Großer Knall mit The Rolling Stones in Wien!
Ort: Stadion Ernst Happel / Wien / Österreich
Konzertdatum: 13.07.2006
Besucherzahl: 50
Ticketpreis: 95,72 € (Stehplatz)
Unser Rolling-Stones-Tag begann um 7 Uhr, als sich 5 Busse unter der Führung unseres Nationalhelden Concert Freak aus Slowenien auf den Weg nach Wien machten, wo wir ein paar Stunden später Zeugen eines grandiosen und unvergesslichen Ereignisses wurden.
Wir bekamen eine Dosis von gut zwei Stunden purem, erstklassigem Rock&Roll und eine spektakuläre ˝Performance˝ der immer noch größten Rock&Roll-Band auf diesem Erdball.
Die Busse waren voll mit Fans verschiedener Generationen: von Schülern, die die Legenden vermutlich wie ich zum ersten Mal live sahen, bis zu den eingefleischtesten Fans, die schon seit Jahren zu ihren Touren pilgern. Besonders erwähnen muss man einen Herrn, der die Rolling Stones zum ersten Mal im fernen Jahr 1969 gesehen hat. Mit Wien hat er ihre Konzerte zwölfmal erlebt. Respekt.
Gegen 14 Uhr kamen wir in Wien an und fanden nach ein paar Komplikationen einen Parkplatz für die Busse. Weil sie die Leute erst um 17:30 ins Stadion lassen wollten, hatten wir noch massig Zeit.
Die ˝Merchandising˝-Stände der Band liefen auf Hochtouren. Fakt ist: Die Zunge (ruhig mit großem Z) ist das berühmteste und meistverkaufte Logo der Welt. Rund ums Ernst Happel Stadion konnte ich mir so ziemlich jede erdenkliche Variante von Rolling-Stones-Shirts ansehen. Es gibt sogar Fans mit Rolling-Stones-Hosen.
Um 17:30 wurden die ersten Besucher ins Stadion gelassen. Bis ich meine Akkreditierung abholen konnte, dauerte es noch eine Weile, aber schließlich hatte ich mein Ticket in der Hand. Nach der routinemäßigen Taschenkontrolle ging ich auf die Tribüne und nahm meinen kleinen, unbequemen Sitzplatz auf der VIP-Tribüne ein. Jetzt war es Zeit, das Stadion von innen richtig unter die Lupe zu nehmen.
Vor uns ragte ein mächtiger Bühnenkomplex auf. Mir war sofort klar, dass die Rolling Stones eine Band sind, die möglichst viel Kontakt zum Publikum mag. Und genau das ermöglicht diese Bühne. Auf der Bühne selbst erheben sich eine Art Balkone, für die man ein ˝On stage˝-Ticket kaufen muss. Noch interessanter ist der Steg, der aus der Mitte der Bühne tief ins Innere hineinschießt, direkt zwischen die Zuschauer, und fast bis zur Tribüne reicht. Abgeschlossen wird er von einer kleinen Bühne (der sogenannten B-Stage), auf der sie 3 Songs spielten. Ein solches Konzert auf der Tribüne zu erleben, fühlt sich wirklich unpersönlich an. Die Bühne weit weg, klar, es gibt eine riesige Leinwand, aber das ist was anderes, als direkt vor der Bühne zu stehen.
Um 19:30 betrat ein Wesen namens Paolo Nutini die Bühne. Wegen des verschobenen Termins war es offenbar schwierig, eine bekanntere Vorband zu finden. Wie sie diesen Burschen aufgetrieben haben, könnte ich kaum sagen.
Wie ich später auf seiner Website nachgelesen habe, ist er gerade mal 18 Jahre alt. Nicht schlecht, so früh in der Karriere ein Konzert für eine Band wie die Rolling Stones zu eröffnen.
Seine Musik und sein Auftritt erinnerten ein wenig an James Blunt, nur weniger weinerlich und mehr in der Rock-Variante. Dass er das Publikum tatsächlich aufgewärmt hat, lässt sich schwer sagen, mich hat er jedenfalls ziemlich überzeugt. Und das Publikum hat ihn auch tolerant mit Applaus verabschiedet. Nach einem 40-minütigen Auftritt verließ er mit seiner Band die Bühne.
Die Vorbereitungen auf das große Ereignis begannen. Alles lief normal, bis plötzlich ein paar Minuten vor halb neun schwarze Wolken über dem Stadion auftauchten, aus denen ein 15 bis 20 Minuten langer Platzregen niederging. Die Leute im Innenraum zogen sich bunte, sackartige Regenponchos über, andere ließen sich einfach von den dicken Regentropfen berieseln, und ein paar schadenfrohe Zuschauer auf den Tribünen weideten sich vergnügt am Anblick der durchnässten Menge unter der Bühne. Wir auf den Tribünen hatten wenigstens ein Dach über dem Kopf. Immerhin ein Vorteil.
