Rock Of Ages 2016 (erster Tag) – extremer Höhepunkt mit In Extremo!
Ort: Seebronn (Rottenburg am Neckar) / Festplatz / Deutschland
Datum: Freitag, 29.07.2016
Damit war die insgesamt elfte Ausgabe des Festivals Rock of Ages an der Reihe, das vom Team des deutschen Musikmagazins »Heavy, Oder Was?« organisiert wird. Dasselbe Team ist gleichzeitig mitverantwortlich für die Organisation des weitaus berühmteren Festivals Bang Your Head!!!, das zwei Wochen zuvor in Balingen stattfand. Das diesjährige Rock Of Ages hatte eine Menge interessanter Namen aus den Reihen unbestrittener Rock-Veteranen aufgeboten. Deshalb erschien es vierzehn Tage nach unserem Besuch der Kleinstadt Balingen, wo das insgesamt einundzwanzigste Festival Bang Your Head!!! stattfand, äußerst verlockend, auch das Dörfchen Seebronn bei der größeren Ortschaft Rottenburg am Neckar zu besuchen, das inmitten des Schwarzwaldes liegt, also im Herzen des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg.
Im Gegensatz zum Bang Your Head!!!-Festival bietet Rock of Ages einen wesentlich entspannteren Zeitplan bzw. ein weniger vollgepacktes Programm der Auftretenden. Es gibt keine Überschneidungen zwischen den Künstlern, denn es gibt nur eine einzige Bühne. Da das Festival den Namen »Rock of Ages« trägt, ist es logisch, dass hauptsächlich Künstler mit ehrwürdigem Dienstalter und Anfängen in den Sechzigern oder frühen Siebzigern eingeladen werden. Deshalb ist es auch schwieriger, genug verfügbare Namen zu finden, die noch aktiv auf der Szene sind. Besonders wenn man sich entscheidet, ein Festival drei Tage hintereinander zu veranstalten, was ein Merkmal der diesjährigen Ausgabe des Rock of Ages Festivals war.
Also, erster Tag. Die erste Band von fünf auftretenden Acts des ersten Tages war für fünf Uhr nachmittags angekündigt. Das war kein anderer als Graham Bonnet mit seiner Begleitband. Derselbe Graham Bonnet, der zum ersten Mal ernsthaft auf sich aufmerksam machte als Mitglied von Rainbow, mit dem er das Album »Down to Earth« (1979) aufnahm. Bonnet stieß zu Rainbow nach seiner Zeit mit dem Duo The Marbles und nachdem er bereits zwei Solo-Studioalben in der Tasche hatte. Eigentlich hat ihn Richie Blackmore buchstäblich The Sweet entrissen, nachdem diese ihn bereits ausgewählt hatten, Brian Connolly am Mikrofon zu ersetzen. Später gründete Bonnet die Band Alcatrazz, bei der Steve Vai und Yngwie J. Malmsteen ihre ersten Schritte in Richtung äußerst erfolgreicher Karrieren machten. Außerdem sang Bonnet für Michael Schenker Group (MSG), dann Impellitteri, Stardust Reverie, Anthem und unter anderem für das Projekt Forcefield. Kurzum. Eine lebende Legende unter den Hard-Rock-Sängern des Planeten. Neben Bonnet gehören heute zu seiner Crew noch der höchst geschätzte ehemalige Fates Warning-Schlagzeuger Mark Zonder (auch bei Warlord), der brasilianische Gitarrist Conrad Pesinato sowie Bassistin Beth-Ami Heavenstone. Dieses Team hat in diesem Jahr eine EP mit zwei Songs und dem Titel »My Kingdom Come« aufgenommen und veröffentlicht. Bonnet legte erwartungsgemäß direkt mit Eyes of the World los, also einem Rainbow-Song. Die nostalgisch und Rainbow treu ergebene deutsche Zuschauermenge war damit schnell seine. Was während des Auftritts störte, war die Erkenntnis, dass alle Keyboards als Playback liefen, und das galt auch für die Backing Vocals. Beth-Ami wirkte zwar bei den Backing Vocals mit, tat dies aber ziemlich ungeschickt, weshalb man schnell merkte, dass sie ziemlich schlecht »playbackte«. Bonnet, der im nächsten Jahr die runden siebzig Jahre vollendet, startete den Konzertauftritt zwar kraftvoll und nutzte dabei all seine Charisma seines ewig eitlen, frechdreisten Outfits mit zurückgekämmten und mit Pomade glattgestrichenen Haaren. Im Laufe des Konzertauftritts ging ihm etwas die Puste aus, und der Gesang wurde gegen Ende des Konzerts ein bisschen müde und angeschlagen, trotz einer etwas tieferen Stimmung, bei der auch der anspruchsvollere Refrain des erwarteten Rainbow-Hits Since You’ve Been Gone (orig. Russ Ballard) souverän rüberkam. Im Repertoire fanden sich im Laufe der knappen Stunde Auftritt auch folgende Nummern: All Night Long (orig. Rainbow), S.O.S. (Bonnet solo), God Blessed Video (orig. Alcatrazz), Night Games (Bonnet solo), Dancer (orig. MSG), Desert Song (orig. MSG), Love’s No Friend (orig. Rainbow), Jet to Jet (orig. Alcatrazz) und das abschließende Lost in Hollywood (orig. Rainbow). Ausgezeichnet schlug sich Gitarrist Conrad Pesinato, der eine außergewöhnliche Vorstellung ablieferte. Von Kopf bis Fuß. Mit Schweißperlen auf der Stirn. Er kommt definitiv nicht an Blackmores Originale heran, vom Stil und natürlich vom »Ansatz« her. Auch der Gitarrensound ist härter und direkter, doch Pesinato stopfte alle hörbaren »Lücken« mit unglaublicher Spieltechnik äußerst erfolgreich zu. Also ein schönes Eröffnungs-Warming-up mit dem großen Graham Bonnet!
