`Erinnert ihr euch noch, Genossen? (Konzertgeschichten aus verstaubten Archiven)` – U.D.O. in Ljubljana (2004)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / VPK Mediapark / Slowenien
Konzertdatum: 24.05.2004
Besucherzahl: 200
Ticketpreis: 4.500,00SIT

Es war halb acht abends, und die Leute schenkten dem Bier und den übrigen alkoholischen Erzeugnissen vor der Halle immer noch mehr Aufmerksamkeit als dem, was drinnen ablief. Kurz nach acht legten Majesty los. Die Halle ziemlich traurig ausgehöhlt, und Majesty starteten ihre Show vor ca. 24, vielleicht 31 Zuschauern, von denen vier in der ersten Reihe sogar wild herumwedelten. Majesty sind eine bescheidene Truppe, na klar, denn sie gaben sich schnell mit so einer Publikumsreaktion zufrieden. Die Jungs behaupteten auf der Bühne allerdings, sie spielten „true“ Metal. Und was soll das ihrer Meinung nach sein? Vielleicht hundertprozentiges Nachäffen von Manowar? Natürlich mit etwas mehr Melodiösem, vor allem wegen der häufigeren Einsprengsel von Terzharmonien und schablonenhaft eingerahmter Gitarrensoli, die brav abgenutzten Tonleitern folgen. Extrem vorhersehbare Jungs. Ein weiterer Beweis dafür, dass eine Kopie, so technisch versiert die Musiker auch sein mögen, was Majesty zweifellos sind, einfach nicht überzeugen kann. Denn sich nur in dem Rahmen zu bewegen, den Manowar mit ihrem unverwechselbaren Stil abgesteckt haben, reicht nicht. Es kettet dich eben an eine Art mittelmäßige Traurigkeit, die in der Metal-Gemeinde ziemlich schnell in Vergessenheit gerät. Majesty gingen äußerst korrekt ran, gaben sich maximal Mühe und boten als Vorband einen beneidenswert guten Sound. Ein dynamischer, eingespielter und ausgefeilter Auftritt voller metallischer Kampfhymnen, auf Niveau, mir fehlen die Worte. Die Jungs waren begeistert vom wachsenden Publikum und von der dadurch immer lauteren Resonanz während ihres Auftritts, sodass der Drummer nach dem Konzert sogar drei Drumsticks unters Volk brachte. Ähnliche Eindrücke überkamen mich bei den Schweizern Crystal Ball, die nach Majesty zu den Klängen von eingespieltem, authentisch alpinem Jodeln auf die Bühne „reingeschaukelt“ kamen. Es ist nicht lange her, dass der ursprüngliche Gitarrist die Band verlassen hat, weshalb sich einer der beiden Gitarristen auch an die Keyboards machte. Die freie Stelle füllte er schön aus, und im Sound sowie in der Qualität der Performance fehlte der Band nichts, nichts machte Probleme. Diese Jungs verbinden Hardrock-Griffe der Siebziger, vor allem wegen der typisch „hammondigen“ Keyboard-Linien. Dazu kommen natürlich klassische Metal-Riffs, durchaus ausdrucksstark, die sich im durchschnittlichen Gehirnprozessor des modernen Menschen der Gattung Homo schnell einprägen, aber hundertmal durchgekaut sind. Das Ergebnis: Crystal Ball klangen manchmal wie eine Annäherung an so etwas wie Pretty Maids, kurz danach wie Pink Cream 69, wobei es oft nach echten Schminke-Glam-Metal-Griffen duftete. Überhaupt kam ein schockierender Genresprung, als der Keyboarder zur Rhythmusgitarre griff, denn der Song Lay Dawn The Law (während des Konzerts merkte ich mir sogar den Namen, weil ihn der Sänger vor der Aufführung dieses Songs mindestens fünfmal wiederholte) basierte auf einem Galopp durch ein einfaches, klassisch „offenes“ Riff, was bedeutete, dass Crystal Ball für einen Moment versuchten, in die Haut der guten alten Accept oder gar Judas Priest zu schlüpfen. Und der Songtitel ist auch noch identisch mit dem auf dem U.D.O.-Debüt namens „Animal House“ (1987). Na ja. Sehr langweilig. Aber das Publikum war sehr korrekt, genau wie die Band selbst, die natürlich voll zur Sache ging, ebenfalls erstklassigen Sound lieferte, und man sah, dass sie ein Häuflein Hitzköpfe effektiv aufheizte, während wir übrigen, „alles Schlimme gewohnt“, aus vorsichtiger Entfernung höflich von der Seite zusahen. Das Aufwärmen des Publikums vor U.D.O. gelang durchaus, überhaupt gewannen Crystal Ball Sympathien, denn der Sänger sprach das Publikum auch auf Slowenisch an. Und zwar nicht nur mit „Hvala“, sondern er hatte ein paar schwierigere, ausgefeilte Sätze gelernt, die er für einen gebürtigen Germanen auch sehr schön aussprach. Na klar hatte er die slowenischen Ansprachen auf einem Zettelchen stehen. Der Auftritt in der Halle VPK bedeutete bei uns sowohl für Crystal Ball als auch für Majesty den letzten Konzerttermin der Thunderball World Tour.