Die kräftigen, muskelbepackten Roadies, die vorher die Bühne aufgebaut hatten, verwandelten sich jetzt in Putzfrauen mit Besen und wischten fleißig das Wasser von der Bühne.
Auch wenn es nicht gerade vielversprechend aussah, hörte der Regen zum Glück auf. Es wäre definitiv riskant gewesen, die schon etwas betagteren Musiker auf eine durchweichte, rutschige Bühne zu stellen. Die Vorbereitungen liefen weiter, und bald war die Bühne fertig. Noch ein paar letzte Schönheitskorrekturen, und die Spannung war auf dem Höhepunkt. Die Leute pfiffen schon ungeduldig, und das ganze Stadion bebte vor Erwartung.
Es schlug 21:15, als die Lichter ausgingen. Die Bühne erstrahlte in ihrer ganzen Pracht. Wir alle starrten gespannt auf die Bühne, als die ersten Akkorde ertönten.
Das Konzert eröffneten sie mit ´Jumpin Jack Flash´. Auf der Bühne erschienen unsere an diesem Abend definitiv liebsten Sechzigjährigen in all ihrem Glanz.
Mick, immer noch schick, trug eine enge schwarze Hose, ein schwarzes glitzerndes Shirt und eine sehr gut geschnittene rote Weste. Ron und Keith mit strahlendem Lächeln und der sympathische Charlie, der hinter den Drums thronte. Echt anziehend, glänzend, super.
Der Blick durchs Stadion hat mich allerdings ziemlich gestört. Die Tribünen schauten mehr oder weniger passiv zu, während die Menge unter der Bühne begeistert mitging. Na ja, zumindest die ganz vorne. Offenbar sind die Österreicher sehr anspruchsvolle Zuhörer, denn sie tauten erst gegen Ende des Konzerts auf und sorgten für gute Stimmung.
Es folgte der Hit ´It´s Only Rock&Roll´. Micks Stimme war in Topform, sein riesiger Mund ist immer noch so, wie er sein muss.
Dann kündigte Mick einen Song von ihrer Platte Bigger Bang an, ´Oh No, Not You Again´.
Ein richtig starker Song, ganz in ihrem Stil.
Weiter ging es mit dem ruhigeren, romantischen ´Lets Spend The Night Together´, das die Stimmung im Stadion noch mehr beruhigte.
Nach dem Song fragte Mick das Publikum: ˝Are we feelin Good?˝ Natürlich antworteten alle begeistert. Er kündigte noch einen aus ihrem neuesten Werk an, nämlich ´Rain Fall Down´. Ein richtig erotischer Song in Kombination mit funkigem Rhythmus. Hier griff Mick zum ersten Mal zur Gitarre. Verzaubert hat mich auch ihr Begleitbassist Darryl Jones, der sein Solo spielte. Ein perfekter Musiker und Bassist.
Es folgte der Song She´s So Cold. Genau richtig für die inzwischen schon besser aufgelegten Österreicher. Auf der riesigen Leinwand erschienen Projektionen alter Videoaufnahmen.
Dann kündigte Mick den Song ´Streets of Love´ an. Noch einer vom neuen Album, aber schon ein bewährter Erfolg auf Radio- und TV-Sendern.
Ein leichter Patzer bei einer Note machte die Sache noch charmanter, als sich Keith und Mick sehr sympathisch zuzwinkerten.
Vor dem nächsten Song begrüßte Jagger das Publikum wieder mit: ˝Are we OK? Lookin Beautiful˝. Und kündigte einen ˝pretty old song˝ an, ´As Tears Go By´. Der Song erntete donnernden Applaus.
Besonders begeistert haben mich die zwei Kroaten, die hinter mir saßen und jeden Atemzug und jede Bewegung von Mick mit Begeisterung aufsogen.
Es folgte der Song ´Tumbling Dice´. Danach der Song der leider schon verstorbenen Jazzlegende Ray Charles, ´Night Time Is The Right Time´. Jagger kündigte ihn als ˝Ein Blues˝ an.
Zu Beginn des Songs erschienen auf der Leinwand Fotos von Ray Charles.
Ronnie und Keith saßen vor den Drums und musizierten. Außergewöhnliche Gesangskünste zeigten hier ihre Backgroundsänger. Besonders hervorzuheben ist eine von ihnen, die einzige Frau auf der Bühne. Die dunkelhäutige Schönheit Lisa Fisher hat mich mit ihrer unglaublichen Stimme und Energie total begeistert.
Es folgte die Vorstellung der Begleitgruppe und der Band. Die Begleitgruppe besteht aus drei Backgroundsängern, einer Bläsersektion (4 Musiker), einem Keyboarder und einem Bassisten.
Und natürlich Ron Wood, Keith Richards, Charlie Watts und Jagger.
Während die anderen Musiker fröhlich auf der Bühne winken, ist es interessant, wie schüchtern Stones-Drummer Charlie ist, den Keith an der Hand nach vorne führte, um ihn dem Publikum zu zeigen, doch er flitzte schnell zurück in den sicheren Schutz seiner Drums.
