Big Poppa Glenn Hughes hat endlich auch den Slowenen eine Soul-Lektion erteilt (2006)

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Ort: Mediapark / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 21.11.2006
Besucherzahl: 350
Ticketpreis: 4.990,00 SIT

Ein Konzert von Glenn Hughes ist immer so ein Ereignis, das man absolut nicht verpassen darf. Tja, da die Halle Mediapark wieder mal schlecht besucht war, haben die Slowenen natürlich erneut enttäuscht und bewiesen, dass wir einfach keine Rock-’n‘-Roll-Nation sind. Oder wir haben kein Gehör und sind nur für Bauernhochzeiten geboren. Viele Besucher kamen aus Österreich, Italien und Kroatien. Das Konzert von Glenn Hughes in Zagreb wurde einen Tag zuvor abgesagt, auch einige Termine in Deutschland fielen aus, und nach Österreich hat man ihn diesmal gar nicht erst auf die Konzertbühnen eingeladen. Was soll ich sagen? Wir können ja schon froh sein, dass das Konzert überhaupt stattgefunden hat, denn nach manchen Andeutungen sah es wegen der ersten Anzeichen schlechter Verkäufe so aus, als würde es in der Orto Bar stattfinden, und nach den schwärzesten Prognosen hätte es wegen des Desinteresses der stubenhockenden Krimifans aus Ambrus (sprich: Rumsitzen & Fressen vor der Glotze und Tednik-Gucken, Totenmessen, mexikanischen „Scheißdrauf“-Telenovelas und sonstigem Ramsch) sogar ganz ausfallen können.

Glenn Hughes ist einer der wenigen Rockmusiker, die man heute als Legende bezeichnet, und er glänzt noch immer mit einer so gut konservierten Stimme, als hätte er gestern noch mit Trapeze gesungen oder Schulter an Schulter mit dem unvergesslichen Ritchie Blackmore auf der Bühne gestanden. Ein Mann, der für sein selbstloses Verschenken von Energie, Wärme und Gefühl bekannt ist, was (heute!!!) für Rockmusiker seiner Generation längst nicht mehr typisch ist, legte kurz nach 20:30 los! Eröffnet hat er das Konzert mit Valiant Denial vom aktuellen Album „Music For The Divine“ (2006), gefolgt von Orion („Soul Mover“, 2005). Der Anfang war nicht gerade vielversprechend, besser gesagt leicht zurückhaltend, als würde die Band die Lage erst mal abtasten. Sogar Glenn Hughes selbst zügelte die Kraft seiner Stimmbänder etwas. Auch im Sound war der Gesang ein Stück in den Hintergrund gerückt, er wirkte zu leise. Mit Land Of The Livin‘ wurde das Konzert dann plötzlich in Atmosphäre, Darbietung und Sound spürbar besser. Das kündigte schon das kurze Gitarrensolo des großartigen Gitarristen Jeff Kollman an, der Hughes diesmal auf Tour begleitete. Jeff hat auf Glenn Hughes‘ Solo-Studioalbum „Songs In The Key Of Rock“ (2003) einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen, und diesem Album hat Glenn in der Setlist auch beachtlich viel Raum gewidmet. Sie bestand zu einem guten Teil aus Glenns eigenem Material, was auf seinen früheren Tourneen nicht gerade selbstverständlich war, trotz der Qualität einzelner Solowerke, sodass uns der Mann in dieser Hinsicht zweifellos einiges schuldig geblieben war. Und jetzt war die Gelegenheit, diese Schuld zu begleichen.

Als vierter Song folgte, wie halb erwartet, eine ruhige Nummer, und die war niemand anderes als der legendäre Hit von The Moody Blues, Nights In White Satin, der in Glenns Version auch auf dem aktuellen Studioalbum „Music Fof The Divine“ erschienen ist. Glenn kündigte ihn als Song an, den sie zusammen in einem Studio in Los Angeles mit zwei Mitgliedern der Red Hot Chilli Peppers aufgenommen haben, Gitarrist John Frusciante und Schlagzeuger Chad Smith.

