Bang Your Head!!! 2018 – Aufwärmen mit Lordis `Zombifizierung` und Abbaths Bömbers

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Balingen / Volksbankmesse / Deutschland
Datum: 11.07.2018


Schon wieder Bang Your Head!!! im deutschen Balingen! Eine Versuchung, der man sich nicht widersetzen kann – eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Bist du einmal da unten, wirst du zwangsläufig zum Energie-Junkie. Ein Festival mit seiner ganz eigenen Charisma, seinem unverkennbaren Charakter – seit über zwanzig Jahren auf der Szene. Eine Tradition, die zählt. Wie immer gab es auch diesmal einen Aufwärm-Tag. Den Tag vor dem offiziellen Festivalbeginn. Dort, wie immer. In der Volksbankmesse. Die diesjährige Ausgabe des Festivals war in programmatischer Hinsicht allerdings etwas bescheidener ausgefallen. Das merkte man auch am Warm-up-Tag, der ausschließlich Acts mit festem Balingen-Stammdomizil aufbot – wobei den Konzertabend sogar eine »Tribute to«-Band beschloss.

Es war später Nachmittag. Anders als in den Vorjahren, wo wir am ersten Tag unserer Anreise traditionell die Kneipe Alt Balingen im Stadtzentrum aufsuchen, hielten wir uns diesmal in der Nähe des Geländes auf – zwischen Campingplatz und Getränkediscounter – und machten uns gut aufgetankt am späten Nachmittag auf den Weg zur Volksbankmesse, wo der Auftritt der ersten Band angekündigt war. Das waren Blood God aus Stuttgart, die bereits vor zwei Jahren auf dem Festival aufgetreten waren. Das Trio Blood God, angeführt von Thomas Gurrath, der die Band aus dem Projekt Big Ball heraus erschaffen hat, betreibt vorwiegend Heavy bis Hard Rock mit kompositorischem Einfluss, der auf dem Erbe von Bands wie AC/DC und/oder Accept fußt. Thomas Gurrath besitzt eine Stimme, die an Udo Dirkschneider erinnert – hier ist Heavy Metal mit Anleihen aus der alten Schule des Hard Rock. Dabei kann dasselbe Trio im Handumdrehen zu den Death-Metallern Debauchery mutieren. Was auch tatsächlich passierte – allerdings erst am nächsten Tag. Man spürte, dass Blood God hier Stammgäste sind, dass das Publikum sie in- und auswendig kennt, und so ernteten sie großartige Resonanz und echte Mitarbeit. Ein einleitender »Party-Time-Bash« mit unkomplizierten Metal-Riffs, die sofort im Ohr kleben und mit einem Adrenalinstoß beflügeln. Songs wie Vampire Holocaust, Crusaders of God, City Of Bones, Sexy Music, for Sexy People, … sorgten für eine gelungene Kombination aus Spaß und Okkultem, und die Band lieferte eine außerordentlich kohärente Show ab und überzeugte mit eingespielter Präzision sowie einem durchdacht ausgearbeiteten, sprich professionellen Auftritt.

Als Nächstes betraten die schwedischen Rock’n’Roll-Revivalistinnen Thundermother die Bühne. Das Quartett vier imposanter Mädels ist seit 2009 auf der Szene und hat drei Studioalben im Gepäck. Das jüngste davon, »Thundermother«, haben die Mädels genau in diesem Jahr veröffentlicht. Es war mit Songs wie Fire in the Rain, Quitter, Revival und Whatever auch ordentlich im Repertoire vertreten; Gesellschaft leisteten ihm natürlich auch die Alben »Road Forever« (mit Give Me Some Lights und It’s Just a Tease) sowie »Rock‘ N‘ Roll Disaster« (mit Hellevator und We Fight For Rock ‚N‘ Roll). Die Band spielte außerdem noch die Singles Hellevator und We Fight For Rock‘ N‘ Roll, mit dem sie einen ausgesprochen souveränen Konzertauftritt abschloss. Thundermother haben, passend zu ihrem bedeutsamen Bandnamen, im vergangenen Jahr tatsächlich eine stürmische Phase durchgestanden: Die Band, die bis dahin als Quintett agiert hatte, stand plötzlich ohne vier Mitglieder da. Gitarristin Filippa Nässil ist das einzige verbliebene Originalmitglied und beeindruckte mit ihrer selbstbewussten Haltung – beim Solieren griff sie sogar zur Bierflasche und slidete damit über den Gitarrenhals. Die Mädels verstehen es, auf der Bühne genau jene Anziehungskraft zu entfachen, die Frauenbands eigen ist, wenn sie mit der Magie des Rock hantieren. Dafür brauchen sie keine Zauberei in Form von Miniröcken und hohen Absätzen – sie schaffen das schlicht durch das Vermitteln von Rohheit und frecher Ungezwungenheit. Die Band, die fortan als Quartett fungiert, bewies mit dem Auftritt, dass sie die Krise überwunden hat, und gewann das Publikum mit einer vehementen, kühnen, hervorragend eingespielten Bühnenperformance.

