Ten Years After haben in Postojna klargemacht: Zum alten Eisen gehören sie noch lange nicht (2006)
Ort: Postojna Blues Festival, Slowenien
Datum des Konzerts: 26.05.2006
Besucherzahl: 700
Ticketpreis: 3.490,00 SIT
Dieser gekürzte Bericht ist Teil der Reportage, die im Beitrag Postojna Blues Festival 2006 enthalten ist, den du hier komplett nachlesen kannst. Hier steht er extra für sich, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass es sich um den Auftritt einer Band handelt, die in Europa und Nordamerika Legendenstatus hat und sich dort schon vor langer Zeit den Ruf erarbeitet hat, anerkannt und verdienstvoll für die Entwicklung der vielen Gesichter des Phänomens Rockmusik zu sein. Bedenkt man, dass wir Slowenen nun mal kein richtiges Rock-Bewusstsein haben, ist der Auftritt von Ten Years After für uns ein ganz besonders wichtiges Ereignis und eine Ehre der besonderen Art.
Ten Years After sind genau die, ja, genau die, die in der zweiten Hälfte der Sechziger auftauchten, als der „White Blues“ auf britischem Boden langsam unterging. Die Band dehnte diesen Begriff so weit, dass sie ihn damals populär machte beziehungsweise mit einer Heavy-Riff-Rock-Attitüde bereicherte – kurz, eine Band, die definitiv unentdeckte Sphären der Rockmusik erschloss und den „Blues Rock“ wieder in den Fokus der Massen zurückbrachte. Alvin Lee ist für Ten Years After heute Vergangenheit. Das heißt aber nicht, dass Ten Years After den Ruf eingebüßt hätten, den sie sich über die Jahre mit diesem großen Gitarristen erarbeitet haben, der Ausdruck und Entwicklung von Ten Years After so schicksalhaft geprägt hat. Ten Years After kamen 2002 auf wundersame Weise zurück unter die Lebenden, als sich ihnen der „Monster Guitarist“ anschloss, wie ihn der legendäre Bassist Leo Lyons gern vorstellt: Joe Gooch. Gooch ist etwa halb so alt wie seine drei Mitstreiter, die alle langsam auf die Siebzig zugehen. Das Schicksal wollte es, dass Ten Years After zurückkehren. Gooch hat es geschafft, nicht nur in die großen Schuhe von Alvin Lee zu schlüpfen, sondern auch frischen Wind hineinzubringen und die Band mit innovativen Veränderungen „auf ihre alten Tage“ weiter voranzutreiben. Er kopiert Alvin schlicht weder beim Gesang noch versucht er, dessen unvergessliche Soli eins zu eins nachzuspielen. Gooch ist sein eigener Gitarrist, dem die musikalische Ten-Years-After-Formel gleichzeitig perfekt passt. Das Zusammentreffen der Band mit Gooch war im Grunde das Zusammentreffen von Schlüssel und Schloss. Ten Years After konnten da weitermachen, wo sie mit Alvin Lee aufgehört hatten, und sich zugleich evolutionär weiterentwickeln. Das beweist auf jeden Fall das hervorragende Studioalbum „Now“, und die ungläubigen Thomasse wird das Doppel-Livealbum „Roadworks“ zum Schweigen bringen, das letztes Jahr erschien und auf dem sie nach Herzenslust die Unterschiede zwischen Alvin und Joe analysieren können. Bei mir persönlich hat sich dieser Vergleich am Ende immer auf beiden Seiten der Gleichung aufgehoben.
Jedenfalls sprang das Publikum auf, als die Herren auf die Bühne kamen, und bereitete ihnen einen donnernden Empfang. Endlich sammelten sich die Leute in dem Bereich zwischen Stühlen und Bühne, der dafür schon viel früher gedacht war. Der bekannte galoppierende Rhythmus? Working On The Road, und los ging’s! Der Anblick war unglaublich ermutigend. Die Legenden waren sichtlich gut aufgelegt. Allen voran Leo Lyons – wo nimmt dieser Mann nur so viel positive Laune und Energie her? Das ganze Konzert über war er wie in Trance, riss hingebungsvoll an den Basssaiten und tobte verbissen, als würden Ten Years After gerade erst zu ihrer allerersten Konzerttour der Karriere aufbrechen und nicht zu einer von vielen, die sie heute längst routiniert abspulen. Lyons stand unter Strom wie der Teufel, ein Beweis dafür, wie hungrig die Jungs auf eine konkrete feste Besetzung waren und darauf, die Agonie der Pattsituation zu beenden, in die sie die Tatsache gestürzt hatte, dass sie bis 2002 keinen Ersatz für Alvin Lee hatten.