Es war so ungefähr zehn Uhr, als der eingespielte James-Bond-Intro-Sound ertönte und U.D.O. sich vor dem Publikum aufbauten, natürlich sofort mit den glühenden Thunderball und Bullet And The Bomb vom aktuellen Studioalbum „Thunderball“ (2004) loslegten. Der standhafte Bandleader Udo Dirkschneider, sympathischer Onkel, ungezähmtes Metal-Herz, echter Metal-Guru und Legende, der in den Achtzigern mit den berüchtigten Accept Bühnen in aller Welt füllte, hat so mit U.D.O. das ganze legitime Erbe der genannten Giganten angetreten. Die Halle strahlte eine etwas deutlichere Leere aus, verglichen mit meiner Erfahrung mit Grave Digger im Januar dieses Jahres. Es drängten sich „nach meinem bescheidenen Auge“ zwischen 249 und 308 Leute. Neben mir standen vier „geile“ Typen, die ganze neun Stunden aus Split hergegurkt sind, um U.D.O. zu sehen. Die niedrige Beteiligung ist offenbar der schlechteren Medienkampagne in Slowenien geschuldet, was die Präsenz der Band auf der Metal-Szene überhaupt betrifft, denn für AFM Records gibt es in Slowenien gar keinen Vertrieb. Ich selbst bin sogar zum ersten Mal im Leben zu einem Konzert gekommen, um eine Band zu hören, deren aktuelles Studioalbum ich vorher noch gar nicht gehört hatte. Angeblich sollen ja die Portokosten aus dem Ausland jetzt nach Sloweniens EU-Beitritt drastisch sinken (so versprechen es die Medien), bis zu 70’%. So können wir künftig die gewünschte Musik zum selben Preis schön übers Internet bestellen und die bestellte Ware wenigstens mit Sicherheit in absehbarer Zeit auch bekommen. Natürlich nur die, die mit dem Brennen von CDs und dem „Downloaden“ nichts am Hut haben.

Ojemine, oje und nochmal oje! Jetzt bin ich schon wieder viel zu weit vom Weg abgekommen. Nachdem Udo den glänzenden „Thunderball“-Umhang abgelegt hatte und in Militärmontur auf die Bühne zurückgekehrt war, brodelte es in der Halle zum ersten Mal lauter, denn U.D.O. feuerten zunächst den großartigen Accept-Klassiker Metal Heart („Metal Heart“, 1985) ab. Der erste Teil der Show war gemischt (Accept- und U.D.O.-Zeug).

„All right! Thank you! This is a track from our Solid album, called Independence Day!“, wandte sich Onkel Udo zum ersten Mal etwas ernsthafter ans Publikum. Einer meiner persönlichen U.D.O.-Lieblingssongs beruhigte die erhitzten Köpfe in den ersten Reihen leicht, hob aber mit seinem mittelschnellen Tempo und dem melancholischen, fantastisch gebauten epischen Refrain die Atmosphäre auf ein noch höheres Niveau. Vor allem warte ich in diesem Song immer auf den Moment, in dem Udo zu dem Teil der Strophe durchbricht, den er geschmackvoll mit einem scharfen „R-r-r-r-obotic r-r-age…“ betont. Was für ein Feuer in der Halle aufloderte, was für ein Lärm! Nicht nur meine Hose zitterte, sondern auch alles darin, einschließlich aller lebenswichtigen Organe. Was für ein Gedröhne, was für ein urtümlicher Metal-Sound. So etwas zaubern live wirklich nur die Größten. Was für eine Metal-Droge!

