Vai fegt mitten in Zagreb die Ljubljana-Erfahrung von vor zwei Monaten komplett weg (2005)
Autor: Aleš Podbrežnik
Ort: Zagreb / Tvornica Kulture / Kroatien
Konzertdatum: 13.11.2005
Besucherzahl: 1400
Ticketpreis: 230,00 HRK
Hast du schon mal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn du viel zu übermütig und euphorisch zum Konzert angerauscht kommst und dich dann die feste Hand eines Ordners packt: „Hey du! Wohin willst du?!?!“ „Zu meinem Ticket.“ „Es gibt keine Karten mehr, Leute, wer ein Ticket hat, soll durchgehen!“ Verdammte Scheiße, wir werfen uns einen Blick zu, mein Kumpel und ich. Und was jetzt? Wir hingen draußen vor der Tvornica rum und sabberten beim Anblick der endlosen Menschenmasse, die durch die Tür strömte, natürlich mit Tickets in der Hand. Ein paar Pechvögel standen außer uns auch noch draußen. Eric Sardinas hatte längst aufgehört zu spielen, und wir froren uns draußen den Hintern ab und hofften auf ein Wunder. Um 22:20 ging die Tür für die Leute mit Presseakkreditierung auf. „Leute! Wir haben noch ein paar Karten gefunden!“ Achtung, „gefunden“ – sie haben Karten gefunden, als würden da irgendwo noch ein paar Tickets auf dem Boden herumliegen und jemand hätte sie zufällig aufgehoben. Das waren übrig gebliebene Karten, weil nicht alle „Presse-Götter“, die mit Akkreditierung eingeladen waren, am Start waren. Na, schau dir mal dieses Paradox an. Der Journalist kriegt sein Ticket gratis und taucht nicht mal beim Konzert auf. Und wir, zwei glühende Fanatiker aus Ljubljana, ohne Karten…
Wie auch immer, wir hatten Glück und konnten die übrig gebliebenen Tickets kaufen. Den ersten Song von S.Vai haben wir gerade noch erwischt. In die Halle kamst du praktisch nicht mehr rein, so rammelvoll war sie. Heiß wie in einem Kessel! Nach dem, was ich in Ljubljana gesehen habe, kann ich also nur eins sagen: Das Konzert von S.Vai in Zagreb war mindestens eine ganze Stufe besser. Sowohl beim Sound als auch bei der Performance. Stimmt, die Band hat eine DVD aufgenommen, deshalb haben sich alle maximal ins Zeug gelegt. Außerdem lag das Konzert fast zwei Monate nach dem in Ljubljana, die Chemie zwischen den Bandmitgliedern ist noch stärker geworden, die Band noch eingespielter, noch selbstbewusster und entschlossener.
Alien, Ikonoklast, Kind der vierten Dimension, die Gitarren-Inkarnation einer Gottheit – ach, was soll ich noch lügen. Steve Vai. Der Sound war das ganze Konzert über so präzise, wie ich es auf einem Konzert schon lange nicht mehr erlebt habe. Perfekte Balance. Steve die ganze Zeit im Mittelpunkt, in seinen typischen Posen, bestimmten und unbestimmten, ein Mann der tausend Gesichter, ein erstklassiger Bühnenakteur. Bis zur Bewusstlosigkeit entspannt und mit einem hervorragenden Sinn für Humor. Einige Nummern waren wirklich einmalig und unvergesslich. Der Tanz des Schamanen mit der Gitarre! Vai verriet, dass sie eine DVD drehen. Das Volk im Trance. Die Tvornica platzte aus allen Nähten, und während des Konzerts wurden ein paar halb bewusstlose Leute untergehakt raus an die frische Luft geführt. Vai leistete sich zum Ende des Konzerts einen außergewöhnlichen Trick, etwas, das du nicht jeden Tag erlebst. Die ersten zwei Minuten von For The Love Of God spielte er so, dass er sich auf die Hände des Publikums legte, das ihn kreuz und quer durch die Halle trug. Dabei wand und bog sich Vai ganz schön, so dass die Leute kaum hinterherkamen, ihn aufzufangen, damit er nicht auf den Boden knallt. Natürlich konnten sich die Fans nicht zurückhalten, nach der Gitarre zu greifen und die Saiten und Pickups seiner einzigartigen Ibanez anzufassen. Zwei Schränke von Roadies zogen Steve genau in dem Moment zurück auf die Bühne, als sich der Song in einen musikalisch viel komplexeren Teil verwandelt. Vai spielte auf den Händen des Publikums überlegen, ohne einen einzigen Fehler.