Die erste kalte Dusche des ersten Festivalstages ereilte uns Besucher ziemlich bald. Noch vor dem Auftritt von Graham Bonnet Band. Denn der Chef der Festivalorganisation, der eine und einzige Horst, trat an die Bühnenvorderseite und verkündete, dass UFO den heutigen Auftritt abgesagt hatten, weil Sänger Phil Mogg sich einer Notoperation unterziehen musste. Die Bandscheiben hatten sich abgenutzt. Das kommt mit den Jahren, und das Problem nennt sich »hernia disci«. Also blieben wir beim Song Doctor Doctor, der am 27.7.2016 als Intro zum Iron Maiden-Auftritt in Split erklang, und mussten uns damit begnügen. Nächstes Jahr! UFO! Zeigt euch in Seebronn! Horst tröstete die Besucher auch diplomatisch, da die anderen Bands ihm versichert hatten, dass sie ihre Auftritte verlängern würden. Nun ja, Bonnet hat sich da nicht gerade hervorgetan, da er seine Show nur um ganze fünf Minuten streckte.
Eine ganz andere Geschichte sind Saga! Die unermüdlichen Kanadier, die seit jeher außerordentliche Beliebtheit auf deutschem Boden genießen. Ihre aktuellen Konzerttouren sind in Deutschland nach wie vor regelmäßig ausverkauft, weshalb Saga generell als eine der wenigen Bands mit einer Karriere gilt, die bis in die Siebziger zurückreicht und die aufgrund ihrer Beliebtheit überhaupt Touren unternehmen kann, nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Europa. Saga, die ihr letztes Studioalbum mit dem Titel »Sagacity« im Jahr 2013 veröffentlichten, streckten ihre Show. So, wie Horst es versprochen hatte. Aus dem Repertoire strichen sie jedoch sämtliche Songs ihres aktuellen Albums, was überraschend war. Sie lieferten ein neues Spitzenspektakel ab, das dich in einen Bann zieht, dem du nicht entkommen kannst, bis der letzte Ton des Konzertauftritts verklungen ist. Die Band hatte auch eine außerordentlich anschauliche Setlist vorbereitet, die – um es nicht zu bescheiden auszudrücken – begeisterte. Erwartungsgemäß eröffnete das spieltechnisch bis an die Zähne gerüstete Quintett das Konzert mit einem Song, der das Publikum sofort in den Bann ziehen muss. Wenn du die »Silent Knight«-Klassikerin Don’t Be Late angehst, gehört dir das Publikum in Deutschland in der Regel im Nu. Und auch diesmal war es nicht anders. Die Band überraschte gleich im Anschluss mit der Aufnahme der »Heads or Tales«-Klassikerin Social Orphan ins Programm. Das ist ein Song, den Saga äußerst selten bei Konzertauftritten spielen. Im weiteren Verlauf gossen die Klassiker You Are Not Alone, On the Loose Öl ins Feuer, und die Band belohnte alle Feinschmecker erneut mit der Darbietung von Give Me the Money (»Saga«, 1977). Damit sich der Verfasser dieses Berichts zu nichts hinreißen lässt, bestätigte die Gruppe im weiteren Verlauf nur noch, dass es ein Auftritt der Superlative war. Someone Should, ein übersehener Klassiker des Albums »Silent Knight«, lässt erneut Gänsehaut über den Rücken laufen. Das Szenario ist außergewöhnlich, reif für die Aufnahme und Veröffentlichung eines Livealbums. Interessant ist auch die Entscheidung der Band, den »Network«-Song Keep it Real ins Repertoire zurückzubringen, sodass also auch ein Stück aus der späteren Schaffensperiode der Gruppe erklang. Die Intensität des Auftritts blieb auf Hochtouren mit No Stranger aus einem der erfolgreichsten Alben der Gruppe, »Worlds Apart«. Als Wind Him Up, How Long, What’s It Gonna Be, Humble Stance und Careful Where You Step nacheinander folgten, steigerte sich die Atmosphäre stufenweise in das große Finale und den Höhepunkt. Das Konzert näherte sich langsam seinem Ende. Die Band vergaß nicht, auch das hervorragende Scratching the Surface ins Programm aufzunehmen, das natürlich vollständig (wie im Original) vom Keyboarder der Gruppe Jim Gilmour gesungen wurde.
