Gotthard erteilten den Slowenen eine erstklassige Lektion in reinrassigem Hard Rock (2005)

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Ort: Ljubljana (Slowenien), VPK Mediapark
Konzertdatum: 11.11.2005
Besucherzahl: 100
Ticketpreis: 4.000,00SIT

20:00 Uhr, wir sind in der Halle, draußen ist es neblig und brrrrr,…. Schnell ein Bier holen, damit wir in die Rocker-Atmosphäre eintauchen. Ha, ha! Die Halle ist ja fast leer. Um 20:15 stürmen die Jungs von Heat aus Izola die Bühne. Was kriegst du, wenn du Steven Tyler mit Fabio Lione (Rhapsody) kreuzt? Zlatko Zahovič „glavom i bradom“. Naja, nicht ganz, sondern den Sänger von Heat! Die Jungs von der echten Hard-Rock-Schule haben uns bis 21:00 schön eingeheizt. Das Publikum haben sie mit Klassikern angefeuert, die nicht aus ihrer eigenen Feder stammen, aber man merkt, dass sie im Nachspielen zu Hause sind. Ihre Show haben sie eröffnet! Sehr mutig! Gleich mit Billy Idol, weiter ging’s mit Nirvana, dann haben sich auch Thin Lizzy und Guns’n Roses in die Setlist geschlichen, und das Konzert haben sie mit Steppenwolf beendet, den Hit muss man gar nicht erst erwähnen (geboren, um wild zu sein). Dazwischen haben sie ein paar eigene Nummern eingestreut, die ausgesprochen überzeugend rüberkamen. Die Jungs wissen, wie man einen Riff baut und einen Song in die schöne Hard-Rock-Schablone eines melodischen Schubs steckt, der sofort zündet. Besonders begeistert hat der Gitarrist mit dem Gibson Les Paul. Der Gitarrensound war genau richtig. Sauber, knackig, warm, richtig „gibsonmäßig“. Der „Kleine“ hat mit dem erstklassig nachgespielten Slash-Solo in Sweet Child O’Mine alles verbrannt. Heat sind eine schöne Überraschung in der Szene und füllen schön die Lücke der slowenischen Szene, denn echte Hard-Rock-Bands und Bands mit AOR-Elementen gibt es in Slowenien praktisch nicht. Jungs! Weiter so, es gab ein paar Patzer, vor allem beim gemeinsamen Gesang, und auch in den „sauberen“ Melodien hat sich ein überflüssiger Halbton eingeschlichen. Vielleicht passt es zur Band nicht ganz, Enter Sandman (Metallica) zu spielen, den sie auch im Repertoire hatten. Das Image, die Stimmung, das Spiel, oder besser gesagt, die Chemie, die die Band ausstrahlt, ist nicht für allzu wütende, aggressive Songs gemacht, auch wenn sie ihn technisch völlig korrekt heruntergerattert haben. Aber für Metallica musst du verdammt wütend sein, damit ihre Songs in ihrer wahren Gestalt zum Leben erwachen.

Gotthard! Bis 22:00 haben wir gewartet. Die Originalmitglieder Sänger Steve Lee und Gitarrist Leo Leoni, dazu Gitarrist Freddy Scherer, Schlagzeuger Hena Habegger und Bassist Marc Lynn, auf der Tour ausgestattet mit einem „Bonus“-Keyboarder, dessen Namen ich leider nicht herausfinden konnte. Der Sound war während des ganzen Konzerts ausgezeichnet. Anfangs war die rechte Gitarre etwas unentschlossen zu hören, aber bald war alles okay. Gotthard sind inzwischen, könnte man sagen, legendäre Schweizer Hardrocker, die es raushaben, einen Song so zusammenzubauen, dass er reinhaut wie sonst was! Also Adrenalin und Vollgas bis zum Schluss! Wirklich, Musik mit prall gespannten Eiern, bei der du nicht als normal giltst, wenn du zu ihrem Rhythmus stillstehst. Die Band eröffnete das Konzert gleich mit den ersten beiden Stücken vom neuen Album „Lipservice“, das während des Konzerts sehr gewissenhaft vertreten war, und zwar mit lauter hervorragend ausgewählten Nummern. Eine aufgedrehte Basslinie, dazu Schlagzeug-Gedonner im mittleren Tempo, das ist der Kern der edlen Hitze, die die Halle erfasst hat. Die Band ließ sich von der mehr als halb leeren Halle nicht aus dem Konzept bringen. Zur großen Überraschung ging es bei ca. 50 Leuten entlang des Absperrgitters vor der Bühne in den ersten Reihen ziemlich ordentlich ab, und sie machten die ganze Zeit hochgradig verbissen mit der Band mit. Schuld daran ist natürlich in erster Linie der charismatische Sänger Steve Lee, den eine außergewöhnliche Bühnenpräsenz und ein ungeheuer lebendiger Vortrag der Gotthard-Poesie auszeichnen. Im Auftreten könnte man wirklich sagen, dass er an Steven Tyler (Aerosmith) erinnert. Steve war bestens gelaunt, und wir erlebten während des gesamten Konzerts wirklich erstklassigen Gesang. So oder so haben sich Gotthard als äußerst kompakte und bestens eingespielte Band erwiesen, denn man spürte keinen einzigen Moment, in dem Entschlossenheit und Selbstvertrauen auch nur ansatzweise nachgelassen hätten. Die Band streute zwei interessante Coverversionen ins Repertoire ein, die in der Geschichte des Wunders namens Rock schon einmal bearbeitet wurden. Die erste ist Hush (Little Richard), mit der schon Deep Purple gespielt haben, die zweite Mighty Quinn (Bob Dylan), mit der sie den regulären Teil des Konzerts beendeten und mit der auch schon die legendäre Manfred Mann’s Earth Band gespielt hat.

Das Repertoire war abwechslungsreich, und Gotthard deckten damit ihre gesamte Diskografie ab. Wie gesagt war das Publikum (so viele wir eben waren) während des Konzerts außerordentlich lebhaft, denn Steve hat uns mit seinem unermüdlichen Spiel wirklich mitgerissen. Die Band war gegen Ende besonders aufgedreht, denn irgendwann in der zweiten Hälfte des Auftritts kam ein Roadie auf die Bühne, um die Neuigkeit vom Ausgang des Spiels zwischen der Schweiz und der Türkei zu überbringen, das genau während ihres Konzerts in Ljubljana lief. Die Schweizer schlugen die Türken mit 2:0, und Gotthard drehten auf der Bühne noch einmal richtig auf. Kurz gesagt: eine tolle Party, ein toller Auftritt (kompakt, entschlossen), makelloser Sound, Explosivität und ein gehäuftes Maß an Melodik, vereint in wunderschönen Kontrasten. All das ist die Voraussetzung für ein richtiges Rockfest, und das haben Gotthard an diesem Abend aufgeführt, leider in der fast leeren VPK-Halle. Ich stand nämlich im Parterre, und zwar in der zweiten und zugleich letzten Reihe. Offenbar haben die Slowenen für immer vergessen, was „Rock“ ist, und treiben sich heute lieber in anderen Sphären herum.

Setlist

1. All We Are
2. Dream On
3. Hush
4. I’ve Seen An Angel Cry
5. Top Of The World
6. I Wonder
7. Said And Done
8. One Life, One Soul
9. Let It Be
10. Sister Moon
11. The Other Side Of Me
12. Fist In Your Face
13. Firedance
14. Stay For The Night
15. Human Zoo
16. Mountain Mama
17. Mighty Quinn
—Zugabe—
18. In The Name
19. Heaven
20. Lift U Up
21. Anytime, Anywhere

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