Aperion stellen in der Roll bar ihr neues Video vor und spielen ein richtig schönes Konzert (2007)
Ort: Roll bar / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 22.02.2007
Besucherzahl: 100
Ticketpreis: 0,00€
Es ist schon eine ganze Menge Monate und Tage ins Land gegangen, seit ich zum ersten Mal die Gelegenheit hatte, Aperion live zu sehen. Vor fast zwei Jahren. Damals war ich allerdings nicht in erster Linie wegen ihnen da. Auf dem Flyer vom Mai 2005, der zur Party einlud, stand in großen Buchstaben „Striptease“, und die vollbusige Tussi auf dem Flyer sorgte dafür, dass mein sabbernd vernebelter Blick alle anderen Details des Flyers glatt übersah. So kam ich vor zwei Jahren völlig ahnungslos in die Roll bar, was sich auf dieser Biker-Party alles versteckt, riss die Augen auf und spitzte die Ohren, als mich diese Kelt-Rocker aus Žalec zum ersten Mal überraschten. Und das Schicksal wollte es, dass auch die heutige Begegnung mit der Band in der Roll bar stattfand.
Irgendwie ist das erste Geburtstagsjahr unseres „lieben und allerliebsten“ Rockportals RockLine vorbeigerauscht, und irgendwo mussten wir ja hin, um mit einem Gläschen anzustoßen. Der angekündigte Auftritt von Aperion in der Roll bar rundete praktisch den ersten Geburtstag von RockLine ab und fand gerade mal einen Tag davor statt. Eintritt gab es keinen, ein zusätzlicher Grund hinzugehen, denn da musst du nicht rumjammern wegen Akkreditierung und so…
Um zehn Uhr abends eröffnete den Musikabend ein Typ mit einer ausgehöhlten langen Holzröhre, sprich einem Didgeridoo, übrigens ein Sohn des slowenischen Volkes, der auf den Namen Jitendra hört. Davor hatte er den Luftraum gründlich mit süßlichem Räucherwerk vermutlich hinduistischer Herkunft durchtränkt. Ein bisschen aboriginaler Heilzauber und ein bisschen Buddhismus. Passend zu Letzterem hatte er nur eine „Decke“, auf der er es sich im Stil seiner bescheidenen, aber geistig reichen Vorbilder bequem gemacht hatte. Dazu eine Gitarre mit Nylonsaiten und eingravierten Sanskrit-Buchstaben. Auch für Hintergrund-Samples war gesorgt, und der Mann fing an, ins Didgeridoo zu blasen und zu „rezitieren“ bzw. zu predigen, was eher einem Sprechgesang als Gesang nahekam. Wie auch immer, in der Roll bar waren schon alle fröhlich angeheitert, betrunken und in Stimmung, weit entfernt von der inneren Ruhe des Künstlers, sodass die Verse dieses Abends nur mühsam bei den Besuchern hängenblieben oder sie sonst tiefer berührten. Auf jeden Fall schön, jemandem zuzuhören, der dir ein Stück östliche Philosophie auch auf direktere Art näherbringt, und zwar genau dann, wenn du es nicht erwartest. Genau das fehlt uns. Die Bindung an Materielles hat uns den Sinn dafür gefressen, jeden Augenblick zu feiern, in dem wir uns im Alltag gerade befinden. Dafür ist keine Zeit mehr. Tritt, oder du wirst getreten. So läuft das in Europa, durchtränkt von Quasi-Moralismus, aus dem der Gestank himmlischen Ausmaßes weht.
Aber lassen wir das. Es war der große Feiertag von Aperion. Promotion der Band mit dem neuen Video zum Song Ü, einem sympathischen Backstage-Film vom Dreh des Videos und – was für Musikneugierige am wichtigsten ist – mit dem Konzert selbst. Schön, sie wieder zu sehen. Schön, dass es sie gibt. Schön, dass sie sich weiterentwickeln und ihre Ziele verfolgen.
Aperion haben die Erwartungen erfüllt. Bandchef und Gitarrist Črt Birsa wirkte als Bindeglied des Auftritts in seinen Ansagen noch entschlossener und aufrechter, die Band als Einheit wirkte enorm lebensfroh und eingelebt, was nur bewies, dass Selbstvertrauen und Glaube ans Ziel noch viel stärker und klarer sind als vor zwei Jahren.