Saga bleiben außergewöhnlich. Sadler behält seinen außergewöhnlichen Gesang. Voller Charisma, einzigartiger Charakteristika, einzigartigen Gesangsansatzes, der der musikalischen Identität der Gruppe eine besondere und unverwechselbare Note verleiht. Unglaublich sind die Rochaden zwischen Jim Crichton und Michael Sadler im Bereich Keyboards und Bassgitarre – einen der Songs spielte Michael Sadler auch auf der Bassgitarre. Noch atemberaubender ist die konzertante Ausführung der Begleitharmonien, die Sadler umgeben. Und ganz zu schweigen vom Beitrag eines der meist übersehenen und einzigartigen Gitarren-Juwelen der Galaxie! Das ist Ian Crichton, der erneut mit seiner Außergewöhnlichkeit verblüffte. Poesie einer Vorstellung. Die Band hatte als Zugabe noch The Flyer (»Heads or Tails«, 1985) sowie Book of Lies (Album »10.000 Days«) vorgesehen, spielte sie jedoch nicht, weil die Zeit fehlte. Also. Saga spielten ein Konzert von einer Stunde und fünfzehn Minuten, was bedeutet, dass sie ihr Konzert um fünfzehn Minuten streckten. Wenn man unterm Strich zieht, ist es nicht schwer zu schlussfolgern, dass wir einen der Höhepunkte des gesamten Festivals erlebt haben.
Um niemandem Unrecht zu tun. Der nächste Künstler im Programm des ersten Festivalstages war kein anderer als der »deutsche Richie Blackmore«! Das ist natürlich der einzigartige Axel Rudi Pell. Der erfahrene weißhaarige Gitarrist, cremeweiße Fender Stratocaster, barock »aufgetürmte« Aufmachung! Im Team erfüllt nach wie vor der außergewöhnliche Johnny Gioeli (Harldine) die Rolle des Hauptsängers, während die Besetzung durch (Rudis ewig treue) Weggefährten Volker Krawczak (Bassgitarre) sowie Keyboarder Ferdy Doernberg ergänzt wird, und um das Maß voll zu machen: der einzigartige Bobby Rondinelli am Schlagzeug. In dieser Hinsicht hat Axel nach dem Abgang des zwar erstklassigen, aber charakterlich schwierigen Mike Terrana das große Los gezogen, denn den Schlagzeughocker übernahm ein Mann, der seinen Stempel bei Black Sabbath, Blue Oyster Cult, Rainbow, Riot, The Lizzards und noch anderswo hinterlassen hat. Auch Axel Rudi Pell streckte mit seinem Team den Auftritt auf eine Stunde und fünfzehn Minuten. Meistens verband er die Nummern zu Medleys aus zwei oder drei Songs. Der Mann präsentierte mit seinem Team auch sein aktuelles Studioalbum »Game of Sins«, das Anfang dieses Jahres erschienen war. So eröffnete das Konzert mit dem druckvollen neuen Song Fire, dem jedoch schnell die Klassiker Fool Fool, Nasty Reputation, Strong as A Rock, das außergewöhnliche Oceans of Time, The Clown is Dead, Burning Chains, Mystica, das wunderschöne The Line, Edge of the World und der abschließende Knockout folgten, der das Konzert durch die Regie des Stücks The Masquerade Ball zum Höhepunkt führte, das langsam in Casbah überging und erwartungsgemäß weiter in Rock the Nation. Die Band gönnte sich in der Mitte auch einige solistische Zauberkunststücke (an der Spitze mit einem Solo auf Keyboards und Schlagzeug), die in den Song Game of Sins eingebettet waren.
