Fast N‘ Bulbous erweckten im Cankarjev dom die Schatzkammer von Captain Beefheart zum Leben

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Ort: Klub Cankarjevega Doma / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 22.11.2006
Besucherzahl: 30
Ticketpreis: 3.500,00 SIT

„A squid eating dough in a polyethylen bag is fast and bulbous, got me?!“ – mit diesen Worten ging es letzten Donnerstag in eine fast zweistündige, halb frenetische musikalische Offenbarung der Band Fast N‘ Bulbous, die direkt aus der unglaublich reichen und garantiert einzigartigen Schatzkammer aller Zeiten schöpft, der Schatzkammer der eklektischen Truppe Captain Beefheart & His Magic Band!
Fast N‘ Bulbous und The Magic Band sind die einzigen Bands, die die Musik des exzentrischen Genies Captain Beefheart, alias Don Van Vliet, auch live auf der Bühne am Leben halten und nicht nur über Alben. Die sind nämlich, vor allem die aus der ersten Hälfte der 70er, die bei Reprise erschienen sind, extrem schwer zu kriegen und hätten dringend ein Remastering nötig. Vor Kurzem hat sich das Label Virgin zu genau diesem Schritt entschlossen und die Alben aus den Jahren 1974 bis 1982 in klanglich deutlich verbesserten Versionen neu aufgelegt.

Neben der Musik teilen sich die beiden Formationen auch noch den Gitarristen Gary Lucas, der auf den letzten beiden Studioalben von Captain Beefheart & His Magic Band gespielt hat („Doc At The Radar Station“, 1980, und „Ice Cream For Crow“, 1982). Der Unterschied: Bei The Magic Band waren fast alle Mitglieder irgendwann auch in der Originalbesetzung von Captain Beefheart & His Magic Band dabei – zwar nicht alle zur selben Zeit, weil sich die Besetzung ständig änderte – und führen so das musikalische Erbe der Band weiter, allerdings ohne die zentrale Figur Don Van Vliet, der sich schon lange nicht mehr der Musik, sondern erfolgreich der bildenden Kunst widmet, in der angenehmen Abgeschiedenheit seines Zuhauses irgendwo in der Mojave-Wüste. Fast N‘ Bulbous dagegen sind im Grunde ein Projekt des erwähnten Lucas und des Saxofonisten Phillip Johnston, die mit Hilfe befreundeter Musiker etwas mehr Jazz-Elemente in die Musik gebracht und diese ziemlich anspruchsvolle und eigenwillige Musik damit auf ihre Art für ein breiteres Publikum attraktiver und zugänglicher gemacht haben.

Es war ein gemütlicher Abend im Klub Cankarjevega Doma. Der Klub wirkte ausgesprochen friedlich, und wie sich später herausstellte, hatte man die Musik schlicht vergessen, die den Raum erst ein paar Minuten vor neun füllte. Passend zum Raum war auch die Zahl der Besucher: Es waren nur etwa dreißig, aber genau richtig, damit alle Tische besetzt waren.

Beim Blick auf die beleuchtete Bühne baute sich langsam die Euphorie auf, und erst recht, als aus dem Backstage-Bereich deutlich die Melodie von Ghosts von Albert Ayler zu hören war, auf dem Saxofon gespielt. Danach kamen undeutliches Gerede und Gelächter, was ahnen ließ, dass die Band bestens aufgelegt war. Und das war sie auch, denn ein paar Augenblicke später standen sie schon startklar auf der Bühne, bereit, etwas von dieser Magie zu verteilen, die wir sonst meist nur von Studio- oder Livealben kennen.

Los ging es mit Pachuco Cadaver vom einzigartigen Avantgarde-Meisterwerk „Trout Mask Replice“ (1969), das hervorragend gespielt wurde und natürlich eine Welle der Begeisterung und Zustimmung auslöste. Gleichzeitig legte es die Messlatte hoch, und alles, was noch folgte, hielt sie lobenswert – oder übertraf sie sogar. Zwischen den Songs gab es jeweils ein paar Worte, die etwas über die Geschichte des jeweiligen Stücks verrieten oder, noch spannender, die eine oder andere Anekdote über Captain Beefheart und seine Arbeitsgewohnheiten erzählten, die unter anderem erklärten, warum seine Magic Band wirklich magisch war.

Bekannt sind ja die Gerüchte, dass Don viele seiner Stücke am Klavier zusammengebaut hat, das er eigentlich nicht besonders gut spielen konnte, aber er hatte immer nur absolute Spitzenmusiker um sich, die diese kreativen Ergüsse irgendwie in die gewünschte Form brachten. Meist konzentrierten sich die zwei Gitarristen jeweils auf eine von zwei verschiedenen Melodien, die er spielte, jeweils mit einer Hand, mit allen zehn Fingern! Ebenso unverzichtbar war ein Diktiergerät für alle Bandmitglieder, damit sie Don folgen und aufnehmen konnten, der währenddessen durchs Studio lief und Melodien vor sich hin pfiff, die der Soundtrack zu einem literarischen Meisterwerk wie Ulysses hätten sein können.

Es folgte Abba Zaba, das offiziell auf dem ersten Album „Safe As Milk“ (1967) zu finden ist, das als eine Art Anomalie im Schaffen der Band gilt, weil es fast normal klingt – naja, normal, so normal, wie es bei Beefheart eben geht! Im neuen „Gewand“ fügte es sich richtig gut in die übrigen Stücke ein und bewies, wie meisterhaft Fast N‘ Bulbous ihre Aufgabe als Arrangeure angegangen sind.