Gooch faszinierte mit enormem Selbstbewusstsein, Korrektheit und Souveränität. Dabei steckt in seinem Spiel nicht ein Fünkchen Starallüren, die er sich bei der geschätzten Reputation der Jungs letztlich sogar hätte leisten können, auch wenn das andererseits abstoßend und geschmacklos gewesen wäre! Er ist ein explosiver und dynamischer Gitarrenzauberer, der für seine Rolle geboren ist. Mit King Of The Blues goss die Band noch Öl ins Feuer. Hear Me Calling ist ein Klassiker, dem Joe im Schlussteil eine nie zuvor gehörte Zeile verpasste: „Then I’ll be leaving this town“. Dazu machte Chick Churchill mit einem Orgelsolo auf sich aufmerksam und würzte den Song schön. Die Jungs feuerten das bekannte freche Motiv des Songs ab, der zu ihrem eisernen Repertoire gehört: Good Morning Little School Girl vom Album „Ssssh“ (1969). Es folgte ein hervorragendes „Slow-Blues“-Abenteuer mit Angry Words. Dabei handelt es sich um eine Coverversion, deren Originalinterpreten ich leider nicht kenne. Danach legten sie wieder voll los, mit dem hüpfenden, „torpedierten Rock-Riff“-Song Big Black 45, einem Stück der Band Kick, bei der Gooch spielte, bevor er zu Ten Years After kam. Es folgte ein etwas verkürztes The Hobbit im Vergleich zu den Versionen aus den Siebzigern. Hier kam Ric Lee auf seine guten sieben Minuten und den bekannten Solopart, in dem er einen richtigen Krawall veranstaltete. Vielleicht ist Ric von seinem Repertoire her nicht gerade der passende Schlagzeuger für einen Solopart, denn sein Repertoire ist nicht so besonders und zum Himmel schreiend eigenwillig, dass es tiefer beeindrucken könnte, auch wenn der Kerl definitiv heute besser ist denn je. Aber The Hobbit ist über die Jahre legendär geworden, und auf der Setlist darf der Song schon um Rics willen nicht fehlen. Damit das Konzert nichts von seiner Dynamik verlor, sorgte im Anschluss Love Like A Man mit dem altbekannten, immergrünen Hauptgitarrenmotiv. Unglaublich, wie genau am Original, doch das Solo hat Gooch auf seine Art umgekrempelt. Auf seine Art, aber großartig innerhalb der Spanne, die Ten Years After ausmacht, hineingelebt, leidenschaftlich und mit vollem Einsatz. Dieser Song war die Ankündigung, dass sich das Konzert steigert. Danach kam das fantastische I’d Love To Change The World, ein klassisch „rockig“ orientierter Song mit hervorragendem „Soloing“ von Joe Gooch durch den Instrumentalmittelteil. Überhaupt ist der Song etwas Besonderes geworden, denn die heutigen Ten Years After spielen ihn so, dass Gooch den ersten Teil auf der Akustikgitarre beginnt und darüber den kernigen Rhythmus vorgibt. Das ist ein Song, in dem die Atmosphäre ständig wächst, sich von Runde zu Runde steigert und am Ende im Ausklang ganz unschuldig endet beziehungsweise zur Ruhe kommt. Die Stimmung rief mir Stairway To Heaven (Led Zeppelin) in Erinnerung, nur die Stimmung. Es folgte wieder ein Song vom aktuellen Studioalbum („Now“, 2004), Time To Kill, und danach der Höhepunkt des Abends mit I Can’t Keep From Crying Sometimes, dem längsten Stück des Abends, mit einem „Rock-Riff“-Medley im zweiten Teil, bei dem die Köpfe des Publikums ganz besonders unaufhaltsam kreisten. Da zündete sich Chick Churchill seine wohlverdiente „Fluppe“ an und „spazierte“ auf der Bühne auf und ab, während er wartete, dass sich Lyons und Gooch bis zum Ende austoben. In das Medley klassischer „Rock-Riffs“ bauten sie neuerdings auch Smoke On The Water ein. Auf jeden Fall war das die Ankündigung der abschließenden Sause. Die Rede ist natürlich von ihrem Woodstock-Knaller I’m Going Home! Das Feiern wollte und wollte kein Ende nehmen. Die Band genoss es auf der Bühne unglaublich. Uhr: 00:20, Schluss! Die Leute wollen mehr! Natürlich kommen die Legenden zurück und „zünden“ mit voller Wucht noch einmal, diesmal gleich in der Zugabe mit dem „Now“-Song (2004) Reasons Why, auf den noch so ein Streich folgte, diesmal ein Dauerbrenner ihrer Auftritte, Choo Choo Mamma! Nach zwei Stunden war der Spaß mit Ten Years After vorbei.
Sie wirken schlicht unverwüstlich. Auch nach 4 Jahrzehnten. Alle Klassiker wurden bravourös gespielt, mit genau der richtigen Portion Begeisterung, die keineswegs verblasst ist. Ten Years After sind lebende Legenden, verdammt lebendig. Gooch, ein technisch hervorragend ausgebildeter Gitarrist, faszinierte mit seiner verdammten Geschwindigkeit, die geradezu vernichtend überschallschnell war, und mit seiner Hingabe an das große Erbe der Band. Gesanglich glänzte er, mit der richtigen Note, die der Blues-Rock-Ansatz verlangt. Er kann überzeugend roh explodieren oder ruhigere Passagen mit raffiniertem Gefühl souverän führen. Also ein Musiker, der mit der Seltenheit bewaffnet ist, entschieden und effektiv zu singen und dabei gleichzeitig die Saiten zu malträtieren, als wäre er in Trance. Ten Years After zeigten sich dem Publikum gegenüber von ihrer äußerst korrekten Seite, nämlich von ihrer Gentleman-Seite, die sie als Briten eben beherrschen. Nach dem Konzert tauchten sie nämlich am Stand auf, an dem ihre Merchandise-Artikel verkauft wurden. Dort gaben sie Autogramme. Joe, Leo und Ric waren redselig und bestens gelaunt, während der sichtlich mitgenommene Chick wegen seines tieferen Flirts mit alkoholischen Substanzen vor allem den Vertreterinnen des zarteren Geschlechts seine Aufmerksamkeit widmete.
Setlist
1. Working On The Road
2. King Of The Blues
3. Hear Me Calling
4. Good Morning Little Schoolgirl
5. Angry Words
6. Big Black 45
7. The Hobbit
8. Love Like A Man
9. I’d Love To Change The World
10. Time To Kill
11. I Can’t Keep From Crying Sometimes
12. I’m Going Home
—-Zugabe—-
13. Reasons Why
14. Choo Choo Mamma
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