Die ganze Band war um eine ganze Potenz verspielter als vor knapp zwei Monaten in Ljubljana. Unglaublich, was die größere Bühne der Zagreber Tvornica im Vergleich zur VPK in Ljubljana ausmacht. Neben Steve zündete auf ganzer Linie vor allem der Bassist des Planeten Erde, der alles Dagewesene sprengt: Billy Sheehan. So charismatisch, wie Billy nun mal ist, gönnte er sich nach seinem Solo-Part, der das Hauptmotiv seines Songs The Suspense is Killing Me enthielt (von seinem neuen Soloalbum „Cosmic Troubsadur“, 2005), noch Shy Boy, im Grunde ein Erbe der Band Talas, bei der er Mitglied war. Das war also die Würze erster Klasse für dieses Konzert, denn der Song war auf keinem anderen Konzert der Tour davor gespielt worden. Außerdem bekamen alle im Publikum, die Vai in Ljubljana gesehen hatten, auch Freak Show Excess live – den Vai und seine Mitstreiter in Ljubljana aus der Setlist gestrichen hatten. Das Jamming war nicht zu toppen. Diesmal erzählte Steve Geschichten über Frank Zappa und machte sich über Prince lustig, während er der Gitarre einen hohen, sinusartigen Ton entlockte, der an Princes „Weibergesang“ erinnerte. Zappa soll mal auf den Kommentar eines Journalisten mit Holzbein im Interview: „Your long hair, makes you look like a woman!“ geantwortet haben: „Your wooden leg makes you look like a table!“
Eine Nacht voller positiver Energie, die Gänsehaut ohne Ende machte. Jetzt erst habe ich kapiert, was mir in Ljubljana alles entgangen ist. Sogar Steves Gesang in der Akustikversion von Rescue Me or Bury Me klang viel ernsthafter. Das einzige Problemchen, sprich Minus, fiel bei den Drums im Akustikset auf. Gerade bei Rescue Me Or Bury Me und Sisters: Jeremy kann einfach nicht raffiniert sein. Ein Song, der eine große Portion Sanftheit braucht, um genau so in die Ader zu gehen, wie er soll – das war es einfach nicht. Also: Es geht nicht nur um Wucht, Tempo und Athletik an den Drums. Versteh mich nicht falsch, Jeremy ist erstklassig! Ein erstklassiger Krawallmacher, schnell, mit extremem Kanonenschlag. Wenn es darum geht, schockierend schnell und zerstörerisch zu sein, ist Jeremy der richtige Mann am richtigen Platz.
Die Energie in der Tvornica war außergewöhnlich. Neben den heißblütigen Musikern trug dazu das temperamentvolle Publikum bei, das die Musiker auf der Bühne ständig lautstark anfeuerte und mit donnerndem Applaus belohnte. Am Ende blieb Vai buchstäblich die Luft weg bei diesem lauten Skandieren, und er war gut drei Minuten praktisch sprachlos und starrte nur in die Menge, die ihm die Energie zurückgab, und man sah, dass er wirklich gerührt war – ich glaube nicht, dass er das Ganze so routiniert runtergespielt hat.
Für alle weiteren Details lies den Bericht vom Konzert in Ljubljana! Also in einem Wort: Rasfuk. Kommentare der Zagreber wie etwa dieser: „Der Typ ist echt krank!“ passen wirklich zum Gesehenen. Im positiven Sinne. Einfach ein Konzert mit 3 Stunden 30 Minuten halsbrecherischer Jamming-Einlagen, unberechenbarer Bühnenstreiche und musikalischer Fetzen, von denen du nicht mal im Traum träumen könntest. Das alles ist ein Konzert von Steve Vai und seinen The Breed. Du musst kein Fan sein, du musst dir abends einfach nur den totalen Abschalt-Moment wünschen, und Steve Vai ist genau der Richtige, der dich dem totalen Abschalten entgegenführt! Ein Ereignis, das nur Superlative verdient!
Setlist
1.) Audience-Intro
2.) Glorious
3.) Audience is Listening
4.) Band introduction
5.) Building The Church
6.) Crying Machine
7.) Km Pee Du Wee
8.) Dave Wiener Guitar solo
9.) Reaper
10.) Whispering A Prayer
11.) Freak Show Excess
12.) Tony MacAlpine Keyboard solo
Acoustic set:
13.) Melissa’s Garden
14.) Sisters
15.) Rescue Me Or Bury Me
16.) Boy Girl Song
17.) Call It Sleep
18.) Pusa Road
19.) Jeremy and Vai interaction
20.) Jeremy Colsson solo drums
21.) Midway Creatures
22.) Billy Sheehan bass solo incl. The Suspense’s Killing Me
23.) Shy Boy
24.) I’m Becoming
25.) Lotus Feet
26.) I’m The Hell Out Of Here
—Zugabe—
27.) Liberty
28.) My Guitar Wants To Kill Your Mama (with E.Sardinas on-stage)
29.) For The Love Of God
30.) 25 Years On The Road Speech