Igor Gianola und der legendäre Stefan Kaufmann sind der Tradition verschworen, deshalb spielen sie klassische Gibson-E-Gitarren. Gianola die Modelle LP und Flyin‘ V, Kaufmann dagegen durchweg Explorer. Nur beim halbakustischen Intro der orgasmischen Accept-Schönheit Neon Nights griff Kaufmann auch zu einer Fender Stratocaster. Der Sound? Was für eine Magie! Das ist es. Selbstvertrauen, Religion, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, dem eigenen Willen, der eigenen Vision. Keine Chance, dass die irgendetwas bricht. Die Band griff Slowenien aus allen Positionen an, mit allem erdenklichen Feuer. Fehlerfrei, durchweg auf außerordentlichem Niveau, durchweg der Musik, der Menge und sich selbst ergeben. Blietzkrieg on Slovenia!

Der erste Teil endete mit einem Drumsolo. Davor muss ich die Aufführung des Songs Blind Eyes („Thunderball“, 2004) hervorheben. Auch wenn ich das neue Album noch nicht habe, zauberten U.D.O. mit diesem etwas weniger lauten Song eine außergewöhnliche Stimmung, vor allem pulsierte darin mit unglaublicher Intensität Fittys Rickenbacker-Basslinie. Ein toller Kontrast zwischen der Rhythmuslinie und Udos einzigartiger Gesangssirene strahlte voll, während das Geklimper beider Gitarren absichtlich in den Hintergrund gedrängt wurde.

Nach dem Drumsolo kamen U.D.O. zurück und reihten im zweiten Teil ihrer Show mit Ausnahme von Metal Eater („Timebomb“, 1991) nur Accept-Klassiker aneinander. Das Volk drehte durch bei Son Of A Bitch („Breaker“ 1983), Restless And Wild („Restless And Wild“, 1982), Up To The Limit („Metal Heart“, 1985), und unter all dem ragte eines der schönsten Accept-Meisterwerke heraus, Neon Nights („Restless And Wild“, 1982). Die Leute waren sichtlich zufrieden (was nicht hieß, dass sie auch begeistert waren), vor allem während des ganzen Accept-Erbes veranstalteten sie den wahren Teufelstanz und unterstützten die Band in den Refrains im Chor mit einer Stimme. U.D.O. gaben dem Volk diese Energie großzügig und selbstlos zurück.

Udo ist nicht nur eine außergewöhnlich charismatische Persönlichkeit, ohne die man sich die moderne Metal-Szene nicht vorstellen kann, er macht auch den Eindruck eines gutherzigen Onkels, der auf der Bühne nicht übermäßig gesprächig ist, doch die Energie, die der Kerl ausstrahlt, und sein Bühnenspiel sagen viel mehr über ihn aus. Udo schüttelte ständig Fans in den ersten Reihen die Hand, rannte über die Bühne von einem Bandmitglied zum anderen und feuerte sie wie ein erfahrener Meister unablässig an. U.D.O. wirkten so viel volksnäher, den Leuten noch näher (ähnlich echte und positive Gefühle zauberten auch Primal Fear letztes Jahr beim Rock Otočec), als z. B. im Januar in derselben Halle Grave Digger, bei denen man spürte, dass sie durchgehend zumindest einen leichten Hauch Distanz zum Publikum wahrten, auch wenn ich auch jetzt gleich den Hut vor dem Grave-Digger-Konzert ziehe. Ich will damit sagen, dass U.D.O. vor dem Publikum überhaupt kein Verstecken spielen. Auch vor kleinerem Publikum gingen sie mit voller Kraft ran.

Fünf Minuten bekam auch Igor, damit er sich mit seinem hingebungsvollen, phänomenalen Gitarrengefrickel konkret austoben konnte, wobei er seinem quietschenden Wah-Wah besondere Aufmerksamkeit widmete. Der Junge spielte äußerst locker und soloierte sich auf dem Konzert wirklich gründlich aus, denn er ist praktisch für fast alle Soli in der Band zuständig. Stefan bekam seinen Vorrang in diesem Element auf der Bühne nur beim Song Holy.