Der lange Gitarrenintro von Jeff Kollman nach Black Light kündigte genau jene Fantastik an, auf die wir insgeheim gewartet hatten. Aber gehen wir erst mal zurück zu Jeff. Jeff blieb brav bei seiner Les Paul, für Black Night und zum Schluss (Burn) schnallte er sich aber eine umgebaute Gibson um, eine Art „Kreuzung“ aus Flyin‘-V-Korpus und einem Gitarrenhals, der am Ende „metallisch“ zugespitzt war (Insider Vene erzählte, der Hals stamme vom Gibson-Modell Explorer). Im erwähnten Solo auf der Les Paul zeigte er jedenfalls, was er draufhat. Seine Kontrolle ist außergewöhnlich. Er steuerte hervorragend durch weiches, zartes, dünnes Anschlagen der Noten, das klanglich sogar an die Weichheit von Gilmours Intro zu Shine On You Crazy Diamond erinnerte. Ein Meister der teuflischen Pull-offs, oft servierte er die Sachen nur mit der linken Hand, ganz ohne Anschlag. Mit einem speziellen Wah-Wah-Effekt kümmerte er sich fleißig um die Lautstärke der angeschlagenen Töne, ihr An- und Abschwellen im Solo. Und? Übergang in Mistreated. Das ist immer einer der absoluten Höhepunkte, wenn man Glenn Hughes Auge in Auge gegenübersteht. Glenn zeigte die einzigartige Größe seines „Falsetto“-Umfangs schon während Nights In White Satin an einigen Stellen der Improvisation. Eine Gruppe junger italienischer Fans in der ersten Reihe begleitete seine Gipfelstürme durch die Tonalitäten über mehrere Oktaven, von den Tiefen bis in die schwindelerregenden Höhen, pausenlos mit einem Zettel im größeren Format, auf dem „Coast To Coast“ stand. Glenn regierte in Mistreated wieder als König. Diesmal sparte er sich seinen Soul-Einsatz für das Ende des Songs auf, wo wir mit offenem Mund glotzten, wie der Mann das Mikrofon auf verschiedene Distanzen wegzog und damit die Wucht seiner vokalen Soul-Teufeleien steuerte. Selbst einen Meter vom Mikrofon entfernt schrie er mehrmals mit so einer Kraft, dass einem der Schauer ungebremst über den Rücken kroch und sich die Haut ordentlich zur Gänsehaut aufstellte.

Nach Mistreated war Keyboarder Anders Olinder an der Reihe und würzte mit Hammond-Sounds das improvisatorische Funk-Dinner mit Glenn Hughes. Das war der Auftakt zu In My Blood, und danach nahm sich Glenn wieder etwas Zeit, den nächsten Song anzukündigen. Er erzählte, dass er mit 12 einmal mit seiner Mutter im Auto fuhr und einen Song hörte, der damals, in längst vergangenen, dem Rock viel gewogeneren und freundlicheren Zeiten, auf einem der Radiosender lief. Als der kleine Glennie ihn damals hörte, versprach er sich, Musiker zu werden. Whiter Shade Of Pale (Procol Harum). Die Hammond-Melodie zu Beginn übernahm aber Kollman auf seiner Gibson Les Paul. Eine Art Wärme und Ruhe, um nicht zu sagen feierliche Stimmung, erfüllte in diesem Moment die Halle. Die Band zündete mit ihrer Eingespieltheit und der Kontrolle über das Stück, das sie bediente. Ein Konzert voller bluesig-jazziger Ausflüge und kerniger Funk-Rock-Attacken in der unvergesslichen Rock’n’Roll-Form von Glenn Hughes verlief dadurch potenziert unvorhersehbar und oft mit einem Hauch von Spontaneität. Hughes schonte sich nicht und überschüttete das Publikum mit seinen „himmlischen Verrücktheiten“ am Gesang. Den regulären Teil des Konzerts beendete die Band mit einer Widmung an Tommy Bolin, You Keep On Movin‘ (orig. Deep Purple), aus der Zeit von Glenns Zugehörigkeit zu Deep Purple (die abschließende „Blackmore-lose“ Come Taste The Band-Ära), mit der Glenn eine enge (übrigens „weiß“ gefärbte) freundschaftliche Verbindung zu dem leider viel zu früh verstorbenen Gitarristen Tommy Bolin knüpfte. Hier belohnte die Halle Hughes mit ausgezeichnetem Gesang beim Refrain des Songs, wovon Glenn selbst begeistert war. Dass Glenn in Ljubljana trotz ihrer Überschaubarkeit eine echte, treue Schar von Fans erwartete, bestätigte auch ein untröstlicher Hughes-Fan, der in den Pausen versuchte, Glenns Screams nachzumachen, was auch bei der Band für ein paar Lacher sorgte, und Glenn quittierte diesen vernommenen Eifer mit Lob.