Bei der außergewöhnlichen Vorstellung, bei der die Bühne förmlich unter dem klassischen Hard-Rock-Charakter bebte, den die musikalische Identität der Band verkörpert, imponierte weithin die Vorstellung von Johnny Gioeli, der das Konzert von der ersten bis zur letzten Sekunde auf außerordentlichem Niveau absang. Ohne mit Kräften zu sparen. In höchster Form. In jeder Lage bewahrte der Kerl eine erschütternd ausdrucksstarke Darbietungspower. Auch gegen Ende des Konzerts fehlte es ihm nicht an Puste. Unglaublich. Dabei lief er die ganze Zeit von der linken zur rechten Seite der Bühne, kommunizierte mit dem Publikum am vorderen Ende des Catwalks und »neckte« seine Kollegen auf der Bühne.
Wenn du ein Fan der klassischen Rainbow, Deep Purple, der späten Black Sabbath-Ära (mit Tony Martin am Mikrofon) bist, musst du unbedingt den Diskografie-Opus prüfen, der hinter dem Namen Axel Rudi Pell steht. Allen voran mit den solistischen Meisterwerken des filigranartig feinfühligen Gitarrenmeisters Axel Rudi Pell, der auch auf der Bühne des Rock Of Ages Festivals einmal mehr seine Zauberkraft unter Beweis gestellt hat. Absolute Brillanz.
Für das große Finale des ersten Tages wählte der Veranstalter eine Band, die sich nicht besonders gut mit dem Namen »Rock of Ages« verbindet. Ihr Ziel war es, so viel Publikum wie möglich zum Festival bzw. zum ersten Festivaltag zu locken. Die deutschen Mittelalter-Metaller In Extremo. Die Berliner Band, die seit etwa 1995 aktiv ist, gilt in Deutschland als außerordentlich populär. Erinnert sich jemand von euch noch an ihren Klubauftritt im Ljubljanaer K4, weit zurück im Jahr 2001? Die Anfänge waren also bescheiden, doch im Laufe der Jahre wuchs die Gruppe zur führenden Kraft des sogenannten Medieval Metals heran, der überwiegend genau auf deutschem Boden gedeiht. Gekleidet in Gewänder des Altertums, ausgestattet mit einem Instrumentarium, das neben gewöhnlichen Instrumenten (Gitarre, Bassgitarre, Schlagzeug) auch »exotische«, meist selbst hergestellte Instrumente nach dem Vorbild mittelalterlicher Herkunft und Überlieferung enthält (Harfe, Dudelsack, Hurdy-Gurdy, Zither, verschiedene Flöten und Schlaginstrumente). Troubadour-Metal also! Größtenteils wird bei In Extremo alles auf Deutsch gesungen. Wie die einleitenden Passagen enthüllen, ist es nicht schwer zu erkennen, dass In Extremo mit der Melodik der Volksmusik des mittelalterlichen Troubadourtums kokettieren, während gleichzeitig die angriffslustigen und einfachen Rhythmen den fernen Charme von Rammstein evozieren, verbunden mit dem Vortrag deutscher Verse, die abgehackt und autoritär vorgetragen werden. In Extremo begannen ihre Show spektakulär. Feurig. Buchstäblich. Mit Pyrotechnik-Effekten. Beim Auftritt präsentierten sie ihr neues Studioalbum »Quid Pro Quo« und hüllten mit außerordentlicher Bühnendynamik, bei der das Szenario dem Publikum nicht einmal einen Hauch Raum ließ, auch nur für einen Moment Luft zu holen, das Gelände in eine eigentümliche Atmosphäre, der kein anderes Konzertabenteuer auch nur annähernd das Wasser reichen kann. An der Spitze der Gruppe thront nach wie vor der Sänger mit dem Spitznamen »Das letzte Einhorn«, dem das Publikum, bewaffnet mit der Kenntnis der Texte, buchstäblich aus der Hand fraß. Genau diese fanatische Mitwirkung des Publikums (besonders der vorderen Reihen, in denen sich auch die »Jugend« drängte) bestätigte, wie beliebt und wie groß In Extremo in Deutschland sind. Die mehrköpfige Crew nutzt die Bühne auch äußerst geschickt, wobei je nach Entwicklung der Kompositionen verschiedene Instrumente in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit treten. So trat im Intro des Songs Vollmond der Harfist auf den Catwalk, während bei Zigeunerskat beide Dudelsackbläser einen Großteil der Aufmerksamkeit auf sich zogen usw… Kurz gesagt, ein vollkommenes Spektakel von knapp zwei Stunden schloss in großem Stil den ersten Festivaltag ab. Definitiv der Höhepunkt des ersten Festivaltages, was die Spektakularität angeht.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik



































































