British R & B All Star Band im Burghof beim Burgkulturfestival in St.Veit
Ort: Herzogburg / St. Veit An Der Glan (bei Klagenfurt) / Österreich
Konzertdatum: 07.09.2006
Besucherzahl: 250
Ticketpreis: 20,00 €
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich zuletzt direkt vor der eigenen Haustür verlaufen habe – zumindest was den Ausflug nach St. Veit An Der Glan angeht, das gerade mal 20 km von Klagenfurt entfernt liegt. Klingt doch schräg, wenn man von Klagenfurt fast bis nach Villach fährt, auf der Suche nach dem besagten Dorf, oder? Auf jeden Fall eine grottenschlechte eigene Vorbereitung meinerseits und miese Straßenschilder, die da Hand in Hand gearbeitet haben. Auch in der Stadt selbst mussten wir ständig Leute fragen, ob heute Abend irgendwo ein Konzert steigt. Ein Gutshof mit einem hübschen Schlösschen namens Herzogburg. Das ist St. Veit. Traumhaftes Ambiente. Umgeben von Burgmauern. 250 Leute. Im Burgkamin hatten sie dicke Holzscheite aufgeschichtet, und beim Knistern des Feuers wurde die Stimmung noch ein Stück authentischer. So viele Frauen wie hier in der Herzogburg findest du bei solchen Konzerten in Slowenien nicht so schnell. Bei all dem meisterhaften Verlaufen kamen wir punktgenau zum Konzert der Hamburg Blues Band – trotz der Ankündigung, dass das Ganze um 19:00 losgehen sollte. Offenbar haben sie auf uns gewartet.
HAMBURG BLUES BAND 19.45 – 21.10:
Die Hamburg Blues Band in der Besetzung Alex Conti (Gitarre), Gert Lange (Rhythmusgitarre, Gesang), Hans Wallbaum (Schlagzeug), Michael Becker (Bass) eröffnete den Abend. Die Jungs haben jede Menge Blues-Kilometer auf dem Tacho. Alex Conti war Mitglied bei Atlantis und Lake, Michael Becker spielte auch bei Spookey’s Tooth und Lake, Gert Lange bei Stoppok, mit Inga Rumpf und Jack Bruce (Cream), und Schlagzeuger Hans Wallbaum arbeitete in der Vergangenheit mit Stoppock, Westernhagen und sogar mit Chuck Berry zusammen. Kurz: Da stand eine große Besetzung auf der Bühne, die ohne Witz jederzeit auch der „Headliner“ des Abends hätte sein können. Und das hat man dem Auftritt auch angemerkt. Die Band fühlte sich pudelwohl. Gert hatte den Kontakt zum Publikum routiniert im Griff, das sofort begeistert einstieg und die Band auf der Bühne ausgesprochen fair unterstützte.
Die Band legte los und servierte eine feine Mischung aus R & B, Boogie und natürlich saftigem Blues. Eingespieltheit und Sound waren perfekt. Die Blicke blieben immer wieder an Conti und seinem brillanten Soloing hängen. Der Meister seines Fachs hatte sich eine Gibson ES-345 (Baujahr 1966!) umgehängt und war mit seinen irre schnellen Solo-Läufen und der präzisen Ausführung die große Bühnenattraktion des ersten Konzertteils, der mit dem Song Trouble Man endete. Als die Band mit Rattlesnake Shake von Peter Green weitermachte, betrat noch ein weiterer Typ die Bühne. Kein Geringerer als Clem Clempson, Gitarrist der legendären Colosseum. Der brachte noch eine Extraportion Improvisation und wilden Jam auf die Bühne. Clem benutzte mit Vorliebe einen Slide, mit dem er den Großteil seiner Soli herausträllerte. Conti trat an vielen Stellen routiniert den Platz der ersten Gitarre ab und übernahm dankbar die Rolle des Statisten. Ein paarmal lieferten sich Clem und Alex sogar ein Gitarrenduell, und auch da achtete Conti respektvoll darauf, seine Finger zu zügeln, um den „Dreifinger“ Clempson ja nicht zu überstrahlen.
Die Konzertstimmung wuchs und wuchs. Bei The Old Soulsinger gesellte sich Pete Brown zu den Jungs, der Mann, der einst die Texte für die großen Cream geschrieben hat. Er begrüßte die Anwesenden mit einer Ansprache, in der er sich selbst auf die Schippe nahm. Pete ist von der Körpergröße her eher bodennah und sprach das Publikum an, während er das Mikro am Ständer auf die für ihn passende Höhe herunterschraubte, und kommentierte sein Tun so: „Ich wachse noch immer, und offenbar bin ich noch immer nicht genug gewachsen.“ Er zögerte nicht lange, schnappte sich ein Tamburin und übernahm die Rolle des Leadsängers. Jetzt standen satte sechs Leute auf der Bühne, und auch das Publikum traute sich endlich vor die Bühne, ein paar konkrete Tanzschritte hinzulegen und die Glieder zu lockern.