Danach verwandelte sich Lucas in einen Interpreten von Beefhearts Poesie. Er nahm sich den unbetitelten Text vom Album „Lick My Decals Off, Baby“ (1970) vor, und das mit so viel Schwung, dass er sich einen Leseabend auch mit der inzwischen verstorbenen Beatnik-Ikone William S. Burroughs hätte teilen können.
Dann kam die ganze Truppe zurück auf die Bühne und verschob die Musik um ein paar Jahre nach vorn, genauer gesagt ins Jahr 1978, mit einer starken Version von When I See Mommy I Feel Like A Mummy vom Album „Shiny Beast (Bat Chain Puller)“, das damals die Rückkehr des Captains in Topform bedeutete. Vor der Veröffentlichung dieses Albums lagen nämlich ein paar schwierige und unerfreuliche Jahre, mit ebensolchen Alben, die Fast N‘ Bulbous klugerweise umschifft haben.

Musikalisch bewegte sich die Band während des gesamten Auftritts ständig durch die Zeit, in beide Richtungen. Besondere Aufmerksamkeit bekamen natürlich die schon erwähnten Alben, die jeweils in ihrer Ära einen der vielen kreativen Höhepunkte der Band markieren, „Trout Mask Replica“ und „Shiny Beast (Bat Chain Puller)“.

Es folgte eine kurze Musikpause, in der sich die Musiker unters Publikum mischten und sich als ausgesprochen bescheidene, einfache und überaus zugängliche Leute entpuppten. Auch mit Gary Lucas ließ es sich quatschen, fast wie mit einem alten Bekannten, völlig entspannt und unverkrampft. Zwischendurch bekam er noch ein Geschenk, ein Porträt, das eine junge Künstlerin während des Auftritts gezeichnet hatte, und bedankte sich dafür mit einem Kuss. Unglaublich und unvergesslich, wie der ganze Auftritt natürlich.

Der zweite Teil des Auftritts begann ebenfalls mit einem Stück vom Album „Trout Mask Replica“, When Big Joan Sets Up, das aber in einer etwas schnelleren und ziemlich jazzigen Version daherkam und zeitweise schon an die Musik erinnerte, wie sie Archie Shepp Mitte der 60er des letzten Jahrhunderts gemacht hat. Auch die folgenden Stücke waren mit ähnlicher Energie geladen. Zwischendurch gab es wieder Zeit für Poesie, die Rückkehr von Burroughs, diesmal mit einer Rezitation des Gedichts Hollow Smoke, das auf keinem der Alben zu finden ist, sondern 1982 im Conjuctions Magazine veröffentlicht wurde. Einer der herausragenden Momente kam mit der meisterhaften Version von The Blimp, mit Phillip Johnston an einem überzeugenden, ähnlich hysterischen Gesang, wie wir ihn von der Originalaufnahme kennen.

Den ganzen Auftritt über lernten wir alle Bandmitglieder richtig gut kennen, die sich präsentierten, entweder als Solisten, z. B. Bassist Jesse Krakow in A Carrot Is As Close As A Rabbit Gets To A Diamond, der wahrscheinlich gerade erst richtig laufen gelernt hatte, als Beefheart seine Musikkarriere schon beendete, der diese Songs aber in sich trägt, als hätten sie ihn großgezogen! Dazu nur die Bläsersektion mit Dali’s Car und natürlich das „Gary Lucas Trio“, Gitarre, Bass und Schlagzeug, die ein „Medley“ aus zwei Stücken von den Alben „Clear Spot“ (1972) und „Ice Cream For Crow“ (1982) „gewebt“ haben. Offensichtlich ist, dass im Septett Gleichberechtigung und enorme Hingabe herrschen, sowohl der Musik als auch der Band gegenüber.

Langsam näherte sich das Programm dem Ende, und der Schlusssong sollte Kandy Korn sein, der sowohl auf dem Album „Strictly Personal“ (1968) als auch auf der Compilation „Mirror Man“ (1970) zu finden ist, hier aber klang wie keine der beiden Versionen. Natürlich war noch eine Zugabe Pflicht, die auch geplant war, wie man auf der Original-Setlist sehen konnte. Und tatsächlich beendeten sie den Abend endgültig mit Tropical Hot Dog Night, das erstaunlicherweise wie ein fast völlig anständiger Song für die Flitterwochen wirkte! Fast N‘ Bulbous Wedding Band?! Naja, die Wahl passte schon, für eine sonst nicht gerade warme Nacht.

Ein außergewöhnlicher und unvergesslicher Musikabend, der trotz allem nur noch den Wunsch verstärkt hat, dass vielleicht irgendwann auch Captain Beefheart selbst auf die Bühnen zurückkehrt. Naja, bis dahin hält diese Truppe das unbezahlbare musikalische Vermächtnis mehr als großartig am Leben, frisch und gesund. Lobenswert.

Setlist

—Teil 1—
01.Pachuco Cadaver
02.Abba Zaba
03.-poem- (Untitled)
04.When I See Mommy I Feel Like A Mummy
05.A Carrot Is As Close As A Rabbit Gets To A Diamond
06.Sugar ’n‘ Spikes
07.Click Clack
08.Evening Bell
09.Dali’s Car
10.Suction Prints
—Teil 2—
11.When Big Joan Sets Up
12.When It Blows It Stacks
13.-poem- (Hollow Smoke)
14.The Blimp (mousetrapreplica)
15.Flavour Bud Living
16.Veteran Day Poppy
17.Blabber & Smoke
18.You Know You’re A Man
19.Kandy Korn
—Zugabe—
20.Tropical Hot Dog Night

Besetzung:
Gary Lucas – Gitarre
Phillip Johnston – Altsaxofon, Arrangements
Richard Dworkin – Schlagzeug
Joseph Fiedler – Posaune, Arrangements
Robert Henke – Trompete
David Allen – Baritonsaxofon
Jesse Krakow – Bass

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