Blind Guardian hoch auf den Flügeln der Slowenen, schmissen eine einzigartige Metal-Party (2006)

0 9

Ort: Ljubljana (Slowenien), VPK Mediapark
Konzertdatum: 13.10.2006
Besucherzahl: 1000
Ticketpreis: 6.300,00 SIT

ASTRAL DOORS: 20.00 – 20.45
Ich steh mit einem Bier in der Hand da. Was für eine erschütternde Beobachtung, oder? Na jedenfalls, die Uhr hat 20.00 geschlagen! Die sind pünktlich! Auf die Minute! Astral Doors nämlich. Die Schweden stellten ihr neuestes Studioalbum „Astralism“ vor! Mit einem Sänger, der ganz nah dran singt wie Dio. Wenn es dabei geblieben wäre, wäre es großartig gewesen! Aber das Problem ist, dass er einfach wie Dio singen will, und das will die ganze Band auch. Was Patrick Johansson gestern von Ronnie James Dio unterschied, war in vielem nur seine Erscheinung. Der hochgewachsene Sänger übertrifft Dio nach Kilos nämlich garantiert mindestens um das Doppelte. Ein Riesenkerl im Gegensatz zum zierlichen Küken Ronnie. Aber der Gesang ist erschreckend ähnlich. Genauso der Ausdruck der ganzen Band. Irgendwann kam es mir vor, als würde ich We Rock hören, später Stand Up An Shout. Ja, ja, ihr schließt richtig! Von da war es auch nicht mehr weit bis Heaven & Hell und Holy Diver. Kurzum. Technisch schön, korrekt, die Jungs nutzten die gebotene Zeit gut aus, um sich dem slowenischen Publikum vorzustellen. Auf jeden Fall die passende Band zum Aufwärmen vor Blind Guardian. Hervorragendes Spiel, der Sound etwas schwächer, bei den tieferen Lagen ging er unter, aber trotzdem… Eine ganze Handvoll Leute riss begeistert die Arme hoch und reckte 45 Minuten lang die Fäuste für Astral Doors. Schöner Auftritt, aber wie gesagt, gründlich besessen von Ronnie James Dio!

Der Blick in die Halle war verblüffend! Da hätten bestimmt noch 200 Leute reingepasst. Das Konzert soll ja schon fast einen Monat vor dem 14.10.2006 ausverkauft gewesen sein. Und wenn du dann am Tatort aufgekreuzt bist, konntest du dir um 20.00 noch ein Ticket kaufen.

 
BLIND GUARDIAN: 21.30 – 23.15
Lassen wir das Unmusikalische lieber beiseite. Es donnerte nämlich, die Uhr schlug 21.30 und ein urwüchsiges „Yeeeeahhh!!!“ der Menge begleitete die plötzliche Verdunkelung der Halle. Auf einmal ertönte das Klirren kalter Waffen in allen erdenklichen Dimensionen, die Schreie der Getroffenen und auf dem Schlachtfeld Verlorenen, Saurons Warnung an den Herrn Morgoth, er solle doch die Beine in die Hand nehmen und die verlorene Stellung verlassen, solange noch Zeit ist,… Die Halle erwachte zum Leben und übertönte im Nu die Erzählung des Intros. Und da sind sie: Blind Guardian. Vor der Bühne brodelte es, die „armen Schlucker“ drückten sich an die Absperrung, und sogar ein paar Tropfen spritzten von oben auf die Fotografierenden, die unglücklich zwischen Bühne und Stahlgitter eingeklemmt waren, denn das Bier floss schon munter von einem Ende der Halle zum anderen. G7 waren diesmal ganz brave Jungs. Wenn sie den Fotografen in Zukunft nur aus dem Weg gehen würden, wäre das eine schöne Geste, so aber stellte sich einer ihrer Unglücksraben genau in die Mitte und posierte gemeinsam mit der Band, die sich gnadenlos durch Welcome To Dying und Nightfall weiterbiss! Eine fachliche Exkursion der Mitarbeiter slowenischer Sicherheitsdienste, was solche Konzertevents betrifft, ins Planet Music nach Wien oder ins Grazer Orpheum würde bestimmt nicht schaden.