Ein Konzert der emotionalen Eruptionen war viel zu schnell vorbei. Nach You Keep On Movin‘ verließen Hughes und seine Leute die Bühne. Nach kurzem „Gejammer und Standardgenerve“ des Publikums kamen sie zurück und stauben Burn ab, wo das Volk fröhlich abfeierte, und auf der Bühne machte Keyboarder Anders einen besonderen Eindruck, der ganz ruhig Lords Parts spielte. Er zuckte mit keiner Wimper. Er bewegte nur kaum merklich die Hände und legte sie auf die Tasten. Lord hätte es bestimmt die Sinne verwirrt, der Schwede aber blieb eiskalt und schlüpfte dabei bravourös in Lords Schuhe.

Die Band verabschiedete sich. Nach gerade mal 11 Songs. Ein paar Augenblicke, nachdem sie nicht mehr auf der Bühne waren, gab es einen kleinen Zwischenfall. Diesmal waren keine Ordner hinter der Absperrung, was ich zu erwähnen vergessen habe. Normalerweise sind sie immer unter der Bühne, bei Hughes aber nicht. Irgendein „Stinker“ schaffte es, ungehindert auf die Bühne zu klettern, wo er die Plektren aus dem Mikroständer klaubte. Natürlich jagte einer der Roadies den Übeltäter von der Bühne. Es war zu spät, ihm ein paar erzieherische „Maurerhände“ (sprich: Watschen) zu verpassen, denn die „Zecke“ galoppierte geschickt, geduckt aus der Halle. Den Typen hätte ich in dem Moment eigenhändig…. Ich hoffe, er liest das hier, damit er künftig lieber Konzerte meidet. Was geschah danach? Möglicher Grund für die Verkürzung des Konzerts um mindestens einen Song. Einer vom „Aufsichts“-Team bzw. Teil des technischen Personals, das Glenn Hughes‘ Konzert begleitete, gab mit entschiedener Geste (zweimal mit beiden Armen der Länge nach auseinander) zu verstehen, dass das Konzert vorbei ist. Gleich darauf trat er vor und sammelte alle Setlists ein. Im selben Moment gingen die Lichter an, und die Hintergrundmusik (Grand Funk Railroad) lief.

Insgesamt 1 Stunde 35 Minuten! Damit könnte man sich ja irgendwie abfinden, wenn Hughes eine Vorband gehabt hätte, wie letztes Jahr in Europa z. B. The Lizards. Gab es also so etwas wie eine Kollektivstrafe? Jedenfalls sah man an dieser Geste des „Managements“, wie man die Balkanstaaten auf Tourneen bis heute anders behandelt, als wenn wir an diesem Abend nur im 180 km entfernten Graz gelandet wären.

Was haben wir daraus gelernt? Wenn Glenn das nächste Mal auf Tour ist, schauen wir ihn uns auf jeden Fall im Ausland an, auch wenn er nach Slowenien kommt, woran ich aber stark zweifle, dass er das je wieder tut. Das Konzert hätte ohne die um einen Song gekürzte Setlist die Höchstnote bekommen, denn in Darbietung und Atmosphäre wirkten Hughes und Kompanie noch überzeugender als vor anderthalb Jahren in Treviso (Italien).

Ganz einfach: Wer Gesangsakrobatik liebt, bekam ohne Umschweife eine echte Gehirnerschütterung verpasst. Der Sound in den ersten drei Reihen (vorne) war etwas verstümmelt, zu laut… schon ein paar Meter weiter weg hatte das Klangbild das passende Verhältnis der einzelnen Zutaten. Den vulkanischen Gesang des ehrwürdigen Herrn Glenn Hughes haben wir also endlich doch noch in heimischen Gefilden erlebt! Glenn bedankte sich während des Konzerts herzlich für die Unterstützung der Menge, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere auch in Slowenien auftreten kann. Beispiellose Klasse, wenn auch  mit einem Song weniger in der Setlist (Soul Mover), aber die erneuerte Live-Mannschaft mit dem herausragenden Jeff Kollman an der Gitarre lieferte ein neues Glenn-Hughes-Konzert ab, das deshalb wieder anders gefahren wurde. Poppa Glenn hat mit der zerstörerischen Kraft seiner Stimme eine kleine Schar Erleuchteter an jenem Abend glücklich gemacht. Dieses Konzert war einer der absoluten Höhepunkte des diesjährigen Konzertjahres in Slowenien. Übrigens: David Coverdale kann sich bei Mistreated heute nur noch verstecken!  Whitesnake sollten es besser nicht mehr spielen – und zwar auf keinen Fall!

Setlist

1. The Valiant Denial
2. Orion
3. Land Of The Livin'(Wonderland)
4. Nights In White Satin
5. Black Light
6. Mistreated
7. In My Blood
8. A Whiter Shade Of Pale
9. Don’t Let Me Bleed
10. You Keep On Movin‘
—Zugabe—
11. Burn

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