Jetzt übernahm Keith die Bühne und spielte zwei Songs. ´This Place is Empty´ und ´Before They Make Me Run´.
Ein sehr herzlicher Auftritt des Gitarristen, der sich offenbar von seinem jüngsten Unfall erholt hat. Mit seinem erzählenden Bluesstil und dem dirrty Sound wirkte er richtig keithig. Daneben kokettierte Ron mit Gitarre und Zigarette im Mund.
Es folgte Micks glänzendes Comeback in einer richtig tollen violetten Jacke im Baseball-Stil (am Kommentar zu seinen Klamotten komme ich einfach nicht vorbei) und der Superhit ´Miss You´. Mick, Keith, Ron und der Keyboarder versammelten sich um Charlie, dann setzte sich die Bühne in Richtung Publikum in Bewegung. Gegen Ende des Songs blieb die Bühne stehen und ermöglichte den Besuchern der hinteren Reihen eine Begegnung der nahen Art mit den Stones. Und auch uns auf den Tribünen eröffnete sich ein etwas näherer Blick auf die Band.
Auf der kleinen Bühne spielten sie dann ´Rough Justice´. Es folgte ´Start Me Up´. Und da explodierte das Publikum wirklich vor Begeisterung. Die Stimmung wurde fantastisch, verrückt.
Während des nächsten Songs ´Honky Tonk Woman´ tauchte im Hintergrund der Hauptbühne eine gigantische aufgeblasene Zunge auf, die sich nach dem Song wieder zurückzog, und auch die Bandmitglieder bewegten sich zurück Richtung Bühne.
Nach ein paar Minuten färbte sich die Bühne rot, und auf den Bildschirmen erschienen Schlangenmuster. Sofort war klar, welcher Song als Nächstes kommt. Mick im roten Mantel und mit Hut auf dem Kopf. An beiden Seiten der Bühne zündeten Raketen, und als zusätzliches teuflisches Zuckerl gab es einen Ausbruch von Feuerzungen über der Bühne, die das ganze Stadion aufheizten.
Definitiv eine sehr spektakuläre Version von ´Sympathy For The Devil´, auf die der ebenso spektakuläre ´Paint It Black´ folgte. Diesmal wurde die Bühne von dunkleren Lichtern umspült, und die Lichteffekte kamen von weißen Scheinwerfern, die im Rhythmus der Musik aufflammten.
Es folgte noch ein Hit (die Rolling Stones wissen, wie man das Publikum begeistert), und zwar Brown Sugar.
Die Jungs verließen die Bühne mit ˝Guter Nacht˝.
Ein paar Minuten später spielten sie als Zugabe zuerst ´You Can´t Always Get What You Want´.
Dann sagte Mick so was Ähnliches wie: ˝You seid die fantastiche publikum˝.
Darauf folgte als Abschluss ´Satisfaction´ – eine gute Wahl fürs Ende. Jetzt waren auch alle Tribünen auf den Beinen (bis auf ein paar offensichtlich gelähmte VIPs), und das ganze Stadion drehte gemeinsam mit den Stones durch. Diese letzten Minuten wirkten wie der Höhepunkt des Abends. Begeisterung, Klatschen, Kreischen…
Leider hat alles Schöne mal ein Ende, und so verließen auch die Rolling Stones nach einer gemeinsamen Verabschiedung, nach dem Werfen von Drumsticks und Plektren die Bühne und das 50.000-köpfige Publikum. Trotz Pfeifen, Rufen und Klatschen bekamen wir nur noch ein paar Leuchtraketen und nicht zuletzt ein irre gutes Konzert, das man nicht einfach so vergisst.
Es ist schwer, ein derart phänomenales Ereignis zu beschreiben – man muss es einfach erleben.
Die alten Hasen der Musikszene haben uns in solcher Perfektion (perfekter Sound, starke Lightshow und Videoprojektionen…) und mit so viel Energie eine wirklich unvergessliche Erinnerung an diesen Abend hinterlassen.
Am besten schließe ich mit dem überaus passenden Titel eines ihrer Songs.
˝Till the Next Goodbye˝.
Setlist
1. Jumping Jack Flash
2. It’s Only Rock’n Roll
3. Oh No Not You Again
4. Let’s Spend The Night Together
5. Rain Fall Down
6. She’s So Cold
7. Streets Of Love
8. As Tears Go By
9. Tumbling Dice
10. Night Time Is The Right Time
11. Band’s introduction
12. This Place Is Empty (Gesang: Keith)
13. Before They Make Me Run (Gesang: Keith)
14. Miss You (kleine Bühne)
15. Rough Justice
16. Start Me Up
17. Honky Tonk Women (Hauptbühne)
18. Sympathy For The Devil
19. Paint It Black
20. Brown Sugar
—Zugabe—
21. You Can’t Always Get What You Want
22. Satisfaction
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