Der dritte Teil des regulären Teils der U.D.O.-Show bestand wieder aus einer Mischung von Accept- und U.D.O.-Songs. Er eröffnete mit Man And Machine („Man And Machine“, 2002), mit dem kybernetisch gekleideten Udo im Mittelpunkt. Ich hatte das Glück, links vom legendären Sänger in der ersten Reihe zu stehen, so konnte ich Details von Udos Outfit beobachten. Beim Design des Roboterkostüms halfen sich die Designer ziemlich gerissen. Sie verwendeten ein „Revell“-Plastikmodell eines Raumschiffs. Allen, die Plastikmodelle kleben, ist bekannt, dass die Bauteile des Modells am Gussrahmen hängen. Diese Rahmen haben die „sparsamen“ Deutschen, die Designer von Udos Outfit, nämlich einfallsreich ausgeschnitten und in verschiedenen Kombinationen auf das Kostüm geklebt, das Udo trug. So sah der Kerl auf der Bühne wirklich wie eine Kreuzung aus Roboter und Mensch aus, aus der elektronische Schaltkreise, Chips und Schläuche diverser Fragezeichen-Dinger hingen. Gleich danach setzte Udo seine Show, verkleidet als der bereits erwähnte desertierte Soldat, fort und glänzte mit seinem ohrenzerfetzenden Gekreische weiter mit unverminderter Intensität. Die Band legte noch einen Accept-Detonator nach, Balls To The Wall, und zwar ganz am Ende der Setlist des regulären Auftritts.

Während des letzten Songs wirkten U.D.O. so überzeugend und erzeugten in der Halle solche Magie, dass nach dem Ende, als sie die Bühne schon verlassen hatten, noch lange „ooooh-oooh-i“s im Saal nachhallten. Balls To The Wall war eine fantastische Aufnahme der Version vom U.D.O.-Livealbum „Nailed To Metal“ (2003). Er enthielt alles, was sich ein Metal-Fanatiker nur wünschen kann. An erster Stelle ein überaus arroganter, aufrührerischer Text, gehüllt in ein geniales, einfaches Grundriff, natürlich mit energischem „Auf drei-vier“-Refrain, der effektiv die Eier zermalmte und das Publikum so unterjochte. Besonders fantastisch war der Ausgang, der Schluss selbst von außerordentlicher Explosivität.

Dazu, dass die Stimmung in der Halle äußerst entspannt war, trug neben dem fanatischen Zugang und der Haltung der Band selbst auch der U.D.O.-Tourmanager bei, der kurz vor dem Auftritt der Band die gelb leuchtenden Ordner bat, sich aus der ersten Reihe zu entfernen, sodass während des Konzerts nur zwei an sichtbar störenden Stellen blieben. Einer ganz links außen und der andere ganz rechts außen, so wie es z. B. bei Konzerten im Planet Music in Wien üblich ist. Doch diese „Sicherheitsleute“ (es waren nicht nur zwei) griffen während des Konzerts ein paarmal brutal in die allgemeine Party ein und versuchten sie frustrierend zu ersticken. Dabei waren sie nicht wählerisch bei den Mitteln. Klar, ein Typ ging zu weit, als er mit seinem Bier die Verstärkeranlage begoss, aber deswegen musste man ihn nicht quer durch die ganze Halle über den Boden schleifen und dabei fast die Hälfte aller anderen platt machen. Ein ernsterer Fall „schweinischen“ Verhaltens des Sicherheitsdienstes ereignete sich direkt in der ersten Reihe nahe der Mitte. Neben mir drängelte sich so ein Jungchen (schon wieder neben mir, grrr…). Diesmal war das Ganze scheinbar völlig unschuldig. Und siehe da! Ein Gelber tauchte aus dem Nichts auf und packte den Jungen. Der reagierte im Schock natürlich defensiv und holte nach ihm aus. Und für den „Sicherheitsmann“ war diese Tat seines Opfers ein gefundenes Fressen, mit dem er die körperliche Entfernung des Unglücklichen aus der Halle rechtfertigen konnte. Muss man nicht extra erwähnen, dass der „Sicherheitsmann“ dabei nicht wählerisch in Art und Schlägen war, die er dem Armen auch auf den Kopf verpasste. Wären diese sogenannten „Sicherheitsleute“ je auf einem Mötorhead-Konzert gewesen, hätten sie wahrscheinlich versucht, das ganze Publikum aus der Halle zu werfen, denn sie haben noch nicht mal einen Schimmer davon, was die echte Hölle ist.

Es ist normal und gar nichts Besonderes, dass wir uns auf solchen Konzerten alle anrempeln. Wer steht denn schon still, wir sind ja nicht das Publikum eines weinenden Pavarotti, das gekünstelt von Stühlchen aus applaudiert. Gekünstelt, weil du in Opern und bei Jazzkonzerten zu 70% Leute triffst, die nur hingehen, um sich zu zeigen, und Musik und Künstler geistig gar nicht mitkriegen. Aber Hauptsache, sie haben Eintritt bezahlt. Und die gelben, raschelnden Uniformierten, die in der ersten Reihe ihren Lohn abholen wollten, können sich die Dinge auch nicht anders erklären, denn die Magie der Musik ist ihnen ein äußerst fremder Begriff. Das war’s, die Musikkultur in Slowenien ist auf extrem niedrigem Niveau. Aber bei so viel Enthusiasmus, wie ihn das diesjährige rockig gefärbte Konzertgeschehen bei uns bietet, können wir hoffen, dass sich auch diese Kultur auf das Niveau der westeuropäischen Länder erhebt.

Zurück zum Thema. Das Volk war in Ekstase, hypnotisiert sang die Halle die „oooh-oooh-e“ aus Balls To The Wall, die noch in den Ohren nachhallten. Auch als Kaufmann wieder auf die Bühne kam und das Intro zu Holy („Holy“, 1999) zu spielen begann, kümmerte sich das Publikum nicht groß darum und ließ sich im Gesang nicht stören. Als dann aber auch Udo mit dem Rest auf der Bühne erschien, erwachte auch das Volk aus dem hypnotischen Zustand. Udo war zu diesem Anlass als Pfarrer mit Sonnenbrille verkleidet. Hey, Wahnsinn! Zuerst dachte ich, auf der Bühne stünde Nosferatu, gespielt von Klaus Kinski. Überhaupt ist „Holy“ mein liebstes U.D.O.-Album, und ich verfiel in solchen Wahn, dass ich im Vers „raise your hands“ sogar versuchte, Udos Gesang nachzuahmen. Im Nu war meine Stimme weg. Die Hitze stieg erneut, U.D.O. schalteten „einen Gang höher“ mit den Accept-Klassikern I’m A Rebel („I’m A Rebel“, 1980) und dem lautesten, ähm, um nicht zu sagen irrsten, kurz, einem Song aus lauter Superlativen, einer Lektion in echter Metal-Aggression, Lärm und unaufhaltsamer Wut, dem schnellsten Song der Setlist, Fast As A Shark („Restless And Wild“, 1982). U.D.O. verabschiedeten sich zum zweiten Mal, das Volk aber blieb hartnäckig und bekam noch eine zweite Zugabe. Die Band blieb bei dem erwähnten Accept-Album und begann die zweite Zugabe mit dem mittelschnellen, obskuren, aber epischen Princess Of The Dawn, den U.D.O. in der Version spielten, die auf ihrem Livealbum „Nailed To Metal“ (2003) zu finden ist. Mit einem Wort: erstklassig! Die Überraschung zum Schluss war zweifellos die Aufnahme des Songs Burning, den U.D.O. bei den März- und April-Konzerten ihrer Thunderball World Tour nicht in die Setlist genommen hatten. Udo fragt die Anwesenden: „Do you want us to play another one?“ Die Antwort war ein gewaltiges „Yeah!!!“, worauf Udo mit der Hand abwinkt und meint: „Ihr seid ja unmöglich, habt ihr immer noch nicht genug?“ und weitermacht: „All right Ljubljana! Are you ready to rock? Are you ready to roll?“ Und so hallte noch ein Accept-Klassiker in die Nacht hinaus, der dieses phänomenale, unvergessliche Ereignis der Wiederbelebung der Accept-Magie, das gute zwei Stunden dauerte, abrundete. Den Leuten drehte es völlig die Birne. Dass das slowenische Metal-Publikum keine Grenzen kennt, bezeugen ein paar kräftige Kratzer, die ich mir während des Konzerts als Andenken geholt habe. Ein paarmal wären mir fast die Eier plattgedrückt worden, weil Maniacs von hinten in die erste Reihe krachten. Am Hals war ich ganz zerschnitten, weil sich nach dem Konzert so ein Irrer über mich streckte in der Hoffnung, ein Plektrum zu ergattern, vom lädierten Ellbogen ganz zu schweigen. Ein Metal-Konzert in Slowenien zu überleben wird für mich offenbar von Jahr zu Jahr zur härteren Prüfung. Du reist fast um die halbe Welt und gerätst in allerlei wilde Situationen, alles läuft ständig ohne Probleme, und dann passiert dir so eine „Scheiße“ ausgerechnet auf einem Konzert in Slowenien. Während des Grave-Digger-Konzerts hat mir z. B. so ein Kretin auf dem Parkplatz vor der Halle das vordere Nummernschild vom Auto abgerissen. Diesmal bin ich dafür mit einem ganzen Haufen Schürfwunden nach Hause gegangen.