Die siebenköpfige Truppe wirkt zwei Jahre nach meinem ersten Mal noch souveräner, selbstbewusster, auf der Bühne kompakter, also noch ausgefeilter und kraftvoller in der Umsetzung. Aperion sind Sonderlinge der slowenischen Musikwelt. Sie sind eine der wenigen Bands, die streng darauf achten, wie wichtig das Aussehen – das Image – im Gesamtbild einer Band ist. Die Sorgfalt bei der Gothic-Kluft verleiht jenes bisschen nötiger autoritärer Unnahbarkeit und Erhabenheit, das slowenischen Bands fehlt, während der Ausdruck „schräg“ schon unnötig ist, denn im Vergleich zur restlichen Welt gibt es Tonnen von Bands in solchen Outfits. Nur in Slowenien eben noch nicht. Musik mit gotisch-keltischem Hauch, gebaut auf festen Gitarrenriff-Elementen, in die sich der Großteil der Melodien einfügt, den gemeinsam Viola, Flöte und Gitarre bauen. Eine hervorragende Würze und Raumfüllung steckt auch in der Integration des Cellos in ihre Musik, fürs Aufbrechen von Schablonen sorgt außerdem der Witz des vielfarbigen Ansatzes an den Drums.
Aperion fügen mehrere Aspekte der Musik zu einem stimmigen Puzzle zusammen. Klassik, die besonders durch das symphonische Element des klassisch geschulten weiblichen Leadgesangs hervorsticht, der dem Gesamtausdruck besondere Erhabenheit und Feierlichkeit verleiht und eigentlich eines der wichtigsten Markenzeichen der Band ist, sowie keltische Folk-Interludes, die das grundlegende Riff-Schema auflockern, sind zwei der wichtigsten Glieder der stilistisch variablen Integration in die Rock-Basis der Band. Nach Ähnlichkeiten zu suchen wäre zweifellos respektlos gegenüber der Band selbst, aber weil wir das nun mal so gern tun, kann ich in den Raum werfen, dass es sich bei Aperion um eine Art trendig gefärbte Mischung aus Apocalyptica, Nightwish oder Bands handelt, die deren Erfolg folgen, wie Epica, Elis und Lunatica.
Das einzige Minus, das in den Ohren stach, war natürlich die akustische Ungeeignetheit des gewählten Auftrittsortes. Die obere Nichtraucher-Etage der Roll bar, oder umgangssprachlich der Glaskasten (Aquarium). So wurde der Sound für die Zuhörer, die den Auftritt ein paar Stufen unterhalb der „zusammengezimmerten“ Bühne verfolgten, mal hierhin, mal dorthin „getragen“. Manchmal haute das Gitarrenriffing über die Melodie, die Viola, Cello und Flöte webten, aber das muss man eben in Kauf nehmen. Aperion sind eben noch nicht groß genug, um sich aussuchen zu können, wo und wann sie auftreten.
Die Roll bar war knallvoll und ganz in ihrem Element, und das Publikum zeigte, dass sich Aperion in den zwei Jahren seit meinem ersten Mal schon eine stattliche Zahl treuer Sympathisanten erspielt haben, die mit lautem Applaus und Rufen ihre Begeisterung fürs Konzert keineswegs verbargen.
Aperion sind wirklich etwas völlig Ungewöhnliches für die slowenische Musiklandschaft. Wenn sie ihr lang erwartetes Studiodebüt herauspressen, an dem sie als Perfektionisten und Detailverliebte zu Hause sorgfältig feilen, gibt es auch für alle ungläubigen Thomasse keine Ausrede mehr, dieser Band nicht wenigstens einen Funken Neugier zu schenken. Aperion bleiben auch nach dem Erlebten in der Roll bar eine Band mit großem Potenzial und noch größerem musikalischem Herzen.
Setlist
1. Ocean
2. Raj
3. Uspavanka
4. Brown
5. Konj
6. Dajte
7. Izvorno sporočilo
8. Aper
9. Fe+
10. Srh
11. Urma
12. Ü
13. Anaksimander
14. Maya
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