House Of Shakira landeten im komplett leeren Banale Club in Padua (2006)
Autor: Aleš Podbrežnik
Ort: Banale Club, Padua, Italien
Konzertdatum: 06.11.2006
Besucherzahl: 40
Wahnsinn! Wieder im Auto! Wieder nach Italien. Die Tage rasen so dahin, dass man buchstäblich emotional abstumpft angesichts der undurchschaubaren Fülle an Ereignissen, die schneller vor den Augen vorbeiziehen, als man sie bewusst erfassen könnte. Es gab Ereignisse, die man früher so intensiv erlebt hat, die man voller Ungeduld und mit glühender Fan-Begeisterung herbeigesehnt hat. Schrecklich, wohin wir da abdriften!?? Aber ohne genau das würden wir nicht nach Padua durchdrehen!
House Of Shakira sind eine Band, die genau den Musikstil pflegt, aus dem heraus RockLine im Kern überhaupt erst geboren wurde. Melodic Hard Rock, AOR (adult oriented rock). Wie uninteressant dieses Genre heutzutage für die Massen ist, bestätigte dieser Abend, der für RockLine eigentlich hieß: ganze 8 Monate warten auf die erste Gelegenheit seit der Geburt der Website im März 2006, einen Gig einer Band zu covern, die den AOR-Stil vertritt. Über weitere Gründe, warum dieses Genre so übersehen wird, obwohl jedes Jahr eine ganze Reihe hervorragender AOR-Studioalben erscheint, erfahrt ihr ohnehin im Folgenden.
Wie nach den gewohnten Erfahrungen mit solchen Italien-Trips nicht anders zu erwarten, haben wir uns verfahren. Klar, gleich nach der Autobahnausfahrt. Aber diesmal weniger als befürchtet. Gegen 20:15 rollten wir fröhlich vor dem Tatort an, der übrigens erschreckend schlecht ausgeschildert ist. Schon der erste Kontakt war schicksalhaft! An der Tür fragte ich mit meinem „scuzanten“ „Scuza… Banale Club?!?!?“ und als Erster antwortete ausgerechnet Emiliano, der freundliche und sympathische Chef der Konzertagentur Bologna Rock City, der für dieses Event aus dem rund 100 km entfernten Bologna nach Padua gekommen war, um House Of Shakira zu helfen. Ich wäre ihm vor Freude fast um den Hals gefallen, dass wir uns gefunden hatten. Kurz darauf tauchte am Haupteingang Anders auf, Gitarrist von House Of Shakira, mit dem unser Team vorher ständig per E-Mail in Kontakt gewesen war, weil die offizielle Website der lokalen Veranstalter, die den Banale Club betreiben, so schlecht gepflegt ist! Dort stand nämlich mit keinem einzigen Wort der Name House Of Shakira. Für uns lief es also bestens an! Emiliano zögerte nicht und bat uns sofort rein. Es vergingen keine paar Minuten, da standen zwei Mitglieder der Vorband des Abends vor uns, beide Gitarristen der italienischen Band Markonee. Von Aussehen und Alter her wirkten sie wie Obi Van Kenobi & his young apprentice – Stefano und Carlo. Vor allem Bojan fand viele Gemeinsamkeiten mit dem Jüngeren der beiden, besonders nachdem ihm der aufstrebende junge Gitarrist eine originale Jackson-E-Gitarre im Phil-Collen-Modell (Def Leppard) gezeigt hatte, die der Junge bei Markonee-Konzerten spielt.
Währenddessen wärmten sich die Jungs von House Of Shakira auf der Bühne schon intensiv auf und machten ihren „Soundcheck“. Kühle, raffinierte schwedische Perfektion. Sie gingen völlig in ihrem Tun auf. Wir kippten ein paar „Schalen“ Bier, wie es alter Rocker-Konzertbrauch ist, und genossen das Geschehen.
Von Leuten weit und breit keine Spur. Das ist das eine und einzige wirklich traurige Ding, das die Band die ganze Woche der Italien-Tour begleitet hat. Markonne waren für 22.00 angekündigt, aber im Banale Club wartete man eben, bis sich doch etwas mehr Leute einfinden. Und, taten sie das?
MARKONEE: 22.55 – 23.15
Bis dahin waren es 25, vielleicht 30 Leute (Kellner und Technikcrew eingerechnet), aber es war höchste Zeit, und die aufstrebenden Italiener legten los. Markonee pflegen typischen Schminke-Glam-Hard-Rock, stark beeinflusst von den heißen Bands der zweiten Hälfte der Achtziger, damals etwa Van Halen oder Whitesnake, und sie reiben sich gern auch an der Rohheit und Direktheit klassischer Rock-Riffs der Siebziger à la Grand Funk Railorad (im Soundcheck wärmten sie sich mit We Are An American Band auf) und Led Zeppelin. Weil partout keine Leute kamen, kürzten die Jungs ihren Auftritt entsprechend. Sie zündeten mit Motori/Markonee. Schon am Titel konntet ihr erkennen, dass es eine Bearbeitung des Originals von Divlje Jagode ist. Markonee haben die Sache so umgebaut, dass sie eigene englische Strophen geschrieben haben, während sie im Refrain das Wörtchen Motori beibehielten. Die Band soll in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens schon ziemlich beliebt sein, während sie in Slowenien noch nicht auf sich aufmerksam machen konnte, obwohl sie sich, wie Stefano vor dem Konzert erzählte, auch in diese Richtung krampfhaft bemüht. Weil die erhoffte Reaktion des Publikums ausblieb, beendete die Band ihren Auftritt nach 20 Minuten und bot uns insgesamt nur vier Songs (natürlich ohne Zugabe). Genug, um sie künftig im Auge zu behalten!