U.D.O. verbargen ihre Zufriedenheit über die Reaktion des Publikums nicht, bedankten sich aufrichtig und versprachen, wiederzukommen. Die Band wirkt stärker denn je. Wie ich schon in einer meiner Rezensionen schrieb und was längst keine besondere Neuigkeit mehr ist, haben U.D.O. nicht nur den einzigartigen Accept-Stil geerbt, sondern ihn mit ihrer Existenz und Großartigkeit in jeder Hinsicht ausgebaut. U.D.O. bekamen mit der Integration von Stefan Kaufmann (der spielte in den Achtzigern bei Accept Schlagzeug, bei U.D.O. ist er jetzt Gitarrist) in die Band auf dem Album „Solid“ (1997) ein festes Gespann Dirkschneider/Kaufmann, das beim Schreiben von Musik und Texten perfekt funktioniert. Ist Gianola in der Band der Meister des Soloierens, so ist Kaufmann der Meister darin, phänomenale klassische Metal-Riffs zu setzen, bei denen man sich am liebsten den Schädel zerlegen möchte. So sind U.D.O., die seit etwa „Holy“ (1999) ständig Probleme mit der Stabilität ihrer Besetzung hatten, in sich stimmig, und die aktuelle Besetzung wirkt wirklich unübertroffen, sowohl auf der Bühne als auch beim Komponieren des Materials selbst.

Und zu guter Letzt erlaubt mir, diese „Reportage“ noch ein bisschen mehr zu sensationalisieren! Es stellt sich nämlich eine abschließende rhetorische Frage. Wenn sich Majesty damit brüsteten, „true Metal“ zu spielen, was sind dann U.D.O.? Vielleicht „real Metal“ oder gar „correct Metal“? Persönlich bin ich gegen die Verwendung des Wortes „true“ im musikalischen Genresinn sehr allergisch. Für jeden einzelnen Musikliebhaber ist „true“ nämlich genau das, was ihn in der Musik und im gegebenen Moment am meisten anzieht und begeistert. Und darüber, was „true“ ist, kann nur jeder für sich selbst und nur für sich urteilen. Von selbstgekrönten „Kings of Metal“ habe ich die Schnauze voll! Sind das etwa die verpufften Manowar, gehüllt in lächerliche Felle pleistozäner Ziegen? Hm, na ja, ich will nichts sagen, andererseits sind Majesty sicher sehr ambitioniert. Sie schmückten sich mit dem Wort „true Metal“, und das vor einem „Headliner“ wie U.D.O., das ist ganz sicher nicht ohne.

Setlist

Majesty:
01. Reign In Glory
02. Hail To Majesty
03. Into The Stadiums
04. Heavy Metal Battlecry
05. Sword & Sorcery
06. Keep It True
07. Metal To The Metalheads

Crystal Ball:
01. Hellvetia
02. Forever And Eternally
03. Lay Down The Law
04. My Life
05. Opposites Attract
06. Savage Mind
07. Soulmate
08. Dance With The Devil
09. Private Visitor

U.D.O.:
01. Thunderball
02. The Bullet And The Bomb
03. Metal Heart
04. Independence Day
05. Pull The Trigger
06. Living For Tonite
07. Love Child
08. Blind Eyes
09. Drum solo
10. Metal Eater
11. Neon Nights
12. Son Of A Bitch
13. Restless And Wild
14. Guitar solo
15. Midnight Highway
16. Up To The Limit
17. Man And Machine
18. Animal House
19. Balls To The Wall
—erste Zugabe—
20. Holy
21. I’m A Rebel
22. Fast As A Shark
—zweite Zugabe—
23. Princess Of The Dawn
24. Burning

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