Gerüchten zufolge, die sich im kleinen Raum des Šentflorjan-Tals offenbar mit Lichtgeschwindigkeit von Mund zu Mund verbreiten, soll die Band ordentlich ein Virus erwischt haben, und das Konzert einen Tag vor dem Ljubljana-Gig im Wiener Planet Music habe die Besucher angeblich mit hängenden Köpfen und langen Gesichtern zurückgelassen, weil Blind Guardian das versprochene Repertoire nicht komplett gespielt haben. In Ljubljana war es dann aber doch anders. Aber gehen wir schön der Reihe nach.

Man spürte, dass Hansi Kürsch erfahren mit seinen Kräften haushaltete, und Blind Guardian haben auch die Reihenfolge der Songs ordentlich durchgewürfelt, angepasst an den offenbar etwas angeschlagenen Sänger. Natürlich war zu spüren, dass Kürsch nicht aus voller Kraft sang und dass er Passagen, in denen er mit seinem schneidenden Ansatz hätte kreischen müssen, lieber im Cleangesang absolvierte, sogar eine Oktave tiefer. Aber mit großem Gefühl. Routiniert artikulierte er beide Ansätze. Den cleanen und den wütend-schneidenden. Außerdem waren die Keyboards im Verlauf des Konzerts kaum zu hören, außer ausnahmsweise bei allen drei akustischen Songs, in einzelnen Intro- und Outro-Teilen von Songs. Dazu kam ein Problemchen mit den stellenweise undeutlichen Gitarrenharmonien, die Marcus‘ Gitarrenriffing unabsichtlich zudeckte.

Und trotzdem stehen vor uns Blind Guardian! Ihr wisst, was das bedeutet. Wer hat das treueste und fanatischste Publikum im Metal? Blind Guardian gehören da sicher in die „Top Ten“ solcher Bands. Dass ihre Touren auf deutschem Boden im Voraus ausverkauft sind und dass die Menge sie in den romanischen Ländern in einem Temperamentsausbruch regelrecht mitsingt, bedeutet kurz und knapp eine Größe und einen Respekt, wie sie heute nur wenige Bands haben. Auch die Halle im Mediapark war vom ersten bis zum letzten Besucher komplett auf den Beinen. Die Arme waren in der Luft, und zwar bei allen, so weit das Auge reichte. Ebenso sang alles mit, was da drin am Leben war. Auch das slowenische Publikum ließ die Band während des Auftritts also keineswegs im Stich.

Wie gesagt, Blind Guardian waren nicht zu 100% auf der Bühne, und doch trug sie wieder das Publikum auf seinen Flügeln, das dem Konzert eine völlig neue Dimension einhauchte, wie man sie heutzutage nur sehr schwer findet und erlebt. Der Schlüssel dazu sind Treue, Hingabe und Anhänglichkeit. Und so etwas zaubern nur die Fans von Heavy-Metal-Musik hervor, also das Metal-Publikum. Halleluja! Der bittere Geschmack im Mund nach dem halben Auftritt von Deep Purple am 05.10.2006 in der Hala Tivoli und der noch lahmeren Reaktion des Publikums dort, obwohl bei Purple dreimal so viele Köpfe waren (schlechter Besuch!!!), war im Nu verflogen. Der Mediapark platzte aus allen Nähten, und Blind Guardian wussten, dass sie ihr ergebenes Publikum einfach nicht enttäuschen dürfen. Hansi war begeistert und begrüßte das Publikum gleich zu Beginn damit, dass Blind Guardian wirklich froh seien, nach langen, langen Jahren des Wartens endlich auch zum ersten Mal in ihrer Karriere in Slowenien spielen zu können. Beim Konzert waren viele Leute aus dem benachbarten Kroatien. Natürlich konnten die Kroaten ihre nationalen Leidenschaften nicht zügeln, mit denen sie sich auch an Orten Aufmerksamkeit verschaffen müssen, wo das nicht hingehört, und mit denen sie nun mal die ganze Welt nerven, und so wehten auch im Mediapark einige kroatische Fahnen, sodass Blind Guardian nach dem Konzert wohl weiter auf Tour zogen und dachten, in Slowenien gebe es eine besondere Sorte Fans, die zur Schachkultur gehören und mit roten und weißen Schachfiguren spielen.

