Coverdale und Aldrich – Starkers in Munich, Autogrammjagd, Promotion des neuen Albums (2006
Autor: Aleš Podbrežnik
Ort: Saturn-Filiale / München / Deutschland
Konzertdatum: 25.11.2006
Besucherzahl: 150
Eintrittspreis: 0,00€ (freier Eintritt)
Wenn man nicht weiß, wohin mit dem Geld, haut man am besten nach München ab und verprasst es für CDs. Und wenn dort zufällig auch noch Mr. David Coverdale – Kopf der großen Hardrocker Whitesnake, mit seinem Adjutanten und Gitarristen Doug Aldrich auftaucht, kann das im Rockeralltag ein richtig aufregendes Ereignis sein.
Kaufhaus Saturn, erster Stock, 15.55 Uhr! Na super, verdammter Mist! Wieder mal stehen wir irgendwo weit, weit hinten… mit miserabler Sicht natürlich. Die Leute haben sich vor einem improvisierten Bühnchen zusammengedrängt, auf dem gerade mal zwei Barhocker standen. Sie quetschten sich zwischen die langen Regale, die bis zum Rand mit CDs von allem, was kreucht und fleucht, vollgestopft waren. Worauf warteten die bloß so stramm?
Ein paar Minuten nach vier am Nachmittag tauchte der Moderator auf und erklärte in waschechtem Deutsch die Spielregeln. Zuerst eine Stunde Plauderei mit Coverdale, und in dieser Stunde sollte auch noch ein Minütchen für ein Whitesnake-„Unplugged“-Ständchen drin sein. Danach folgt eine Stunde Autogramme, bei der es nur eine Unterschrift pro Kopf gibt und bei der das Volk keine Fotos machen darf.
Kaum hatte der Typ allen viel Vergnügen gewünscht, erschienen Coverdale und Aldrich. Wie schon längst nichts Neues mehr ist, lenkte David – ein versierter, lockerer Redner – die Aufmerksamkeit des Publikums blitzschnell komplett auf sich. Gut gelaunt, höflich und für jeden Scherz zu haben, begrüßte er die Anwesenden und erklärte, worum es geht. Kurz gesagt: Die Veröffentlichung der neuen Whitesnake-Doppel-Live-CD „Live In The Shadow Of The Blues“ war der Grund für seinen Besuch im Saturn. Nach einer süßen Einführungsansprache fragte er in die Runde, ob wir vielleicht Lust auf einen Song hätten. Klar, das war ja garantiert der größte Köder, seit der Termin angekündigt wurde. Zum Aufwärmen des Publikums wählte der Altmeister von Whitesnake gleich Give Me All Your Love Tonight. Doug an der Akustikgitarre und sein Boss, der seine samtig-verrauchte und charmant verführerische Stimme so schön warmsang, klangen von Anfang an absolut ordentlich. Die Leute gingen sofort mit.
Eigentlich war die erste Stunde eine Art Pressekonferenz, bei der das Volk David Fragen stellte. Der Mann packte so manches Saftige aus: Er musste erklären, warum heute Abend nicht die ganze Band in München auftritt (er wand sich heraus, indem er sagte, für so etwas brauche es den Konsens aller fünf Bandmitglieder), warum das Konzert in Budapest abgesagt wurde (das einzige auf der gesamten Tour der Band), dass sein 10-jähriger Enkel schon Gitarre spielt und singt und für sein Alter total „kicks ass“, dass für den Abend mit David in München in erster Linie seine Tochter verantwortlich ist, die in München wohnt, und das Allerwichtigste: dass die Band ein neues Album aufnimmt, das voraussichtlich nächstes Jahr erscheinen soll und dessen aktueller Arbeitstitel (mit vielsagendem Inhalt!) „Good To Be Back“ lautet.