Besonders eng verbunden war das Publikum mit der Band direkt zum Schluss, als die Hamburg Blues Band mit Sunshine Of Your Love (Cream) loslegte. Der weckte sogar Miller Anderson (British R&B All Star Band) auf, der direkt aus dem „Backstage“ auf die Bühne kam und sich mit seiner roten Fender Stratocaster an einem der freien Eingänge einstöpselte. Jetzt standen insgesamt gleich sieben Leute auf der Bühne. Clem, Alex und Miller tauschten jeweils ihr Solo aus, Andersons war mit Bedacht kürzer und einfacher gehalten, denn der Junge war komplett unaufgewärmt. Die Jungs lieferten ordentlich Spielzeit, ein toller Auftritt. Der Anblick war einmalig, vor allem auf den legendären Clempson und Brown.
BRITISH R&B ALL STAR BAND 21.30 – 23.30:
Besetzung:
Chris Farlowe – Gesang
Miller Anderson – Gitarre
Albie Donnelly – Saxophon
Markus Schölch – Keyboards
Colin Hodgkinson – Bass
Pete York – Schlagzeug
Der Hauptgrund, warum wir in diesem wunderschönen Ambiente gelandet waren, waren die „All Stars“ – eine Band aus lauter Legenden, die praktisch alles erlebt haben, was man überhaupt erleben konnte. Sie waren überall. Und dann passierte „White Blues“. Die Besetzung zählt Männer, die sich auf der Bühne und im Studio „aufs Haar“ kennen, denn ihre Wege haben sich in ihren Karrieren immer wieder gekreuzt, und so haben sie in der Vergangenheit entweder in denselben Bands oder in gemeinsamen Projekten gespielt. Kurz: eine alte, gute Clique für die guten alten Zeiten. Noch einmal. Diesmal nur für uns.
Eine kurze Vorstellung der Legenden scheint mir ganz passend. Die Musiker kommen aus Großbritannien und haben satte 40 Jahre Blues-Engagement auf dem Buckel. Die Karrieren begannen Mitte der Sechziger. Chris Farlowes Stimme donnerte in den Sechzigern bei den Thunderbirds und den weltbekannten Colosseum, bekannt ist er außerdem für einen kurzen Abstecher bei Atomic Rooster. Colin Hodgkinson spielte Bass bei Whitesnake und bei Alexis Korner und arbeitete auch mit ELP zusammen. Dann ist da noch Saxophonist Albie Donelly, Chef der Band Supercharge aus Liverpool, und Gitarrist Miller Anderson, Soundpate der Keef Hartley Band, der auch bei Savoy Brown und T. Rex spielte und kurz mit Mountain den Bass bediente. Und dann ist da die wahre Legende am Schlagzeug, Mister Pete York, der die Sechziger bei der Spencer Davis Group verbrachte und später ein Duo mit Eddie Hardin gründete. Der Mann ist bis heute ein echtes Idol für jüngere Jazzmusiker. Auf der Bühne stand neben den Genannten an den Keyboards auch Markus Schölch, der in der Vergangenheit schon mit Pete York zusammengearbeitet hat, im Studio wie auch live, und mit Namen wie David Haynes, Sherlyln Wittiker, Alvin Mills und Greg McKoy. Die Listen der Zusammenarbeiten aller, die auf der Bühne standen, in verschiedenen Musikprojekten und Bands ihrer Karriere sind noch viel, viel länger… Und nicht zuletzt wäre die aktuelle „All Stars“-Besetzung mit ein paar Modifikationen fast eine Reinkarnation der Spencer Davis Group von Ende der Achtziger! Und zwar müsste Zoot Money nur Markus Schlöch ersetzen. Jetzt nimmst du den Saxophonisten Donelly raus und holst Spencer Davis an den Gesang, und schon hast du die Spencer Davis Group.