Aber kehren wir lieber zum Konzert zurück. Das Publikum begrüßte jeden Song mit Begeisterung, und die entstandene Stimmung erreichte nicht mal die vom Helloween-Konzert im Januar. Was für ein blöder Vergleich eigentlich. Bei Helloween ist das Publikum in so viele Fraktionen gespalten, wie Helloween in ihrer Karriere verschiedene Besetzungen hatten. Bei Blind Guardian ist das anders. Entweder du bist ganz ihrer oder gar nicht. Halbe Sachen gibt’s nicht! Eine eigene Chemie, ein eigener Ansatz, alles dreht sich um das Trio Kürsch, Olbrich, Siepen, und das schon ununterbrochen seit zwanzig Jahren. So einheitlich wie die Band ist auch das Publikum. Die Energie war außergewöhnlich. Die Gänsehaut war gestern echt nicht zu bändigen, so viel gute Laune und positive Energie lag in der Luft. „Was machen die da oben im Norden eigentlich?“ war Hansi „neugierig“ und schloss mit: „Let us knock at the gates of Valhalla!“ Das Volk raste. Valhalla endete in einem verlängerten Outro. Als die beiden Gitarristen mit dem Riffen fertig waren, zerrissen nur noch die Drums kanonenartig die Luft, getragen vom Publikum, das sich im Einklang zum Gesang der Leitzeile des Refrains vereinte. Magie! Während des Konzerts forderten die Leute ein paar Mal lautstark den Song Majesty, den Blind Guardian aber nicht spielten. Dafür kam Bright Eyes! Bei den bisherigen Konzerten der aktuellen Tour wechselten Blind Guardian auf der Setlist zwischen diesen beiden Songs ab. Für Ljubljana wählten sie Bright Eyes – eine der schönsten hymnischen Marschnummern ihrer Karriere, die Hansi vorher so ankündigte: „I would like to see all your shiny bright eyes!“

Kürsch beweist, dass er sich in den letzten Jahren, seit er auf der Bühne keinen Bass mehr schwingt, auch im Bühnenspiel, wenn er nur das Mikro in der Hand hat, sichtbar verbessert hat. Überhaupt in Gestik und Kontaktaufnahme. Am Bass half der Band auch diesmal der angeheuerte Söldner Oliver Holzwarth aus, sonst Mitglied der hervorragenden, wiedervereinten deutschen Progressive-Rocker Sieges Even. Die Keyboards knetete Michael Schüren. Kurz: Die Besetzung auf der Bühne war völlig identisch mit der auf der letzten Guardian-Tour. Ich lüge! Die Drums! Frederik Ehmke ersetzte als neues Mitglied den exzellenten Tomen Stauch bestens und rechtfertigte mit fehlerfreier Arbeit seinen Platz bei Blind Guardian.

Blind Guardian haben in die Setlist auch das 14-minütige Epos And Then There Was Silence aufgenommen, wenn ich oberflächlich dreist sein darf  – ihr ganz persönliches Rhyme Of  The Ancient Mariner, was bedeutete, dass wir mit der Aufnahme dieses Songs den kompositorisch komplexen Höhepunkt des Konzerts in Ljubljana erlebten. Einen besonderen magischen Moment gab es ansonsten während des Konzerts mit der Aufführung des akustischen, keltisch inspirierten A Past And The Future Secret. Wir alle warteten auf Bard’s Song. Und der kam nicht. Die Band beendete den regulären Teil mit And Then There Was Silence.

Die Zugabe eröffneten sie mit der Überraschung des Abends, And The Story Ends. Dann ging Hansi zu Andre und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Die Gitarristen nahmen ihre Gitarren ab und tauschten sie gegen akustische. Jetzt kommt The Bard’s Song. Nein, nein, nein! Harvest Of Sorrow. Verdammt, lassen die uns etwa ohne ihn stehen? Das Flüstern ins Ohr kurz davor bedeutete, dass Hansi beschlossen hatte, Harvest Of Sorrow statt Lord Of The Rings zu singen, der ursprünglich auf der Setlist stand. Diese Entscheidung bewies, dass Hansis Stimme tatsächlich angeschlagen ist, Harvest OF Sorrow ist nämlich zum Singen unvergleichlich leichter als der ursprünglich geplante Lord Of The Rings und somit die logische Wahl des Sängers. Schade. Mit Imaginations From The Other Side kamen endlich die Fans der klassischen Blind Guardian auf ihre Kosten. Um ehrlich zu sein, fehlten auf der Setlist einige explosive Klassiker, darunter Majesty, Born In A Morning Hall, Somewhere Far Beyond, Journey Through The Dark, Lost In The Twillight Hall… Andererseits übertrieben es die Jungs nicht mit Material vom neuen Album, was überaus willkommen war, denn von „A Twist In The Myth“ spielten sie gerade mal zwei Songs.