Zwischen diese Antworten streute er Songs! So folgte eine Reihe von Überraschungen mit dem Song I Ain’t Gonna Cry No More, den die Leute sofort begeistert erkannten und begrüßten. Erwartungsgemäß nahm Coverdale außerdem zwei ganz neue Songs in die Setlist auf, zur Promotion der Doppel-Live-CD, auf der vier komplett neue, im Studio aufgenommene Stücke sind, nämlich All I Want Is You, das eben typisches Coverdale – Whitesnake Zeug ist, mit Gesang genau dort, wo er hingehört, während im zweiten ganz neuen Song namens Dog die Jahre ihre Zähne zeigten, denn in den höheren Lagen ließ Coverdales Stimme Tendenzen zu einem milderen Krächzen einer Elster erkennen.
Aber Coverdale ist eben Coverdale! In den mittleren und tieferen Tonlagen bleibt er Herr über seine Felder, und mit seiner einzigartigen, unverkennbaren Gesangsart und Stimmfarbe unterwarf er die Menge mit links bei einer weiteren Überraschung, Judgement Day, goß mit einer kurzen „a capella“-Version des Deep Purple-Klassikers Soldier Of Fortune noch Öl ins Feuer, bei der sich herausstellte, dass es echt schade ist, dass Aldrich und Coverdale ihn nicht komplett in einer „Unplugged“-Variante spielten. Zum Schluss hob sich David natürlich den großen Whitesnake-Hit auf, von dem er einfach wusste, dass die Leute dabei ausflippen würden. Here I Go Again. Da waren wir alle richtig laut, und das Beisammensein erreichte genau zum Ende seinen Konzerthöhepunkt.
Danach folgte die CD-Signierstunde. Die Schlange war ordentlich und wand sich wie eine Riesenschlange, in der bestimmt etwa 150 Köpfe standen. Coverdale war routiniert freundlich und fertigte jeden so schnell wie möglich ab, erfahren und raffiniert „wie mit OP-Handschuhen“. Kein Wunder. Er hatte alle Hände voll zu tun und im Kopf nur eins: einen Eindruck zu hinterlassen, nach dem die Leute die neue Whitesnake-Doppel-Live-CD wegreißen würden. Wenn er ein Cover in helleren Farbtönen und -kombinationen zum Signieren bekam, nahm er einen schwarzen Filzstift und malte seine „Krakel“, sonst benutzte er einen silbernen. Gesprächiger war der etwas in den Hintergrund gedrängte Doug, der im Dialog deutlich mehr Echtheit ausstrahlte als sein marketingorientierter Boss!
Weil der Saturn riesig ist und die Regale mit CDs aller möglichen Ausgaben aller möglichen Interpreten vollgestopft sind, bräuchte ich mindestens einen Tag, um mich durch den ganzen Berg an Musikmaterial zu wühlen. Also habe ich nur schnell die CDs im Angebot überflogen, wo stark reduzierte CDs unter 6,00 € kosten. Schnell schnappte ich mir Eloy „Oceans“ (1980) und Barclay James Harvest „Gone To Earth“ (1977), die mit mir direkt zu Dr. „Prog Rock“ nach Ljubljana wanderten. Es sind Remasters, und glaubt ihr, dass die jemals nach Slowenien importiert wurden? Burleske der Jahre… obendrein gehören die genannten CDs den Labels EMI Records und Polydor. Also Riesenlabels. Ach, dieses Slowenien. Mir ist fast schlecht geworden, als ich an die slowenischen Stände mit CDs dachte. Z.B. allein eine „abgenudelte Second-Hand“-CD kostet in Slowenien 7,00€ bis 10,00€ (oder mehr). Aber lassen wir’s lieber, da weiter auszuholen… Brrr-uh…
Das Beisammensein mit dem Whitesnake-Duo Coverdale / Aldrich war rasend schnell vorbei. Zeit war noch jede Menge übrig, und nach dem Geldausgeben im Saturn stapften wir einem ordentlichen Fressen entgegen ins Hard Rock Cafe im Zentrum von München und machten dann noch bis spät in die Nacht „gefräßig“ weiter, bis hin zum Sonntag, an dem man neue Kräfte sammeln musste für das Konzert von Bryan Adams in Ljubljana. Tja, hart ist der Arbeitstag eines Rockers!
Setlist
01.Give Me All Your Love Tonight
02.Ain’t Gonna Cry No More
03.All I Want Is You
04.Soldier Of Fortune
05.Judgment Day
06.Dog
07.Here I Go Again
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