Dann herrschte für eine knappe Stunde Power-Metal-Märchenland und Flöterei, als Twilight Force die Bühne erklommen. Wieder eine Band, die begriffen hat, dass bei der jüngeren Metaller-Garde heute vor allem Glanz und Kitsch zieht. Und dennoch … es handelt sich nämlich um ein Sextett aus erfahrenen schwedischen Musikern, ergänzt durch den italienischen Sänger Alessandro Conti, der ebenfalls jede Menge Bühnenerfahrung mitbringt, da er unter anderem auch bei Rhapsody gesungen hat (in der von Luca Turilli geführten Version). Kurzum, eine Truppe mit reichlich Erfahrung, die seit sieben Jahren aktiv ist und zwei Studioalben im Gepäck hat. Das Konzert war ein exklusives, da Twilight Force in diesem Sommer auf europäischen Festivalbühnen nur sporadisch auftraten. Die Band füllte erwartungsgemäß ihr Repertoire komplett mit Material beider Studioalben – nämlich »Heroes of Mighty Magic« (2016) und »Tales of Ancient Prophecies« (2014). Eine überaus vorhersehbare Odyssee durch die Stunde des Auftritts, gespickt mit einer Fülle symphonischer Verzierungen, die auch zu Folk-Einlagen abdrifteten. Pompös und bombastisch. Ultramusikalisch und augenblicklich ansteckend. Ohne unerhörte musikalische Überraschungen, die einen wirklich »verblüffen« könnten – Alessandro ist ein echter Operetten-Vokal-»Conan«, und der Rest dieses schwedischen Mini-Power-Metal-Orchesters ist in puncto Ausführung bis ins letzte Detail mit pedantischer Perfektion ausgefeilt. Eine Band also, die in erster Linie brennenden Power-Metal-Seelen auf den Leib geschrieben ist!

Lordi haben beim Bang Your Head!!! bereits mehrfach gespielt. Sowohl in der Halle als auch auf dem offenen Festivalgelände (der Hauptbühne). Sie sind also alte Bekannte des Festivals, und das Publikum war mehrheitlich tatsächlich des Warm-up-Shows wegen gekommen – ihretwegen. In den vorderen Reihen drängten sich »Kinder«, darunter auch kreischende Mädchen. Der Chor der Gummi-Zombies zog sein Konzert erwartungsgemäß durch. Im Glanz einer bombastischen Verschmelzung von Feierlichkeit, Schrecken und teuflischer Besessenheit mündete das vorproduzierte Intro in den Titeltrack des neuen Albums »Sexorcism«, und die Party mit der finnischen Metal-Attraktion nahm ihren Lauf. Richtig Öl ins Feuer goss direkt der zweite Song, das berüchtigte Who’s Your Daddy, das zum eisernen Repertoire der Band gehört, während das dritte Stück This Is Heavy Metal (Album »Babez For Breakfast«, 2010) mit Theater unterhielt, das allerdings nicht mehr mit so brutalen Szenen und Schauspieleinlagen aufwartet wie einst – was Lordi aufgrund zahlreicher Drücke aus ihrem etablierten Repertoire und »Speisekarten« streichen mussten. Konfettiregen. Pflicht! Auch diesmal fehlte er nicht. Bei Lordi zählt natürlich der Party-Theaterzauber. Wer zu ihrem Konzert kommt, kommt zum Abschalten und zum Genießen der Show. Dass die Band eine ganze Menge vorproduzierte Backing-Tracks einsetzt – das gilt vor allem für Keyboards, chorische Vokalharmonien und die stimmliche Unterstützung für Mr. Lordi –, ist keine Neuigkeit mehr, kein Wunder. Amen hüpfte wieder theatralisch auf einem Bein von einer Bühnenseite zur anderen – das bleibt sein Markenzeichen –, und Mr. Lordi bleibt im gesamten Bühnen-»Eintopf« der Band natürlich der Brennpunkt jedes Lordi-Konzerts. Die Band lieferte ein Repertoire, das das diskografische Werk der Gruppe geschickt und wirkungsvoll umspannte. Beim neuen Album übertrieb sie es nicht. Neben dem einleitenden Titeltrack des Albums Sexorcism spielte sie außerdem die brandneuen Your Tongue’s Got A Cat und Naked In My Cellar, und für das letzte Drittel des Konzerts hatte sie den Großteil der Songs aus den Alben »The Arockalypse« (Hard Rock Hallelujah, It Snows In Hell) und »Get Heavy« (Devil is a Looser, abschließend Would You love A Monster Man?) aufgespart. Ein erwartbarer Spannungsbogen und damit eine wirkungsvolle Schaffung eines atmosphärischen Crescendos genau im abschließenden Teil des Spektakels. Überraschend etwas kurz, mindestens fünfzehn Minuten kürzer als angekündigt – trotzdem. An Spaß mangelte es nicht. Mit Lordi auf der Bühne ist es stets höllisch und glitschig. Für Kiss-Fans braucht man das ohnehin nicht gesondert zu betonen.

Da der Veranstalter in musikalischer Hinsicht den Geschmack aller Generationen befriedigen wollte, die dem Bang Your Head!!! treu die Stange halten, setzte er ans Ende des Warm-up-Tages die Band Bömbers. Das ist eine Tribute-to-Motörhead-Band, angeführt vom bekannten Olve Elkemo, allen besser bekannt unter dem »berüchtigten« Spitznamen Abbath (»Abbaths Abhang« ist bekanntlich der legendäre Sturzschauplatz dieses Musikers beim Metaldays-Festival in Tolmin). Der Mann ist außerdem eine ehemalige tragende Säule der Black-Metaller Immortal. Heute also Bömbers, morgen Abbath – die haben tatsächlich auch am nächsten Tag so auf dem Festival gespielt! Bömbers schüttelten also die Szene mit Coverversionen von Motörhead auf. Was soll man sagen? Den älteren Herren, mit denen ich am nächsten Tag geplaudert habe, behagte das Ganze überhaupt nicht, und sie machten aus ihrer Empörung über die Vorstellung keinen Hehl. Fest steht: Olve hat Charisma sondergleichen. Obwohl seine Pose die Bühnenbewegungen von Lemmy und seine Eigenheiten sehr treffend einfängt, ist Olve stimmlich Lichtjahre vom eisernen Kanzler entfernt. Klanglich passt die Stimme zu den Motörhead-Riffs und ist also durchaus damit verträglich. Doch wenn Olve sich an die Imitation von Lemmys Heiserkeit wagt, driftet seine Imitation sehr schnell in Richtung des allseits bekannten Immortal-Gegrunzes ab. Andererseits muss man auch nicht so kleinlich sein. Die Band spielte eine Setlist mit Songs, die Motörhead in reifen Jahren selten oder gar nicht mehr gespielt hatten. Besonders spaßig waren I’ll Be Your Sister, Jailbait, The Hammer, Stone Dead Forever und gegen Ende Motörhead. Ansonsten würzte die Band das Repertoire mit den kultigen Klassikern der Gruppe. Die Set-Eröffnung übernahm direkt Ace Of Spades, und danach folgten: Stay Clean, No Class, Iron Fist, Shoot You in the Back, Damage Case, Metropolis (mit gekreuzten kleinen Fingern), Over the Top, Killed By Death, Bomber und zum Abschluss Overkill. Vielleicht sollte Olve während des Konzerts etwas weniger an seiner Frisur herumfummeln – Lemmy war schließlich nie für sein gepflegtes Äußeres bekannt. Insgesamt aber versöhnlich. Was das Spiel, die Kompaktheit und das »Parodieren« beziehungsweise Imitieren angeht. Die Halle hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich geleert. Weil die Mehrheit wegen Lordi gekommen war, die musikalisch mit Motörhead unvereinbar sind. Nun ja, auch der verbliebene Rest der reiferen Herrschaften verließ das Gelände unter Murren früher, als sie es getan hätten, wenn jemand auf der Bühne gestanden hätte, der sie mehr an Lemmy erinnert hätte, als Olve an diesem Abend mit seinen beiden Kumpanen vermochte. Hinzu kommen noch zwei weitere Faktoren, wegen derer einige die Nase rümpften. Der erste ist die große Verwöhntheit des deutschen Publikums, der zweite der respektvolle Umgang mit dem Vermächtnis der verstorbenen Motörhead, das es kaum duldet, dass sich irgendjemand ihnen überhaupt »nähert« (und sei es nur mit der Fernbedienung). Summa Summarum. Durchaus korrekt und ziemlich unterhaltsames theatralisches Rumpeln und Toben – eine Abenteuerreise durch die berühmte Ära der goldenen Zeiten des Rock’n’Roll, also der Ära, als die unvergesslichen Motörhead den Planeten zum Beben brachten.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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