Die Jungs verließen uns ein zweites Mal. Und kamen trotzdem wieder zurück. „Ihr wisst wahrscheinlich schon alle, welcher Song jetzt kommt?“, fragte Hansi. Und dann war er da, dieser Moment. The Bard’s Song – In The Forest, ein Song, den das Publikum immer komplett singt und den Hansi für die Fans nur in der ersten Zeile anstimmt: „Now you all know…“, der Rest des Songs gehört dann voll und ganz dem Publikum. Sehr dankbar war der Einsatz von Keyboards und Bass im Outro, was die außergewöhnliche Stimmung, die die beiden akustischen Gitarren und natürlich das unvergessliche Publikum erzeugt hatten, noch weiter steigerte. Blind Guardian beließen es zum Schluss nicht dabei, sondern beschlossen, noch einmal mit allem Metal-Gewieher, das sie draufhaben, loszuknallen. Auch diesmal gab es den erwarteten Klassiker Mirror, Mirror, bei dem das Publikum zum Abschluss noch einmal komplett durchdrehte. Nach dem Ende wollte sich die Band gar nicht von der Bühne lösen, nahm sich ein paar Momente für den Abschied von den treuen Fans und verabschiedete sie auch mit einem ordentlichen Regen aus Gitarrenplektren!

Der Auftritt von Blind Guardian wird offenbar das zentrale Konzertereignis im Heavy Metal für dieses Jahr bleiben, was die Besuche ausländischer Bands auf eigenen Konzerttouren betrifft (lassen wir Metal Camp natürlich kurz beiseite). Das ausverkaufte Satyricon hat Anfang des Monats außergewöhnliche Eindrücke hinterlassen, Blind Guardian kamen vor allem, um die Liebhaber klassischer metallischer Melodik zu erfreuen. Weil dieses Jahr wieder keine Iron Maiden nach Slowenien kommen, haben Blind Guardian die Fans von melodischem Metal mit Cleangesang eben gerettet. Die Band wirkte nicht optimal, aber das Publikum trug das Niveau der Atmosphäre und die Band selbst bis zu dem Punkt, an dem man nur noch sagt: „Das ist es!“ Am schönsten ist es nämlich, wenn man eine 1000-köpfige Menge glücklicher, fröhlicher Menschen sieht, die auch nach dem Ende des Konzerts vor lauter Zufriedenheit nicht zu sich kommen, weil sie Momente mit Blind Guardian teilen durften. Einige Fans waren ordentlich durchtränkt von Bier und Körperflüssigkeiten, mit geröteten, zerschlagenen Gesichtern, als kämen sie aus einer schweren Schlacht, in der sie nicht nur einen Sieg, sondern gleich den ganzen Krieg gewonnen hatten. Kurzum: ein unvergesslicher Abend, unvergessliche Metal-Party, durch unvergessliche und einmalige Magie! Hoffen wir, dass es bei uns in Zukunft noch mehr Events mit so intensiver emotionaler Ladung gibt!

Setlist

Astral Doors:

1. Black Rain
2. Bride Of Christ
3. Tears From A Titan
4. Time To Rock
5. Evil Is Forever
6. London Caves
7. Of The Son & The Father
8. Hungry People
9. The Trojan Horse
10. Cloudbreaker

Blind Guardian:

1. War Of Wrath (Intro)
2. Into The Storm
3. Welcome To Dying
4. Nightfall
5. Fly
6. Bright Eyes
7. Valhalla
8. When Time Stands Still (At The Iron Hill)
9. Mordred’s Song
10. Another Stranger Me
11. A Past And The Future Secret
12. And Then There Was Silence
—-Zugabe 1.
13. And The Story Ends
14. Harvest Of Sorrow
15. Imaginations From The Other Side
—-Zugabe 2.
16. Bard’s Song
17. Mirror, Mirror

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies