfuhren wir erst nach fast 15 Minuten höchst einschläferndem Gelaber der lokalen Ansagerin, auf das die persönliche Entschuldigung des Veranstalters folgte, der uns mitteilte, dass Dave Pegg fehlt, weil er sich im Krankenhaus von einer schweren Operation erholt. Würden die übrigen vier Bandmitglieder den Erwartungen des nach gutem Folk Rock dürstenden Publikums und einem Repertoire gerecht werden, das einen Querschnitt durch ihre gesamte Karriere umfasste? Nachdem alle vier Gutgelaunten auf der Bühne erschienen sind (zwischen den einzelnen Stücken haben sie einen ganzen Haufen witziger Anekdoten rausgehauen) und sich auf ihre Hocker gesetzt haben, umfängt keltische Magie im Nu den Triester Platz.
„Over The Next Hill“ vom gleichnamigen Album war als Einstieg gewählt. Ich hatte erwartet, dass sie ziemlich lange brauchen würden, bis sie sich eingespielt, aufgewärmt und die Anspannung abgebaut haben, die wegen Peggs Abwesenheit überall in der Luft lag, aber auch als Quartett schafften sie es ziemlich schnell, eine gute Stimmung aufzubauen. Die Herren saßen ziemlich kompakt auf ihren Hockern: Ric Sanders mit der Violine links, rechts sein „Zwilling“ Chris Leslie, dazwischen Simon Nicol und hinten hinter den Bongos Gerry Conway, der unter den Bongos gleich eine ganze Sammlung verschiedenster Percussion-Instrumente verstaut hatte. Am Gesang wechselten sich Nicol und Leslie harmonisch ab und gaben den einzelnen Stücken so jeweils einen ganz anderen Unterton (wobei Chris für die höheren Töne zuständig war und mich in meinen Ohren hin und wieder sogar an Geedy Lee von Rush erinnerte). Bei „Woodworm‘ Swing“ trat auch Chris am Gesang in Erscheinung, der sonst vor allem mit seinem virtuosen Mandolinenspiel begeisterte. Wenn er zur Violine griff, bildete er mit Ric ein überaus harmonisches Duo. Währenddessen versuchte Simon notdürftig, auch einige Basparts abzudecken, für die sonst sein abwesender Kamerad zuständig ist. „Keep On Turnin‘ The Wheel“, der erste Song vom neuen Album Sense Of Occasion“ (2007), setzte die Reihe keltischer Hüpfer fort, von denen es an diesem Abend jede Menge gab. Auch die weniger bekannten Stücke wie etwa das Instrumental „The Sheriff’s Dance“ und „Canny Capers“ (Over The Next Hill, 2002) kamen beim Publikum richtig gut an. Na klar, die Klassiker wie „Genesis Hall“ (Unhalfbricking, 1969) waren das, weswegen sich der Großteil ihrer Fans versammelt hatte. Der erste Höhepunkt des Abends war das außergewöhnlich schöne „Spring Song“ vom aktuellen Album, eines der Stücke, die belegen, dass Fairport auch im neuen Jahrtausend noch richtig frisch klingen können. Aus den 80ern erinnerten sie sich an das ausgezeichnete Instrumental „Portmerion“ (Expletive Delighted, 1987), das auch ihre melancholische Seite zeigte.