HOUSE OF SHAKIRA: 23.30 – 00.30
Die Jungs fanden sich schnell in ihrem Element zurecht und stürzten sich auf ihr Equipment wie Kinder auf Spielzeug im Sandkasten, und da waren sie. Wirklich, als würde man eine seltene Dinosaurierart sehen, das Ungeheuer von Loch Ness, den Yeti, Godzilla,…. Kurz: Den Jungs bot sich die Möglichkeit für eine kürzere einwöchige Tour durch Italien, und zum Glück landeten sie nah genug, dass wir voller Neugier nach Padua fuhren, um sie live zu sehen.
Was soll man sagen. Garant für ihre Klasse waren die vorher gehörten Studioalben „Lint“ und „On The Verge“ – dank dem fürsorglichen Bojan -, auch wenn die Jungs in ihrer Karriere schon vier Alben, eine „Live“-DVD und ein „Live“-Album draußen haben, aber promotionstechnisch in Europa miserabel abgedeckt sind, weshalb der Blick auf den „Merchandise“ ausgesprochen erfreulich war, vor allem preislich äußerst zugänglich. Je 10,00 € für CDs und DVD.
Die Herren legten gleich mit The Song Remains los, einem enorm markanten Song vom zweiten Album „On The Verge“ (1998), der sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein Sprung sechs Jahre nach vorn mit Uncontrolled („First Class“, 2004). Die Halle gähnte vor Leere, ein schrecklicher Anblick. Und doch ließen sich die schwedischen Perfektionisten nicht beirren. Sie boten erstklassigen Sound mit perfekter instrumentaler Balance und einem imposant melodischen Gesang im Zentrum, ohrenschmeichelnd – mit viral ansteckendem Tempo-Effekt! Sänger Andreas besitzt jenes seltene Gespür, das heute nur noch wenige Sänger der jüngeren Generation auszeichnet. Ein außergewöhnlich kraftvoller Gesang in jeder Sekunde, ein außerordentliches Gefühl für Falsett-Schlenker und für die Melodieführung. Bei In Your Head („III“, 2000) war er schon völlig aufgewärmt und erinnerte mit seinem Zugang in manchem an Steve Perry – den wichtigsten Sänger in der Karriere von Journey.
Natürlich haftet House Of Shakira immer, wenn die Rede auf ihre Musik kommt, ein Hauch Journey an, wie man es auch dreht. Die Herren bieten tatsächlich technisch und melodisch kompakte Songs, schnell zugänglich für jedes Ohr, mit Refrains von Spitzenausdruck, gewürzt mit reicher mehrstimmiger Begleitung. „Ausgezogene“ Journey, ihr etwas rauheres Spiegelbild, mit mehr Gewicht auf dem Gitarrenriff, aber ohne Keyboards und trotzdem stets mit einem Funken wiedererkennbarer Essenz, die auf die erwähnten amerikanischen AOR-Größen verweist.
Weil das Konzert miserabel besucht war, strichen House Of Shakira drei Songs (Mboulomona, Lint, Elephant Gun) aus dem Repertoire und obendrein noch das Schlagzeugsolo. Jedes Skandieren einzelner – einsamer Köpfe im Publikum, mich eingeschlossen, nahmen die Jungs zwar wohlwollend auf, aber in ihren Reaktionen spürte man einen Hauch Zynismus, denn es wollte ihnen einfach nicht in den Kopf, wie ihr Konzert so miserabel besucht sein konnte. Erste Reihe leer! Mehr noch: die ersten paar Meter – Leere! Finsternis! Totale Verdunkelung! Natürlich erlitten wir einen großen Verlust bei der Stimmung, die ein anständiger Besuch der Menge erzeugt, den es diesmal nicht gab.