Die Show eröffneten sie ohne Chris Farlowe mit einem Stück, das Gitarrist Miller Anderson sang, dann folgte ein Wechsel am Mikro, und als Bassist Colin Hodgkinson es vor dem Mund hatte, machte die Band mit Walking Blues weiter, mit unglaublicher Weichheit, aber zugleich einem festen Rhythmus, der den Song anführte. Es folgten noch zwei Stücke, im ersten übernahm Saxophonist Albie Donnelly den Gesang, der schon allein mit seinem Auftritt auf der Bühne ein beneidenswertes Maß an Humor mitbrachte, und generell überraschte er an der Stelle, wo er den Lead-Gesang übernahm, mitten im Solo, indem er sein Saxophon nach oben in die Höhe drehte und so den Rest des Solos spielte. Beim fünften Song kam endlich Chris Farlowe auf die Bühne gestürmt, der sofort eine völlig neue Stimmung erzeugte. Sofort spürte man, was ein echter Sänger am Lead-Mikro bedeutet. Der Mann wird dieses Jahr 66, trägt aber noch immer dieses angeborene Soul-Gefühl in sich, das dich mühelos packt. Bei The Thrill Is Gone glänzte Chris mit seinem Gespür ganz besonders. Auch die Leute füllten fleißig den Raum zwischen Bühne und Sitzplätzen und zappelten voller Hingabe vor der Bühne. Das countryeske Across The Borderline (orig. Ry Cooder) verlangte auf der Bühne nur Miller Anderson und Chris Farlowe, die den Song im Duett und nur von Andersons Gitarre begleitet spielten. Ein überflüssiger und weniger gelungener Programmpunkt. Jungs! Spielt lieber Blues! Ihre Großartigkeit bestätigten die Legenden dann aber wieder in voller Besetzung auf der Bühne, und zwar in einer speziell arrangierten Version von House Of The Rising Sun (orig. The Animals), die Miller Anderson am Lead-Mikro sang. Er kündigte den Song so an, dass er ihn nicht in der Version wie Bob Dylan singen werde. Dann begann er, Dylans Gesangsstil nachzuäffen, und weckte mit diesem Sketch das Publikum gründlich auf! Stormy Monday, Out Of Time, Gimme Some Lovin‘, Keep On Running, Flip, Flop & Fly, The Thrill Is Gone, Rock ‚N‘ Roll Medley (inklusive Get Back), Watching The River Flow – allesamt heizten sie dem Publikum ordentlich ein. Und zum Schluss Ain’t No Love In The Heart Of The City (orig. Bobby „Blue“ Bland), bei dem sich Sänger und Rhythmusgitarrist der Hamburg Blues Band Gert Lange der Band auf der Bühne anschloss und mit Chris zum Abschluss ein markantes Kontrast-Duett der Stimmen hinlegte, war das echte i-Tüpfelchen auf dem Konzertabend mit den Legenden.
„All Stars“ spielten insgesamt zwei Stunden und zeigten, dass sie keineswegs vorhaben, mit der Karriere aufzuhören! Sie lieferten eine ausgezeichnete Portion reinrassigen Blues. Die Jungs boten das ganze Konzert über wunderschöne, filigran abgestimmte Solo-Geflechte, die großartig ineinandergriffen. Mal überraschten sie mit enormer Weichheit und Sinnlichkeit, im nächsten Moment servierten sie erstklassigen, kernigen Rhythm-Blues, der mit seiner Kompaktheit, präzisen Ausführung und Eingespieltheit die Anwesenden begeisterte, die die Musiker mit ausgelassenem Applaus belohnten. Der Sound war klar und ganz besonders traditionell. Eine Tradition, die lebt und einen absolut nie im Stich lässt. Klar, die Legenden sind keine taufrischen jungen Bühnenrabauken mehr, und vor allem Chris‘ Stimme hat nicht mehr die Kraft von früher, aber der gewisse Funke, die Chemie, zündete auf eine Art, wie sie nur alte, hartgesottene Kater hinbekommen. Ein besonderer Reiz war es, den Kontakt der Musiker auf der Bühne untereinander zu beobachten. Pete York war der stille Dirigent des Auftritts, der als kaum sichtbarer Bandleader aus dem Hintergrund, beschützend und mit der Routine eines erfahrenen Musikers, jedes Detail seiner Kollegen verfolgte und die Nummern während des Auftritts meisterhaft verband. Er zeigte auch beneidenswert gute Deutschkenntnisse. Das Treffen mit den Legenden war ein Ereignis, das sich ein echter Fan auf keinen Fall entgehen lassen durfte. Nächstes Jahr soll es angeblich im März und April eine Europatournee von Colosseum geben, bis dahin: Auf Wiedersehen!
Setlist
Hamburg Blues Band:
1.) Rockin‘ Chair
2.) Love Me Or Leave Me
3.) Make My Day
4.) Real Stuff
5.) On My Way Home
6.) Hypnotized
7.) Trouble Man
8.) Rattlesnake Shake
9.) Someplace, Somewhere – Sometime
10.) Done Somebody Wrong
11.) Tender Touch
12.) Ain’t Nothin‘ Shakin‘
13.) The Old Soulsinger
14.) Waiting For The Call
15.) Politician
——Zugabe—-
16.) Sunshine Of Your Love