Danach erzählte Simon die Geschichte, wie er als Bengel unbedingt eine Gitarre kaufen wollte, die er auf dem Schulweg einmal im Schaufenster gesehen hatte. Seinen Wunsch, die begehrte Gitarre zu kaufen, konnte er sich mit der Zeit erfüllen, aber die war da schon veraltet, was ihn allerdings nicht weiter kümmerte. Die Geschichte seiner ersten Gitarre wurde in „The Wood And The Wire“ lebendig, das er auch selbst sang und das man auch als Pub Rock bezeichnen könnte. Den nächsten Song „I’m Already There“ (Over The Next Hill), der auch ihr Gespür für längere und komplexere (ich würde sagen auch progressivere) Stücke zeigte, kündigte Simon als Geschichte von zwei Brüdern an, die nach Kanada gehen und dort ganz unterschiedliche Lebenswege einschlagen. Das Ganze erinnerte, zumindest von der Stimmung her, etwas an Rush (ironischerweise kommen die ja auch aus Kanada), vor allem dank des Gesangs. Natürlich Rush, denen ich den Strom abdrehen und Bass und Schlagzeug wegnehmen würde. Meiner Meinung nach noch ein Höhepunkt des Abends. Mit den Überraschungen war es aber noch lange nicht vorbei. Nachdem sie das ausgezeichnete „The Hiring Fair“ (Glady’s Leap, 1980) gespielt hatten, gingen sie ohne Pause in „Summertime“ über, ein klassisches Stück von George Gershwin, bei dem sie bis zum Anschlag zeigten, was für ausgezeichnete Musiker sie sind und dass das beileibe keine Band ist, deren Musik nur in irische Pubs und Jagdhütten gehört. In meinen Ohren und Augen war diese Interpretation eines klassischen Stücks und Ricks hervorragendes Violinensolo der Gipfel des Konzerts. Fairport gelten generell als Spaßvögel und Positivdenker, aber in ihrer Geschichte hat sich auch jede Menge melancholischer Balladen angesammelt. Eine davon ist auch „John Gaudie“, die das Publikum in die Welt jener keltischen Traurigkeit entführte, die für den Großteil der Musik von den Britischen Inseln so typisch ist. Nach einer sehr kurzen Verschnaufpause und stürmischen Ovationen kehrte die Band auf die Bühne zurück und servierte einen Song, der laut Simon einen wichtigen Teil ihres Erbes darstellt. Jetzt war ihr beliebter Klassiker „Meet On The Ledge“ (What We Did At Our Holidays, 1968) dran, bei dem bei den Refrains aktiv auch das sonst den ganzen Abend über außergewöhnlich ruhige Publikum einstimmte. Abgesehen davon, dass irgendwann ein lokaler Dorftrottel mit einem Glas in der Hand vor der Bühne auftauchte und mit seiner Anwesenheit ernsthaft zum Losprusten zwang, war das eines der kultiviertesten und „abgecoolten“ Rockkonzerte, an die ich mich erinnern kann.
Die Band war sehr gut eingespielt, alle hatten sichtlich Spaß am Konzert und sagten mehrfach, dass sie an einem so schönen Ort noch nie gespielt hätten (wahrscheinlich eine feste Floskel, aber doch ziemlich aufrichtig vorgebracht), und sie boten eine ausgewogene Auswahl an Stücken aus ihrer ganzen Karriere, die auch in akustischer Form zu verzaubern wussten. Für einen akustischen Auftritt war die Beschallung über alle Erwartungen gut. Wir haben also eine erstklassige Demonstration von hervorragendem britischem Folk Rock gesehen, geliefert von alten Kämpen, die selbst in „geschwächter“ Besetzung eine außergewöhnlich ausgelassene Stimmung erzeugten und auch mit ihrer enormen Zugänglichkeit und Freundlichkeit begeisterten, von der wir uns auch nach dem Konzert überzeugen konnten, als wir schnell ein paar Worte mit Violinist Ric wechselten. Fairport Convention haben bestätigt, dass sie eine Band mit riesigem Herz sind, und trotz der scheinbaren Schlichtheit der meisten ihrer Stücke und des beneidenswerten Alters der meisten Mitglieder haben sie auch als Instrumentalisten den Ruf als größte Folk-Rock-Band aller Zeiten voll und ganz gerechtfertigt. Auch wer kein Fan von ihnen war, konnte diesen rundum volkstümlichen Gratis-Auftritt am Meer genießen. Würden sich doch mehr Bands so eine Herangehensweise zu eigen machen und eine so breite Brücke zwischen Bühne und Publikum schlagen, wie es diesen legendären Opas an diesem Abend gelungen ist.
Setlist
1. On the Next Hill
2. Woodworm Swing
3. Keep on Turning the Wheel
4. Sheriff’s Ride
5. Genesis Hall
6. Canny Capers
7. Spring Song
8. From Cropredy To Portmeirion
9. The Wood and the Wire
10. I’m Already There
11. The Hiring Fair
12. Summertime
13. John Gaudie
—Zugabe—
14. Meet on the Ledge
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