Dann machte Bassist Per einen interessanten Zug, und der zog die Aufmerksamkeit der „Menge“ auf sich. Und was hat er so Erschütterndes getan? Die Tat hatte für die Menschheit fast das Gewicht der bahnbrechenden Bedeutung des durchlauchtesten Noah höchstpersönlich, als dieser die lebendige Welt vor der Sintflut rettete. Per warf nämlich ein paar Plektren ins Publikum. Die kleinen Italiener stürmten daraufhin stramm direkt vor die Bühne. Unglaublich, wie verlogen! Und doch skandierten sie jetzt wenigstens mutig und unterstützten die Band direkt an der Bühne, was das traurige Bild, das der desaströse Besuch gezeichnet hatte, etwas milderte! Die Band beendete das gekürzte Repertoire mit Method Of Madness, einem hervorragenden Song vom Debüt „Lint“ (1997) mit einem Refrain, der die Menge buchstäblich zum Singen ruft. Aber nicht dieses Mal. Diesmal hörte man vom Publikum eher gedämpftes Gezwitscher als lautes Anfeuern.
Die Band wollte sich schon verabschieden. Die Jungs hatten praktisch schon jeder zur Arbeit gegriffen, um mit dem Abbau des Equipments zu beginnen, doch Gitarrist Mats deutete mit einer Geste ans Volk an, es solle doch bitte endlich mal etwas Erwähnenswertes an Krach von sich geben. Na ja, die Band bezog mehr oder weniger routiniert wieder ihre Positionen auf der Bühne und lieferte noch zwei AOR-Leckerbissen. Die Rede ist von Coverversionen. Von wem? Um Journey zu spielen, musst du dicke Eier haben. House Of Shakira haben sie nicht nur, sie beherrschen den schweren perfektionistischen Brocken Journey auch noch bravourös. Schweden eben. Unbeirrbares Streben nach Perfektion – viel Arbeit, Knochenarbeit. Wieder glänzte Andreas mit seinem hingebungsvollen Gesang. Es kam Stone In Love und gleich danach noch einer! Any Way You Want It! Wahnsinn!!!! Insgeheim hatte ich Separate Ways erwartet, ich wusste, dass House Of Shakira viele Sympathien für Journey hegen, aber offenbar beherrschen sie mehr als nur einen Journey-Song. Jungs, Hut ab. Vor dem Sound, vor dem perfekten Bühnenauftritt bei der technischen Umsetzung des Spielens selbst, vor dem Zusammenspiel untereinander.
Dann blieben nur noch Andreas (Gesang) und Mats (Gitarre) auf der Bühne. Sie beschlossen den Abend mit der hervorragenden Ballade Chicago Blue („First Class“, 2004). Den Jungs war definitiv noch nach Spielen, aber zu viel ist eben zu viel. Ich musste an das diesjährige Biker’s Festival in Hruševje denken, aber dort ruinierte der Regen das Festival, diesmal in Italien dagegen machten die Leute House Of Shakira buchstäblich den Garaus. Die Hauptschuld tragen natürlich die lokalen Veranstalter. Anders, der sich übrigens bei der dreiköpfigen slowenischen Delegation auch viele Sympathien der einzigen weiblichen Vertreterin dieser Delegation verdiente, sagte im Gespräch, dass House Of Shakira zum Beispiel mal nur 100 Leute vor der Bühne mitten im großen Rom hatten. Das glaubt man nicht! Vor dieser Tour sollen House Of Shakira angeblich 90 Plakate an lokale Veranstalter geschickt haben, für insgesamt 5 Konzerttermine in Italien. Von all diesen Plakaten haben sie kein einziges aufgeklebt gesehen, als sie an den Spielorten ankamen. Wirklich traurig. Wahrscheinlich hätten sie sogar den Ljubljaner Orto Bar leichter vollbekommen, ohne das Konzert vorher überhaupt zu bewerben. Das ist einfach der Beweis, dass die Italiener von allem übersättigt bis zum Gehtnichtmehr sind, während bei uns die Leute House Of Shakira sicher auf viel ehrlichere, oder besser gesagt musikalisch liebevollere Art aufnehmen würden, auch wenn das eine „kleine“ Melodic-Hard-Rock-Band ist, wie man sie aus dem Ausland in Slowenien einfach nirgends zu sehen bekommt.
Die Band unterhielt uns insgesamt nur knapp eine Stunde. Auch Emiliano war nach dem Konzert sichtlich geknickt wegen der Ignoranz des Publikums. Wir drei Touristen waren trotzdem mehr als zufrieden mit dem Erlebnis. Freundlicher, herzlicher Umgang und Empfang, Austausch von Erfahrungen und Kontakten, ausführliche Gespräche mit der Band,…. Ein Empfang für Medienvertreter, wie er für viele Konzertveranstalter in Slowenien eine Lehrstunde sein könnte. Hey! Der Vergleich ist doch angebracht, oder? Wir sind schließlich Teil der Europäischen Gemeinschaft.
Setlist
Markonee 1. Colours 2. Loved Land 3. Motori/Markonee 4. Burnin‘ House Of Shakira 1. The Song Remains 2. Uncontrolled 3. In Your Head 4. Hey Lord 5. Best Of Times 6. Wings 7. Morning Over Morocco 8. Who’s Lying Now 9. You Are 10. Method Of Madness 11. Pellucid —Zugabe I.— 12. Stone In Love 13. Any Way You Want It —Zugabe II.— 14. Chicago Blue